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Die Macht der Mehrsprachigkeit

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, mit der viele wohl als erstes ihren Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt verbinden, wurde in Baku in Aserbaidschan geboren und kam mit elf Jahren nach Deutschland. In ihrem kürzlich erschienenen Sachbuch Die Macht der Mehrsprachigkeit – Über Herkunft und Vielfalt reflektiert sie unter Anderem ihre eigene Erfahrung mit Sprachen und Migration. Die Prämisse ihres Buches lautet: „Machtverhältnisse und Nationalismus spiegeln sich stets in Sprache wider. Genauso wie die jeweils herrschenden Diskurse und Ideologien“ (8). Nach ausführlichen Erklärungen über und Kritik an der Hierarchisierung von Sprachen, spricht Grjasnowa ein Plädoyer für die Mehrsprachigkeit aus, die sie als gesellschaftliche Bereicherung darstellt. Das Buch passt perfekt zu poco.lit.s aktuellem Projekt macht.sprache., bei dem politisch sensible Begriffe und ihre Übersetzung diskutiert werden, wobei es ebenfalls immer um die Machtdimensionen von Sprache(n) geht.

In Deutschland wird erwartet, dass Zuwandernde Deutsch lernen. Grjasnowa erklärt, dass das Konstrukt der Monolingualität Teil der deutschen Leitkultur ist – Deutsch ist also die Leitsprache und steht in der Hierarchie ganz oben. Von staatlicher Seite gibt es viele Argumente für die Einsprachigkeit, etwa, dass dadurch ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht und die allgemeine Verständigung erleichtert wird, was besonders wichtig für die Formulierung von Gesetzen und Grenzen ist. Mit der Idee der „Muttersprache“ wird impliziert, dass ein Mensch nur eine richtige Sprache haben kann, die mit der Geburt festgelegt wird – oder andersrum, Sprachkompetenz auf muttersprachlichem Niveau wird einer rassistischen Logik zufolge nur bestimmten Körpern zugetraut. So sind „Muttersprache“ und „Vaterland“ eng miteinander verknüpft. Grjasnowa führt aus, dass die historisch gewachsene und tief im mehrheitsgesellschaftlichen Verständnis verankerte Norm der Einsprachigkeit zu einer Exklusivität und strukturelle Benachteiligung innerhalb Deutschlands geführt hat.

Dennoch sind heutzutage auch in Deutschland bestimmte Fremdsprachekenntnisse durchaus von Vorzug. Doch welche Sprachen sollen gelernt werden? Die Elite, so Grjasnowa, lernt Englisch, Französisch und vielleicht auch Mandarin. Sprachen wie Türkisch oder Arabisch genießen weniger Ansehen, was Grjasnowa neben dem Aspekt sozialer Klassenzugehörigkeit mit dem Konzept des Linguzismus als spezifische Form von Rassismus beschreibt: Menschen, die eine bestimmte Sprache oder einen bestimmten Dialekt sprechen, werden diskriminiert.

Anhand ihrer eigenen Familiengeschichte, die schon in früheren Generationen wegen der Shoah von Flucht geprägt war, argumentiert Grjasnowa letztendlich für die Mehrsprachigkeit. Sprachen gehören zur Identität und mit jeder Sprache eröffnen sich neue Horizonte. Heute wird bei Grjasnowa zu Hause in Berlin in vier Sprachen kommuniziert – auf Russisch, Arabisch, Englisch und Deutsch. Grjasnowas Wunsch ist es, dass ihre Kinder mit allen Familienmitgliedern, die an verschiedensten Orten dieser Welt leben, in ihren eigenen Sprachen sprechen können.

Ich war sicherlich keine Leserin, bei der viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste – ich sehe viele Dinge sehr ähnlich wie Grjasnowa. Ich schätze ihr Buch vor allem für die genaue Aufschlüsselung der Machtdimensionen von Sprache in Bezug auf Nationalität, Klasse und Race. Sie liefert starke Argumente gegen rechts-konservative Engstirnigkeit und für eine kosmopolitische Haltung. Die Macht der Mehrsprachigkeit ist ein kleines, aber sehr feines Buch, das mich inspiriert hat, vielleicht noch eine weitere Sprache zu lernen. Denn auch das in Deutschland oft abfällig gebrauchte Konzept der „Halbsprachigkeit“ untergräbt sie mit dem Hinweis, dass es bei „guten Sprachkenntnissen“ immer auf die Betrachtungsweise ankommt. Außerdem können sich Menschen auch innerhalb einer Sprache missverstehen – die eigene Sprache, so Grjasnowa, gleicht vielleicht einem eigenen Fingerabdruck, sie unterscheidet sich immer.  

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