Die Sommer

Ronya Othmann schreibt die Kolumne „Orient Express“ über Nahost-Politik in der taz (zusammen mit Cemile Sahin). 2015 organisierte sie die kurdischen Filmtage Leipzig und 2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok, Kurdistan, Irak. In ihrem ersten Roman Die Sommer bewegt sie sich ebenfalls in diesem Themenspektrum: Es geht um eine Familie êzîdischer Kurd*innen, die zwischen Nordsyrien – oder Kurdistan – und Süddeutschland leben. Die Familie erlebt wiederholt Rückschläge. Politische Entscheidungen in Syrien benachteiligen sie strukturell, genauso wie Migrationspolitik und Rassismus in Deutschland. Ihre schwierige Lage erlebt einen dramatischen Höhepunkt mit dem im August 2014 beginnenden Genozid an den Êzîden.   

Die Sommer wird von Leyla erzählt, die nach drei Leylas benannt wurde, die für die Rechte von Kurd*innen kämpften. Leyla selbst wurde in der Nähe von München geboren. Dort lebt sie mit ihrem êzîdisch kurdischen Vater und ihrer weißen deutschen Mutter. Leyla berichtet über sich und ihren Vater und seine Flucht nach Deutschland in Rückblicken. Dabei gibt sie einen knappen Überblick über die Geschichte êzîdischer Kurd*innen und regte mich definitiv zu weiterführenden Nachforschungen an. Das Buch springt in kurzen Abschnitten durch die Erinnerungen der Protagonistin, nicht chronologisch, sondern kreuz und quer. Manchmal fiel es mir schwer, dem Verlauf zu folgen, doch die Puzzleteile fügen sich letztendlich Stück für Stück zusammen.

Neben dem politisch-historischen Rahmen des Buchs, vermittelt es eindrücklich Leylas innere Zerrissenheit. Trotz ihres Namens, der Sommer im Heimatdorf ihres Vaters und seinen Erzählungen, weiß sie selbst nicht, wer sie ist oder wie sie sich bezeichnen soll. Ist sie Êzîdin? Ist sie Deutsche? Die Erwartungen von außen machen es nicht besser. Im Heimatdorf ihres Vaters fällt sie als anders auf, genauso wie in Bayern. Als sie zum Studium nach Leipzig zieht – ein für sie und ihre ganze Familie noch unbeschriebener Ort – lebt sie in WGs, führt Beziehungen zu Frauen, bekommt aber ganz und gar nicht mehr Klarheit. Tatsächlich wird der Abstand zwischen ihr und ihren weißen Freund*innen mit dem Ausbruch des Kriegs immer größer, denn die anderen scheinen gar nichts davon mitzubekommen. Auch die Momente, in denen Leyla lacht und fröhlich ist, haben durch die rückblickende und oft nüchterne Erzählweise einen schwermütigen Beigeschmack. In Leylas Leben gibt es keine Leichtigkeit, die nicht sofort von einem schlechten Gewissen oder Gedanken an Menschen in weniger privilegierten Situationen überschattet würde.

Tatsächlich habe ich bisher selten Bücher über kurdische Charaktere gelesen. Das ist wahrscheinlich mit Grund dafür, dass mir das Buch einige Aufmerksamkeit abverlangte, um den komplexen politischen und persönlichen Ereignissen der Geschichte zu folgen. Zusätzlich brauchte ich Zeit, um mich an den knappen, anekdotischen Stil und die vielen Charaktere zu gewöhnen. Aber als ich mich eingelesen hatte, konnte ich mit Sicherheit feststellen, dass Die Sommer ein wichtiges Buch über die Zerrissenheit der Welt, religiöse und politische Konflikte, Vorurteile und Identität ist.