Hunger der Gezeiten

Amitav Ghosh wurde 1956 im indischen Kolkata geboren. Er schreibt auf Englisch, aber seine zahlreichen literarischen Werke wurden bereits in viele Sprachen übersetzt. Die deutsche Ausgabe von The Hungry Tide erschien im Jahr 2006 unter dem Titel Hunger der Gezeiten. Die Geschichte spielt in der Nähe der Geburtsstadt des Autors in den Sundarbans. Der Roman verbindet auf fesselnde Art und Weise historische Ereignisse dieser Gegend mit der grundlegenden Frage, was schützenswerter ist, das menschliche Leben oder die Umwelt?

Die Sundarbans sind ein Gebiet an der Grenze von Indien und Bangladesch, das zu großen Teilen unter Naturschutz steht. Dort finden sich die größten Mangrovenwälder weltweit. Zwischen einem verzweigten Labyrinth aus Kanälen liegen unzählige bewaldete Inseln. Vereinzelt leben auf den Inseln Menschen, aber dieser Wohnort konfrontiert sie ständig mit politischen und umweltbedingten Herausforderungen, die Amitav Ghosh ausführlich in seinem Roman beschreibt. Die Gegend ist absolut unwirtlich. Eher schlecht als recht kann Landwirtschaft und Fischerei betrieben werden. Starke Stürme, Krokodile und Tiger sind eine konstante Lebensbedrohung für die Menschen. Dennoch – und dies basiert auf historischen Tatsachen des Jahres 1979 – flüchteten Tausende Dalits in die Sundarbans, um sich auf der Insel Marichjhapi eine Existenz und eine gemeinschaftliche Utopie aufzubauen. Dalit ist eine Selbstbezeichnung derjenigen, denen innerhalb des indischen Kastensystems die Rolle von Unberührbaren zugeschrieben wird. Doch da es sich um ein Naturschutzgebiet handelte, wurde diese Siedlung schon bald im Auftrag der Regierung auf brutalste Weise zerschlagen.

Der Roman wird von zwei Außenstehenden erzählt, die lediglich zu Besuch in den Sundarbans sind. Kanai, einer der Erzähler*innen, erhält den Bericht der Ereignisse von Marichjhapi in Form eines Notizbuchs. Sein verstorbener Onkel, der dabei war, hat es ihm vermacht. Um das Notizbuch zu bekommen, muss der arrogante Geschäftsmann aus Delhi in die Sundarbans reisen. Bereits bei seiner Anreise trifft er auf Piya. Piya ist bengalischer Herkunft, aber in den USA aufgewachsen. Ihre Forschung zu Orcaella – einer gefährdeten Delphingattung – führt sie in die Sundarbans. Die Geschichten der beiden Protagonist*innen verstricken sich auf dramatische Weise. Ihre anhaltenden Gespräche bieten Einblicke in lokale Mythen über Bon Bibi, die Schutzgöttin der Sundarbans, in unterschiedliche Lebensrealitäten und –ziele. Der regelmäßige Wechsel der Erzählperspektive lässt Verständnis für die unterschiedlichen Haltungen, die die beiden repräsentieren, entstehen. Kanai und Piya erleben am eigenen Leib, wie Mensch und Natur sich gegenseitig Schwierigkeiten bereiten. Der Ort der Handlung und die Charaktere sprühen vor Lebendigkeit. Ghoshs Buch fesselte mich ab den ersten Seiten und hielt mich bis zur allerletzten in seinem Bann.

Übersetzung ins Deutsche von Barabara Heller.