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Swing Time

Was mir an Zadie Smiths Roman Swing Time (übersetzt von Tanja Handels) am besten gefällt, ist die Art und Weise, wie er sich ernsten Problemen mit einer gewissen Leichtigkeit nähert und dennoch ihre Schwere anerkennt: Ein wunderbar trockener Sinn für Humor zieht sich durch den gesamten Roman und bringt die Leser:innen und die Protagonistin immer wieder ein wenig aus dem Gleichgewicht, wenn sie damit konfrontiert werden, dass sich die Dinge nie ganz so entwickeln, wie sie eigentlich sollten. Zadie Smith hat eine äußerst fesselnde Art, die unsympathischsten Züge ihrer Figuren darzustellen und sie trotzdem (zumindest manchmal) sympathisch zu machen.

Swing Time begleitet die erzählende Protagonistin von ihrer Kindheit bis in ihre dreißiger Jahre und folgt dabei zwei Zeitebenen, die sich im Laufe der Geschichte immer mehr annähern. Die Ich-Erzählerin lernt Tracey in einem Tanzkurs für Kinder kennen und als die beiden einzigen Mädchen of Color in der Gruppe fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen. Traceys tänzerisches Talent ist von Anfang an erkennbar, ebenso wie ihre Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bei der Erzählerin ist das weniger der Fall – sie liebt das Tanzen, kann es aber nicht besonders gut (es mangelt ihr an natürlicher Begabung und sie hat Plattfüße). So entwickelt sie sich zu Traceys Sidekick und bleibt irgendwie immer in der Rolle der Zuschauerin hängen. Leser:innen lernen sie später in der Rolle der persönlichen Assistentin von Aimee, einem international berühmten Popstar, kennen, als sie aus der Nebenrolle einen Beruf gemacht hat. Dennoch ist sie nach wie vor geradezu besessen von ihrer Jugendfreundin Tracey, mit der es zu einem Zerwürfnis gekommen ist, dessen Einzelheiten sich nur langsam herauskristallisieren.

Aimees Größenwahn führt dazu, dass sie glaubt, sie könne jedes Problem lösen. So beschließt sie, den Armen in Afrika zu helfen (ihre Idee ist tatsächlich so allgemein formuliert und auch in der Umsetzung von einer gewissen Willkür begleitet, da das Land und das Dorf, die ihre „Hilfe“ bekommen sollen, zumindest teilweise danach ausgewählt werden, dass sie als attraktive Fotokulisse dienen können). Diese Abschnitte des Buches prangern auf bissige Art und Weise die Idee der „weißen Retterin“ an, die Aimee mit ihrem Projekt, eine Mädchenschule in einem westafrikanischen Dorf zu bauen, repräsentiert: die Ignoranz, die Arroganz, die selbstsüchtige Pseudo-Wohltätigkeit.

Ein weiterer fesselnder Erzählstrang beschäftigt sich mit den komplexen Beziehungen der Erzählerin zu ihren Eltern: Ihr Vater ist ein weißer Engländer aus der Arbeiterklasse, ihre Mutter eine autodidaktische Intellektuelle jamaikanischer Herkunft, die Politikerin wird. Die Beziehung ihrer Eltern, die Kindheitserfahrungen der Erzählerin, die in einer Londoner Sozialwohnung aufwächst, und der Fakt, dass ihre Freundin Tracey dieser Wohngegend nie entkommt, stellen intelligente Überlegungen über die britische Klassengesellschaft dar.

Das Ende hat mich zwar etwas unbefriedigt gelassen, aber vielleicht ist es die Art von Geschichte, bei der ich gar nicht erst ein zufriedenstellendes Ende hätte erwarten sollen. Obwohl manche Leser:innen das Fehlen eines wirklich sympathischen Charakters frustrierend finden könnten, genauso wie das Verhalten der Protagonistin, die nicht in der Lage zu sein scheint, eine Situation in die Hand zu nehmen, machte genau das für mich einen Teil des Charmes von Smiths überaus geschickter Erzählweise aus. Swing Time ist intelligent, witzig und sehr lesenswert.

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