Lagune

Aliens landen vor der Küste von Lagos, Nigeria. Sofort verbessert sich das Level der Umweltverschmutzung, sie nehmen Einfluss auf Meerestiere und –pflanzen und auf die Qualität des Meerwassers – und das alles schon kurz bevor sie an Land kommen. Nnedi Okorafors Roman Lagune – den ich als ein Werk spekulativer Fiktion bezeichnen würde – ist sowohl ein lustiger, actiongeladener Streifzug durch alte Sci-Fi-Themen über die Ankunft von Außerirdischen (man denke an Krieg der Welten und Independence Day), als auch in vielerlei Hinsicht eine sorgfältig überlegte Dekolonisierung des Genres und seiner eurozentrischen erkenntnistheoretischen Grundlagen. Beim Gedanken an die Ankunft von Außerirdischen auf dem afrikanischen Kontinent läutet vielleicht eine Glocke und District 9 ist eine mögliche Assoziation. Es war ihre Verärgerung über diesen Film, wie sie in der Danksagung ihres Buches anmerkt, der die Autorin zu ihrem Roman inspirierte.

Eine Frau – oder zumindest ein Wesen in Gestalt einer Frau – kommt aus dem Wasser und bringt auf nicht greifbare Weise drei Lagosianer*innen für ein Treffen zusammen: Adaora, die Wissenschaftlerin, Agu, der Soldat, und Anthony, der Künstler. Sie nennen diese außerirdische Botschafterin Ayodele. Der Roman erzählt kunstvoll die Hintergrundgeschichten dieser Protagonist*innen, aber auch die von vielen weiteren Figuren, die im Verlauf des Buches auftauchen. Adaora beginnt sich mit der ersten Gewalttat ihres Mannes gegen sie auseinander zu setzen: Nachdem er fanatisch religiös wurde und unter den Einfluss des charismatischen Scharlatans Pater Oke geriet, ist er davon überzeugt, dass sie eine Meereshexe ist – er versteht nicht mal ansatzweise irgendwas. Agu, der versuchte, die Vergewaltigung einer Frau durch seinen Vorgesetzten zu verhindern, wurde zu Brei geschlagen und muss wegen seines Ungehorsams mit schlimmen Folgen rechnen. Anthony, ein ghanaischer Rapper, der frisch von einem überaus erfolgreichen Konzert kommt, strahlt Starallüren aus und ist eindeutig der Lieblingsmusiker von allen. Die drei tragen Geheimnisse in sich, über seltsame Geburtsgeschichten oder unerklärliche Kräfte.

Hinzu kommt die Geschichte von Jakob, der sich einer Gruppe Raudies mit kriminellen Neigungen anschließt, während er gegen seinen tiefen Wunsch ankämpft, Frauenkleider anzuziehen und sich der geheimen Queer-Community Black Nexus anzuschließen. Auch seine Schwester Fisayo taucht auf, eine Sexarbeiterin bei Nacht, Leserin und Sekretärin am Tag, die durch die außerirdische Invasion in den Wahnsinn stürzt, die sie einfach als nichts anderes als die religiöse Apokalypse verstehen kann. Und da ist noch Legba, der US-Amerikaner und Igbo, ein Betrüger mit besonderem Talent für das 419-Schema, das in den Internet-Cafés des Romans allgegenwärtig ist. Er fädelt es so ein, dass wohlhabende weiße Frauen ihm Geld überweisen, als angemessene Reaktion auf ihr weißes Privileg.

Über die menschlichen Charaktere des Romans hinaus integriert Okorafor nicht nur die nicht-menschlichen Neuankömmlinge in ihre Geschichte, sondern auch mehrere Gottheiten und Figuren, deren Ursprünge in indigenen nigerianischen Epistemologien liegen: Neben der großen Spinne, die Geschichten webt, ist da noch Ijele, ein Geist der Maskerade. Auch sie nehmen Teil an dem Spiel um die Zukunft von Lagos: Menschen, nichtmenschliche Wesen und Außerirdische müssen um Lagos kämpfen oder einen Weg finden, miteinander zu leben. Der Roman schildert ein bisschen von beidem – und dabei wird eine ordentliche Portion Blut vergossen.

Die Verbindung der technophilen Elemente aus der Science-Fiction mit indigenen Methoden der Wissensproduktion und des Geschichtenerzählens erzeugt eine bestechende, entkolonialisierende Energie. Zugleich macht der Roman einige der Schwierigkeiten sichtbar, mit denen die LGBTQI-Communities konfrontiert sind, und thematisiert die Spannungen zwischen Hausa und Igbo, Auswirkungen von Sexismus und geschlechtsspezifischer Gewalt, sowie das zynische Ausnutzen menschlicher Religiosität. Das Buch steht Korruption und Gewalt an seinem Schauplatz in Lagos offensichtlich kritisch gegenüber, schließlich wird die Zukunft der Stadt verhandelt. Was sind die Absichten von Ayodele mit dem Planeten Erde? Sind die Außerirdischen ein kolonisierendes Volk, Zerstörer*innen oder sind sie gekommen, um die Menschen vor sich selbst zu beschützen? Wer das herausfinden möchte, sollte Lagune selbst lesen.

(Übersetztung aus dem Englischen von Claudia Kern.)