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Adas Raum

Adas Raum ist ein ehrgeiziges Buch, es ist fesselnd und intelligent, irgendwie unnachgiebig und lustig zugleich. In dem Buch lernen Leser:innen Ada in ihren unterschiedlichen Iterationen in verschiedenen Jahrhunderten kennen. Auch Gott taucht in einer Reihe von frechen und charismatischen Gestalten auf, deren mystische Weisheiten in einem Berliner Dialekt vorgetragen werden.

Die erste Begegnung mit Ada zeigt sie in Totope in Westafrika (im heutigen Ghana) im Jahr 1459, als portugiesische Händler die Küste mit ihren Booten erreichen. Sie sind auf der Suche nach Schätzen, die sie stehlen wollen, damit sie als reiche Männer nach Europa zurückkehren können. Hier ist Ada eine Frau, die schon einmal aus ihrem Heimatdorf vertrieben wurde und die gerade ihr kleines Kind verloren hat. Eine weitere Tragödie steht ihr bevor, und zwar in Form einer Begegnung mit einer realen historischen Figur der portugiesischen kolonialen Expansion, Gulherme Fernandes Zarco. Das zweite Mal treffen wir Ada in England, in Stratford-le-Bow, im Jahr 1848. Sie ist eine begabte Mathematikerin, die vom Rechnen fasziniert ist – es handelt sich um die historische Figur Ada Lovelace, die, nachdem sie zunächst aus der Geschichte herausgeschrieben wurde, die die Technik zu einer Männerdomäne machte, heute weithin als Urmutter des Programmierens gilt. Im Roman ist sie außerdem mit einem Mann verheiratet und hat eine Affäre mit einem anderen (kein Geringerer als Charles Dickens), beide neigen zu Wutausbrüchen. Das nächste Leben von Ada im Jahr 1945 führt sie nach Kohnstein bei Nordhausen in das Konzentrationslager Dora. Ihre Mutter, eine für die Verhältnisse ihrer polnischen Heimatstadt eigensinnige Frau, gibt ihr Leben, um die Flucht ihrer Kinder zu sichern, doch Ada wird gefangen genommen und im Lager zur Sexsklavin gemacht. Und im Jahr 2019 finden wir Ada schwanger in Berlin, wo sie um ein eigenes zu Hause, einen Platz für sich allein, auf dem vernichtenden und meist rassistischen Wohnungsmarkt kämpft.

In jeder dieser Schleifen finden wir Wiederholungen, Echos und Nachhall. Leser:innen werden durch die Kapitelüberschriften, die das Geschehen nach Zeit und Ort sortieren, in einer Art Chronologie verankert, aber die Art und Weise, wie sich Zeit und Erfahrung im Roman bewegen, ist nicht linear oder chronologisch kausal. Manchmal müssen die Figuren zurückgehen, um Dinge zu lernen, die sie schon einmal wussten. Anfangs kann dies eine durchaus verwirrende Erfahrung für Leser:innen sein. In mir entfachte die Erzählweise aber Interesse und ließ mich nach Hinweisen suchen. Bestimmte Figuren tauchen in all diesen Schleifen wieder auf, in unterschiedlichen Gestalten: die schwesterliche Helferin, der Antagonist. Und ein Gegenstand bewegt sich immer in der Nähe von Ada: Das Armband, das von den Kolonisten aus Westafrika gestohlen wurde.

Auf diese und andere Weise gelingt es Otoo, wirklich elegant Resonanzen zwischen ihren verschiedenen Epochen und politischen Fragen, die für unsere Gegenwart weiterhin von großer Bedeutung sind, herzustellen. Das Armband landet in einer Ausstellung in Berlin, als vermeintlich gnädige Leihgabe aus der Privatsammlung eines weißen Mannes. Obwohl Ada das Angebot bekommt, das Armband zurück „geschenkt“ zu bekommen, signalisiert ihre kühle Ablehnung, dass dies keine Option ist: Der Mann hat nicht das Recht dazu etwas weiterzugeben, was nie wirklich ihm gehörte – nie wirklich ihm hätte gehören sollen. Diese Anekdote hat in meinen Augen eine klare Relevanz für Debatten über die Rückführung von Objekten, die durch koloniale Gewalt erworben wurden und sich heute noch im Besitz europäischer Institutionen befinden. Was mir beim Lesen auffiel, war ein regelrechtes Beharren auf den richtigen Bedingungen und den richtigen Ton für dieses Gespräch: Ada wird sich auf gar keinen Fall damit zufriedengeben, die Rückgabe dessen, was rechtmäßig ihren Vorfahren gehörte, als Geschenk zu bezeichnen.

Aber das ist bei weitem nicht das einzige Mal, dass Adas Raum in aktuelle politische Fragen eingreift. Da ist der scheußliche Boris Johnson und die tragische Farce des Brexit; da ist der rassistische Unterton, wenn Schwarze Deutsche gefragt werden, woher sie kommen. Und dann ist da noch – sehr treffend – der willkürliche Zufall des Passes – wer den richtigen besitzt und wer nicht. Otoo zieht eine schöne Linie zwischen den Ungerechtigkeiten von damals und heute, als sie Ada im Jahr 2019 am Londoner Flughafen Heathrow ankommen lässt:

„So eine Passkontrolle ist eine geniale Erfindung. Ich frage mich, wie die Geschichte ausgegangen wäre, hätten die Zahnlosen bei der Ankunft der São Cristóvão sich kurzerhand entschieden, einen ähnlichen Betrieb auf dem Strand Totopes zu errichten. Ich stelle mir vor, wie eine der Kotsa-kauenden Greisinnen Kapitän Gomes ihre zittrige, faltige, linke Hand entgegengehalten hätte, wie er aufgrund fehlender Papiere gezwungen gewesen wäre, die gesamte beschwerliche Reise zurück nach Portugal auf sich zu nehmen.“

Adas Raum, 184

In dieser Hinsicht und in vielen anderen setzt sich Otoo in ihrem ersten Roman mit einem Auge für Komplexität und Ironie mit Ungerechtigkeiten auseinander. Dabei zeigt sie sich stilistisch überaus innovativ, wie die von der Erzählstimme eingenommenen Perspektiven deutlich machen. (Ich sage nur Besen und Türklopfer.) Da ich bereits ein Fan von Otoos früheren Werken war, waren meine Erwartungen hoch, aber Adas Raum hat sie weitaus übertroffen.

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