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Ecocriticism und Postkolonialismus: Wenn Land erinnert

In unseren Green Library Lesungen mit den Autorinnen Jessica J. Lee, Jennifer Neal und Inger-Maria Mahlke ging es darum, wie Natur und Umwelt sowohl lokal, als auch im globalen Kontext verhandelt werden. Ob ihre Werke nun in Taiwan, im Süden der USA oder auf Teneriffa spielen, es wurde immer wieder klar, dass die Themen – Benennung von Pflanzen, Natur als Faktenchecker, Beherrschung von natürlichen Ressourcen – von globaler Relevanz sind. Vor allem eine Betrachtung durch eine postkoloniale Brille, offenbart koloniale Zusammenhängen und die Weiterführung von Machtdynamiken, die durch den Kolonialismus etabliert wurden. Die Erforschung derartiger Literatur fällt in den Bereich des Ecocriticism. Dieser Essay ist eine Annäherung an das Potenzial dieses Konzepts in Verbindung mit einer postkolonialen Überprüfung von Geschichtsschreibung.

Ecocriticism ist ein Konzept mit einem interdisziplinären Ansatz, dass sich in den USA herausgebildet hat, um die verschiedenen Arten und Weisen zu untersuchen, mit denen Menschen sich die menschliche Beziehung zu Natur und Umwelt vorstellen und wie sie diese in Büchern, Filmen oder Kunst porträtieren. Die direkte deutsche Übersetzung „Ökokritik“ wird immer noch eher selten verwendet. Thematisch ist das Feld durchaus vielseitig und kann von Beschreibungen idyllischer Landschaften, der Wildnis und Tieren hin zu Umweltverschmutzung, Apokalypse und Zukunftsvisionen reichen. Positionen wie Ökofeminismus, Ökomarxismus oder Tiefenökologie fallen in dieses Feld.

Teilweise entspringt die Motivation für ökokritische Werke direkt dem Umweltaktivismus, dessen Relevanz Gruppen wie Fridays for Future, Scientists for Future oder Extinction Rebellion im Jahr 2019 in zahlreichen Protestaktionen deutlich sichtbarer gemacht haben. Neben Fragen nach dem Erhalt der Natur spielen aber auch Verbindungen zwischen Konzeptionen von Natur und Kultur eine Rolle, d.h. Ecocritics analysieren in wie fern Gerechtigkeitsfragen neben der Umwelt verschiedene Menschengruppen unterschiedlich betreffen – z.B. Menschen im globalen Norden oder Süden, Menschen verschiedenen Geschlechts, Schwarze Menschen, People of Color, Indigene oder weiße Menschen, usw. An dieser Stelle taucht Macht als zentrale Komponente auf, die ebenfalls für den Postkolonialismus und sein Hinterfragen von kolonialen Kontinuitäten zentral ist.

Dieses Interesse an Machtdynamiken und an unterschiedlicher Betroffenheit gilt aber nicht für alle ökokritischen Werke. Tatsächlich wird dem Feld genau wie aktuellen grünen, aktivistischen Bewegungen unkritisches weißsein, Blindheit für Rassismus und Positionen von BIPOC – also Schwarzen, Indigenen und People of Color – vorgeworfen. Genauso wie vor Kurzem Vanessa Nakate in den Medien in einem Beitrag über Klimaaktivismus aus einem Bild rausgeschnitten wurde, so dass nur noch weiße Fridays for Future Aktivistinnen zu sehen waren, werden ökokritische BIPOC Stimmen immer wieder unsichtbar gemacht. Doch es gibt sie und ihre Werke verdienen deutlich mehr Aufmerksamkeit. Eine davon ist die Afroamerikanerin Lauret Savoy, für die das Schreiben über die komplexen Verflechtungen von Natur- und Kulturgeschichte eine Möglichkeit ist, in den Ruinen und Scherben dieser Welt, die kleine und größere Konflikte hervorgebracht haben, Zugehörigkeit zu suchen.

Eine Analyse verschiedener Aspekte – wie Ortsnamen, offizielle Erinnerungspolitik und die Suche nach Spuren, die eine andere Perspektive auf beides eröffnen, – anhand von Lauret Savoys Buch Trace: Memory, History, Race, and the American Landscape (etwa: Spuren: Erinnerung, Geschichte, Race und das amerikanische Land) veranschaulicht auf einzigartige Weise, wie produktiv Postkolonialismus und Ökokritik zusammen nutzbar gemacht werden können. Savoy nimmt ihre Leser*innen mit auf eine Reise durch die USA, um ihrer eigenen Familiengeschichte näher zu kommen und zu erforschen, wie die Idee von Race durch menschliches Handeln in das Land eingeschrieben wurde. Ihr essayistisches Buch verbindet detailreiche Naturbeobachtungen mit autobiographischen Anekdoten. Als Ausgangspunkt dienen ihr die Lücken in ihrer eigenen Familiengeschichte. Als Nachfahrin von versklavten Menschen konnten ihr ihre Eltern wenig über ihre Vorfahr*innen erzählen. Mit einigen wenigen Hinweisen beginnt Savoy in der Geschichte zu graben und verschafft sich so einen Zugang zu dem Land, in dem sie geboren wurde, und den verschiedenen Menschen (-Gruppen), die es über Jahrhunderte geformt haben. Savoys Suche ist der Versuch, sich in dem Land zu verorten, indem ihre Familie schon seit Generationen lebt, aber deren Spuren (Traces) schwer oder gar nicht nachvollziehbar sind.

Auf ihrer Suche stellt Savoy immer wieder fest, wie sehr Rassismus in das Land eingeschrieben ist, entweder durch rassistische Ortsnamen – die so explizit sind, dass ich sie hier nicht wiederholen möchte – oder das bewusste Überschreiben von Namen durch Neubenennung oder das Auslassen bestimmter historischer Details. Als Savoy die Walnut Grove Plantation in South Carolina besucht, erfährt sie bei der Tour, dass die weißen Besitzer*innen sich erfolgreich selbstversorgen konnten. Das Thema Versklavung wurde einfach ausgeklammert. Ein weiteres Beispiel sind die Bezeichnungen Ojibwa oder Chippewa für Anishinaabe. Der weiße Ethnologe Henry Rowe Schoolcraft dachte sich den Namen Ojibwa für dieses indigene Volk der Anishinaabe aus und dieses Wort wurde später einmal falsch verstanden, so dass Chippewa daraus wurde, was im 19. Jahrhundert den Weg in ein staatliches Traktat fand und sich damit etablierte. Lauret erklärt, dass

„In their place-making these newcomers [colonizers] not only set out to possess territory on the ground. They also lay claim to territory of the mind and memory to the future and the past.”

Trace (75)

„Bei ihrer Vereinnahmung von Orten machten sich diese Neuankömmlinge [Kolonialisten] nicht nur auf den Weg Territorium in Form von Land in Besitz zu nehmen. Sie beanspruchten auch Territorien des Geistes und des Gedächtnisses für die Zukunft und die Vergangenheit.“

Trace (75; Übersetzung von poco.lit.)

In ihren Ausführungen scheint sich Savoy eine übliche Praktik der postkolonialen Ökokritik zu Nutze zu machen: Mithilfe der natürlichen Umgebung findet sie eine neue Sprache, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Sie spürt Geschichten auf, indem sie Flüsse und Seen kennen lernt, indem sie ehemalige Plantagen, auf denen Menschen versklavt wurden, Canyons und Friedhöfe besucht. Savoy fügt Fragmente zusammen, die weiterhin durch Lücken charakterisiert werden müssen, aber dennoch ungeahnte Perspektiven über Unterdrückte, Ausgebeutete und Vertriebene eröffnen. Die Amerikanistin Nicole Waller erklärt in ihrem Essay „Common Ground? Neue Diskussionen über die Verbindungen zwischen Post-Kolonialismus und Ökokritik“, dass einige Wissenschaftler*innen den Unterschied zwischen Ökokritik und Postkolonialismus in ihren verschiedenen Interessen verorten: Im Postkolonialismus liege das Interesse auf der Erforschung von Vertreibung, Migration und Diaspora, wohingegen Ökokritiker*innen auf die Beziehung zu Land fixiert sind. Savoy verbindet beides. Sie zeigt wie Mächtige Erzählungen über Land und Leute für ihre Zwecke verwischen, verändern und variieren, dass aber Spuren für eine andere Geschichtsschreibung weiterhin existieren.

Die Sichtbarmachung von verdrängten oder verdrehten Fragmenten durch einen postkolonialen und ökokritischen Ansatz kann als Einladung zur Selbstreflexion verstanden werden. Vor ein paar Monaten, nach den brutalen Morden an Reyshard Brooks und George Floyd durch weiße Polizisten in den USA und den folgenden Black Lives Matter Protesten, organisierte Jessica J. Lee über Twitter einen Buchclub unter dem Hashtag #AlliesInTheLandscape, um Anti-Schwarzen Rassismus in der Natur zu bekämpfen. Neben inhaltlichen Diskussionen über verschiedene Bücher, u.a. Trace von Lauret Savoy, lud Lee Teilnehmende ein, ihr eigenes Handeln und mögliche Kompliz*innenschaft zu reflektieren. Was Menschen lesen und denken, wie sie sprechen, wohin sie reisen, wird durch gesellschaftliche Normen geformt, die manchmal unsichtbar wirken. Doch Trace zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, zu intervenieren. Texte und Orte können durch eine andere Brille gelesen werden, denn, so zeigt Savoys Buch, Land erinnert. Es beginnt mit dem Hinterfragen.