Afterlives

Mein Interesse für Postkolonialismus weckte mein Englischstudium. Erst in diesem Zuge lernte ich auch über den deutschen Kolonialismus. Abdulrazak Gurnahs englischsprachiger Roman Afterlives ist für mich der aller erste, der in Deutsch-Ostafrika spielt. Gurnah ist tansanischer Autor und lebt in Großbritannien. Wie ich feststellte, verhandeln auch frühere Werke des Autors den historischen Kontext Tansanias zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach Afterlives freue ich mich schon, auch diese zu lesen.

Obwohl Ilyas selbst gar nicht viel auftaucht, dreht sich Afterlives letztendlich um ihn. Ilyas spricht deutsch, die Sprache der Kolonisten, was ihm viele Türen öffnet. Deutsch lernte er durch eine verhältnismäßig glückliche Wendung in seinem Leben: Er lief vor der Armut seiner Familie weg und begegnete einer Gruppe Askari – afrikanischer Soldaten – der deutschen Schutztruppe, statt als Diener eines Askari verpflichtet zu werden, schickt ein deutscher Leutnant ihn auf eine Kaffeeplantage und er hat die Chance in einer Missionsschule neben Deutsch auch Lesen und Schreiben zu lernen. Seine Fähigkeiten gibt er an seine kleine Schwester Afiya weiter, die kurzzeitig bei ihm lebt. Doch dann bricht der Krieg zwischen den verschiedenen Kolonialmächten in der Region aus und Ilyas meldet sich freiwillig für die Schutztruppe. Er schätzt die Deutschen und will für sie kämpfen. Dafür lässt er seine Schwester zurück, die auf ihn wartet, aber nie wieder von ihm hört.

Hamza hat sich ebenfalls freiwillig gemeldet, Askari zu werden. Er ist jedoch weniger beeindruckt von den Deutschen und ihrer Schutztruppe als Ilyas. Er hofft mit diesem Schritt sein Leben zu verbessern, trotz der harten Disziplin und Brutalität der deutschen Soldaten und der ebenso harschen afrikanischen Askari. Hamza wird als Träumer bezeichnet und passt nicht so ganz rein. Allen Deutschen und Askari ist suspekt, dass ein deutscher General ihm beibringen möchte Schiller zu lesen. Nur mit Glück überlebt Hamza die kriegerischen Auseinandersetzungen und die konstante Gewalt innerhalb der Schutztruppe.

Über Khalifa, einen Sachberarbeiter gujaratischer Herkunft, werden alle Charaktere verbunden. Sie sind Zeugen von Regimewechseln – die Briten lösen die deutschen Kolonialherren ab und schließlich wird Tansania unabhängig – und beschäftigen sich dennoch hauptsächlich damit, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, gesund zu bleiben und sich nicht von den persönlichen und historischen Rückschlägen unterkriegen zu lassen. Afterlives vermittelt mit einem Bewusstsein für die gegenderten Dimensionen von Erfahrungen, wie Menschen ihre Würde wahren und standhaft bleiben, wenn auch auf unterschiedliche Weise, wie sich zeigt, als das Geheimnis um Ilyas Verschwinden gelüftet wird. Diese persönlichen Schicksale und ihrer engen Verwobenheit mit dem europäischen Kolonialismus, eröffnen wichtige Perspektiven, denen dringend mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Hoffentlich wird dieses bewegende Buch auch auf Deutsch übersetzt.