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Buchcover von Zusammenkunft von Natasha Brown

Zusammenkunft

Wie der Titel von Natasha Browns Debütroman andeutet, läuft er auf eine Zusammenkunft hinaus. Eine Schwarze britische Frau, die Ich-Erzählerin, nimmt als Partnerin des Sohnes an einer Feier einer weißen Oberschichtsfamilie teil. Dieses Fest im ländlichen England ist die Kulmination ihrer inneren Zwiespälte: Hat sie es geschafft oder macht sie sich mit ihrem Verhalten zur Komplizin des Rassismus, den sie erfährt? Bei diesem Fest entscheidet sie sich.

Natasha Browns Roman, den Jackie Thomae wunderbar ins Deutsche übersetzt hat, umfasst nur wenig mehr als 100 Seiten und besteht aus verschiedenen, flüchtigen Gedankenschnipseln, die sich nach und nach zu einem löcherigen Ganzen zusammenfügen. Die namenlose Protagonistin arbeitet in der Finanzbranche, wird befördert, hat gerade eine Londoner Wohnung gekauft und ihr eigenes Geld gewinnbringend angelegt. Doch dieser materielle Erfolg wird vom Alltagsrassismus und Sexismus getrübt, der ihr immer klarer vor Augen führt, wie sehr sie sich verbiegen und ausnutzen lassen muss, um Teil dieser Branche und dieses Umfelds sein zu können. Weiße männliche Kollegen sprechen ihr ihre Kompetenz ab, wenn sie ihr ins Gesicht sagen, sie hätte ihren Job nur bekommen, weil neuerdings Wert auf Diversität gelegt würde. Männliche Kollegen in ähnlichen Positionen degradieren sie zur Kaffeetante und fordern Sekretärinnentätigkeiten von ihr ein, wenn sie zu faul sind, Organisatorisches selbst zu übernehmen. Die Protagonistin spielt mit. Sie studiert sogar bewusst das Verhalten ihres weißen Partners und ihrer weißen Freundin Rach, um sich das nötige kulturelle Kapital anzueignen, auch wenn sie dabei bitter denkt: „Hier geboren, Eltern hier geboren, immer hier gelebt – trotzdem nie von hier. Ihre Kultur wird auf meinem Körper zur Parodie.“ (61) Innerlich wird sie vom Ärger über die ungerechte Situation zerfressen und fühlt sich zusätzlich schuldig, weil sie versucht einem Standard zu entsprechen, den sie nie erreichen können wird. Die Überlegungen, die in Zusammenkunft zum Thema Mittäter:innenschaft angestellt werden, finde ich überaus spannend und ich habe selten Vergleichbares gelesen.

Natasha Browns Roman präsentiert eine regelrecht unerträgliche Lebensrealität, deren äußerer Schein durch die kühlen Beobachtungen der Erzählerin in ein ganz anderes Licht gerückt wird. Es wirkt konsequent, dass die Protagonistin in ihrer Krebsdiagnose eine Chance sieht, um aus ihrer eingeengten Situation auszubrechen. Sie merkt in dem Moment, dass sie sich für oder gegen ihr Leben entscheiden kann. Für sie gilt: Nicht Geld hilft der Ungerechtigkeit zu entkommen, sondern Tod. Da das Buch aus dem Blickwinkel dieser einen betroffenen Figur erzählt wird, ist klar, dass ihre Art zu denken und zu Handeln die Folge ganz persönlicher Erfahrungen ist. Ihre Lösung ist sicherlich keine für alle (und schon gar nicht wünschenswert). Ich weiß, dass es produktive Formen des Widerstands gibt, aber ich schätze Browns Roman dafür, wie er verdeutlicht, dass Erschöpfung und Desillusion im Angesicht von Diskriminierung überhandnehmen und gravierende Folgen haben können.

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