The first woman

Jennifer Nansubuga Makumbis neuer Roman The first woman (A girl is a body of water in der US-amerikanischen Ausgabe) ist ein hervorragendes Buch über die Rolle von Frauen in der patriarchalen ugandischen Gesellschaft der 1970er Jahre. Auf den fast 500 Seiten deckt sie Themen wie Freundinnenschaft und soziale Herkunft, Familie und (Stief-)Mutterschaft, Sexualität und Selbstbestimmung ab. Makumbi beweist wie schon in ihrem historischen Roman Kintu, dass sie eine überaus kompetente Geschichtenerzählerin ist.

Das Buch ist eine Coming-of-Age Geschichte und erzählt von Kirabo, die ihre Mutter sucht. Zu Beginn ist die Protagonistin noch ein Kind und lebt in dem kleinen Dorf mit ihren angesehenen, reichen Großeltern und vielen anderen Kindern des Clans. Sie wird als wild, dickköpfig, intelligent und Liebling der Großeltern beschrieben, die es als Vorwurf empfinden, dass Kirabo trotz ihrer Liebe ihre Mutter finden möchte, die sie nie kennen gelernt hat. Kirabos heimliche Suche führt sie zu der sogenannten Dorfhexe Nsuuta, die sie in ugandische Schöpfungsmythen einweiht. Diese Mythen schreiben Frauen dem Element des Wassers zu und Männer dem Land. So erfährt Kirabo, wie ugandische Männer versuchen zu legitimieren, dass Frauen kein Land besitzen dürfen und sich unterordnen müssen. Nsuuta erklärt ihr auch die Parallelen zum christlichen Denken, das Uganda seit der europäischen Kolonialherrschaft stark beeinflusst. Schon als Kind hinterfragt Kirabo die gesellschaftliche Ordnung und rebelliert ständig im Kleinen.

Während Kirabo aufwächst und ein elitäres, christliches Mädcheninternat besucht, wird sie noch stärker feministisch geprägt. Es ist ein ugandischer Feminismus – auf Luganda mwenkanonkano –, der zwar auch sinnvolle westliche Einflüsse aufnimmt, aber dennoch eigenständig ist und auf eine eigene, lange Tradition zurückblicken kann. Kirabos Liebschaft mit Sio, der sich zu ihrer Freude genau wie sie als mwenkanonkano bezeichnet,  lenkt sie zeitweise von sich selbst und der Suche nach ihrer Mutter ab. Sie erlebt Herzschmerz, Konfrontation mit anderen Frauen, starken Rückhalt durch die erweiterte Familie und auch das Geheimnis um ihre Mutter lüftet sich.

Letztendlich steht Kirabos Geschichte für einen langsam voranschreitenden gesellschaftlichen Wandel in Uganda. Ihre charakterliche Entwicklung spielt sich vor dem Hintergrund des Sturzes von Idi Amin Dada, dem ugandischen Diktator, ab, der Frauenrechte stark einschränkte. In The first woman werden Traditionen hinterfragt, die Frauen unterdrücken und es ihnen schwer machen, Bande zu bilden. Gleichzeitig verdeutlicht der Roman, wie Frauen sich innerhalb des patriachalen Systems immer schon Raum für ihre Selbstermächtigung genommen haben. Die starken Frauen-Charaktere in Kirabos Familie vertreten unterschiedliche Positionen – manche wirken eher konservativ – und dienen dennoch alle auf ihre Weise als Vorbilder. Während sie langsam heranwächst, muss Kirabo entscheiden, was für eine Frau sie sein möchte. Jennifer Nansubuga Makumbis The first woman ist ein mitreißender Mix aus ugandischer Folklore und modernem Feminismus. Innerhalb seines Fokus auf cis-Frauen und Heterobeziehungen, eröffnet das Buch bereichernde Perspektiven auf das Frausein und Freundinnenschaft. Für mich war es ein wahres Lesevergnügen: Das Buch gehört definitiv zu meinen Top 10 des Jahres 2020!

(Bisher gibt es noch keine deutsche Übersetzung)