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Nnu Ego – Zwanzig Säcke Muschelgeld

Einer der bekanntesten Romane von Buchi Emecheta trägt im Original den Titel The Joys of Motherhood (1979) und erschien 1983 in der deutschen Übersetzung von Helmi Martini-Honus und Jürgen Martini als Nnu Ego – Zwanzig Säcke Muschelgeld. Der Roman spielt in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Nigeria und erzählt die Lebensgeschichte von Nnu Ego.

Die Szenen, die den Roman eröffnen, werfen uns in eine verzweifelte Situation: In Lagos versucht eine Frau (Nnu Ego), sich nach dem plötzlichen Kindstod ihres neugeborenen Babys das Leben zu nehmen. Im letzten Moment wird sie jedoch von einem anderen Dorfbewohner gerettet. Emecheta führt dann die Figur der Nnu Ego durch eine zeitliche Verschiebung ein, die uns zu den Umständen ihrer Geburt zurückbringt. Als Tochter eines wohlhabenden Chiefs wächst Nnu Ego in Ibuza auf. Sie hält das Andenken ihres Vaters und ihrer Mutter in Ehren, denn ihr größter Wunsch im Leben ist es, Mutter zu werden. In seitenlangen, anschaulichen Passagen schildert Emecheta das gesamte Leben von Nnu Ego: ihre beiden Ehen, den Verlust ihres ersten Sohnes, das Schreckgespenst einer möglichen Unfruchtbarkeit und ihre Folgen in einer traditionellen Familiengesellschaft wie der, der Nnu Ego angehört, aber auch den Umzug von ihrem Dorf in die Stadt Lagos und, dem Englischen Titel des Buches entsprechend, die Freuden der Mutterschaft – das Durchleben der Hoffnungen und Nöte der vielen Kinder, die sie letztendlich hat.

Und doch ist Nnu Ego – Zwanzig Säcke Muschelgeld so viel mehr als die fesselnde Lebensgeschichte der Protagonistin. Während des gesamten Romans nutzt Emecheta die Beziehungen zwischen den Figuren, um eine nigerianische Gesellschaft darzustellen, die sich unter den soziokulturellen Auswirkungen des britischen Kolonialismus schnell verändert. Insbesondere wirft Emechetas Roman den Kolonialisten entschieden vor, die Nigerianer*innen ihrer Handlungsmacht und ihrer Werte beraubt zu haben. Gleichzeitig übt sie auch deutliche Kritik an einer patriarchalischen Gesellschaft, die Mutterschaft als einzigen Weg zur Selbstverwirklichung für Frauen vorschreibt; eine Gesellschaft, in der einen Sohn zu haben bedeutet, Prestige unter Familienmitgliedern und Freunden zu erlangen, während eine Tochter immer eher als Last denn als Segen angesehen wird. Eine Gesellschaft, in der eine Frau nichts Anderes sein kann als eine Mutter und eine Ehefrau.

Hinter dem englischen Titel des Buches, der übersetzt so viel wie die Freuden der Mutterschaft heißt, verbirgt sich also fast ein spöttischer Ton: Was kann aus einer Frau werden, die nur ihre Kinder als Trost gegen die Torturen des Lebens hat? Wie kann eine Frau eine eigenständige Person sein, nachdem sie ihr ganzes Leben damit verbracht hat, sich um andere zu kümmern? Diese Fragen erhalten durch den letzten Teil des Romans eine noch stärkere Bedeutung. In der traditionellen Familiengesellschaft, der Nnu Ego angehört, ist es eine der Pflichten der Kinder, sich um die eigenen Eltern zu kümmern, wenn diese alt werden. Keines von Nnu Egos Kindern wird jedoch in der Lage sein, sie zu versorgen, stattdessen entscheiden sie sich, ihre Familie zurückzulassen: Der Älteste zieht in die USA, um sich eine eigene Karriere aufzubauen, ein anderer Sohn geht nach Kanada, während die jüngsten Töchter bald in andere Familien einheiraten. Was bleibt also von einer Frau übrig, wenn ihre Kinder sie verlassen?

Die Implikationen von Nnu Ego – Zwanzig Säcke Muschelgeld decken viele Themen ab, die auch aktuell noch von großem Interesse sind: Von den lang anhaltenden Folgen der Kolonialherrschaft auf den Staat Nigeria und sein Volk bis hin zur Rolle der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft. Obwohl der Roman vergleichsweise alt ist, hat er nicht an Aktualität verloren und ihm gebührt ein wohlverdienter Platz unter den Klassikern der afrikanischen Literatur und – ich wage zu sagen – auch der Weltliteratur.

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