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Die Kraft des Handelns: Wie wir Bewegungen für das 21. Jahrhundert bilden

Alicia Garza ist Mitbegründerin von #BlackLivesMatter und dem Black Lives Matter Global Network. In ihrem Buch Die Kraft des Handelns lässt sie die Entstehung der Bewegung mit einem kritischen Blick Revue passieren. Garzas wichtigste Mitteilung an ihre Lesenden ist, dass ein Hashtag in der Regel keine Bewegung auslöst. Hinter Bewegungen stehen Menschen und teilweise Jahre oder Jahrzehnte langer Einsatz für eine politische Sache, wie sie im Detail auf knapp 400 Seiten beschreibt. Aber ein Hashtag kann dem Ganzen größere, sogar globale Sichtbarkeit geben.

Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt. Es beginnt mit einer Selbstpositionierung, die mit einer Erklärung über den US-amerikanischen politischen Kontext verbunden ist. Die Einordnung der US-amerikanischen Präsidenten und ihrer Politik aus Garzas Schwarzer Perspektive ist spannend und durchaus anders als das, was in den deutschen Medien ankommt. Am wenigsten gut kommt Ronald Reagan weg, der von 1981-1989 das Präsidentenamt inne hatte. Reagan bot zwar konservativen Schwarzen Politiker*innen Jobs an, aber ansonsten zog er Schwarze Menschen durch den Dreck und strich Sozialhilfe- und Förderprogramme für strukturell Benachteiligte. Garzas Einordnung finde ich als deutsche Leserin sehr hilfreich für ein besseres Verständnis, der politischen Strukturen, die den Rassismus in den USA aufrechterhalten und die auch nicht durch die Ernennung eines Schwarzen Präsidenten im Jahr 2009 verschwanden.

Der zweite Teil des Buchs erklärt Garzas beruflichen Werdegang, der relevant ist, da sie für NGOs Kampagnen durchführte, für die sie immer wieder Menschen mobilisieren musste, mit zu machen. Nur diese Wissensgrundlage konnte zur Black Lives Matter Bewegung führen. Bis zur Gründung von Black Lives Matter dauert Garzas Entwicklung lange – und auch die Passage im Buch über ihren ersten Kampf, wie sie dieses Kapitel nennt, zieht sich recht lang. Als Beispiel dafür wie langwierig Mobilisierung ist, also das Anstoßen von Bewegungen, thematisiert sie ausgiebig ihren Einsatz gegen die Gentrifizierung von bestimmten Schwarzen Vierteln in San Francisco. Hier war ich manchmal von den Details und dem spezifischen Kontext, der mir relativ unbekannt ist, überfordert. Aber ich verstand schon, dass diese Arbeit Garzas Politisierung darstellt und das Aufkeimen und stetige Wachsen ihres aktiven Einsatzes für die Rechte von diskriminierten Gruppen beschreibt. Ihre politische Arbeit erlaubte es Garza, sich mit anderen Akteur*innen quer über die USA verteilt zu vernetzen. Sie wurde sich des Ausmaßes von Polizeigewalt gegen Schwarze bewusst und nennt beispielhaft die Morde an Kenneth Wade Harding, Oscar Grant und Trayvon Martin. aus ihrer Wut, die der damalige Präsident Obama, der selbst von Rassismus betroffen ist, mit seinen Aufrufen zu Ruhe und Frieden noch verstärkte, entstand schließlich Black Lives Matter. Garza machte ihrer Wut auf Social Media unter dem Hashtag #BlackLivesMatter Luft und er passte für viele Menschen der Schwarzen Community, für ihre Kämpfe und Wünsche, einfach perfekt. Von Beginn an unterstützen sie Opal Tometi und Patrisse Cullors. Black Lives Matter entwickelte sich als Mittel für aktivistische Tätigkeiten, zum Organisieren der Community und als Analyseinsturment.

Der dritte Teil war für mich persönlich am spannendsten, da Garza letztendlich ihre Gedanken für zukünftige Bewegungen teilt, die weniger spezifisch für den US-amerikanischen Kontext sind, sondern durchaus bedenkenswert für alle politischen Bewegungen hier in Deutschland oder anderswo. Garza bietet keine Lösungen an, sondern zeigt Aspekte auf, die bedacht werden sollten: beispielsweise Intersektionalität – also die verschiedenen Dimensionen und Überkreuzungen von Diskriminierungsformen, die Personen ganz unterschiedlich betreffen können – und identitätspolitische Konflikte, welche Herausforderungen es birgt, sich mit anderen diskriminierten Gruppen zu solidarisieren, und in den ganzen politischen Kämpfen auf sich selbst Acht zu geben.

Es ist ein Buch, in dem viel drin steckt. Ich würde mich freuen, wenn der Tropenverlag weitere #BlackLivesMatter Bände mit Fokus auf andere Kontexte – gerne auch den deutschen – veröffentlicht. Allerdings hat mich die deutsche Übersetzung von Garzas Buch von Katrin Harlass, Enrico Heinemann und Katja Wagner an einigen Stellen irritiert, da sie sprachlich nicht das über den Inhalt vermittelte Bewusstsein der Autorin für unterschiedliche Diskriminierungsformen reflektiert. So wird nur hin und wieder der Genderstern verwendet und an anderen Stellen einfach die maskuline Form für Personen benutzt. Während des Lesens habe ich öfter gedacht, dass die Übersetzung holprig war und womöglich etwas mehr Zeit und Liebe vertragen hätte.

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