Streulicht

Im August 2020 erschien Deniz Ohdes Debütroman Streulicht. Momentan befindet sich der Roman auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Neben Olivia Wenzels Roman 1000 Serpentinen Angst, der es leider nicht auf die Shortlist geschafft hat, ist Streulicht definitiv mein Favorit der diesjährigen Nominierten. Ob Ohde den Preis erhält, werden wir im Oktober erfahren.

Streulicht spielt in einem namenlosen Vorort einer deutschen Stadt, in einem Arbeiter*innenviertel ohne jeden Charme. Der Roman erzählt schnörkellos von den Erfahrungen einer jungen Frau im deutschen Bildungssystem. Es wird schnell klar, dass der familiäre Hintergrund eine zentrale Rolle auf dem Weg zum (Miss-)Erfolg spielt. Der Vater der Erzählerin schuftet schon sein Leben lang in einer Fabrik. Die Mutter emigrierte aus der Türkei und putzt. Der Vater entpuppt sich zusätzlich als Alkoholiker, der betrunken auf Gegenstände in der Wohnung einschlägt, aber „immerhin“ – so die Mutter – nie auf Frau und Kind. Er ist außerdem ein Messi. Seine Frau kann ihn beim besten Willen nicht überreden, auch nur irgendetwas wegzuwerfen. Die Mutter ordnet sich unter, räumt hinterher und verliert letztendlich ihre Kraft.

Zwischen den Eltern steht die Tochter. Sie ist die stille Außenseiterin, die alles genau beobachtet. Von ihren Eltern kann sie sich keine Unterstützung erhoffen. Lehrer*innen, Freund*innen und deren Eltern unterschätzen sie und sagen ihr das auch noch offen ins Gesicht – meistens sind die spitzen Bemerkungen natürlich wohlwollend verpackt, als wären sie zu ihrem eigenen besten. Widerholt begegnet der Protagonistin „othering“  – subtil und verletzend auch von der angeblich besten Freundin – auf Grund von Name und Aussehen. 

Trotz rassistischer und klassistischer Barrieren, schafft die Protagonistin es, auf Umwegen ihrem Heimatort zu entfliehen und zu studieren. Doch der Roman lässt ahnen, dass es dort nicht einfacher wird: Der Protagonistin fehlt das, was vielleicht als Institutionenwissen bezeichnet werden könnte, sowie irgendeine Art von unterstützendem Zuspruch, um sich selbst Ziele zu stecken. Die Uni symbolisiert also einerseits den sozialen Aufstieg, verheißt aber andererseits dennoch keine rosigere Zukunft.

Ich habe selten ein Buch gelesen, dass auf so eindrückliche und intersektionale Weise das Thema soziale Herkunft betrachtet. Streulicht ist ein hervorragendes Buch, das mich als Leserin sofort gepackt hat. Ich möchte es allen empfehlen, besonders allen Lehrer*innen.