Dark Emu

Als ich anfing, Bruce Pascoes Bericht über „indigene Australier*innen und die Entstehung der Landwirtschaft“ zu lesen, wie es (auf Englisch) auf dem Buchumschlag von Dark Emu steht, habe ich ehrlicherweise nicht erwartet, dass es so spannend sein würde. Aber das ist es. Das Buch, das ursprünglich 2014 bei Magabala Books erschien, erhielt über die Jahre verschiedene Auszeichnungen und Preise, und im Juni 2019 erschien eine Version für jüngere Leser*innen mit dem Titel Young Dark Emu. Thematisch passt es perfekt zu unserer Green Library Reihe, die sich mit postkolonialen und of Color Perspektiven auf Natur und Umwelt befasst.

Basierend auf umfangreichen Recherchen führt Pascoe seine Leser*innen ein, in die Lebensführung indigener Australier*innen und Torres-Strait-Insel Völker vor der Ankunft der Kolonisten in Australien. Pascoe befasst sich insbesondere mit Landwirtschaft, Aquakultur, Wohnungsbau, Lagerung und Konservierung von Lebensmitteln und der Nutzung von Feuer zur Bewirtschaftung des Landes. Darüber hinaus geht er auf linguistische Entwicklungen und Regierungs- und Rechtssysteme ein. Die gesamte Lebensgestaltung integrierte ein Verständnis einer Beziehung zu dem Land, auf dem sie lebten. Pascoes Recherchen streifen diverse wissenschaftliche Disziplinen. Einen großen Einfluss auf sein Buch nehmen Erkenntnisse aus der Archäologie, der Umweltwissenschaft und der Palynologie, um nur einige zu nennen. Pascoe stützt sich nicht nur auf seine breit gefächerte Forschung, viele Teile des Buches dienen auch als aufrichtiges Plädoyer dafür, wohin die wissenschaftliche Aufmerksamkeit und – vielleicht noch konkreter – die Forschungsfinanzierung gelenkt werden sollte. Vorgefasste Vorstellungen darüber, was indigene Völker tun oder nicht tun könnten, behindern nach wie vor das Stellen bestimmter Fragen in der Forschung und Bestrebungen nach einem klareren Verständnis der australischen Geschichte. Koloniale Epistemologien oder Wege der Wissensproduktion bestehen immer noch. Pascoe bietet eine wunderbar auf den Punkt gebrachte Erklärung für den Kolonialismus an:

„Eindringlinge töten gerne diejenigen, denen das Land gehört, das sie plündern wollen; sogar noch besser, sie erniedrigen sie gerne. Wenn diese harte Arbeit vorbei ist, schreiben ihre Enkel ihre Version der Geschichte des neubenannten Landes und stellen ihre Großväter als wohlwollende Visionäre dar“ (unsere Übersetzung)

“Invaders like to kill the original owners of the soil they intend to plunder; but, even better than that, they like to humiliate them. Once that hard work is over, their grandsons re-write the history of the re-named land and paint their grandfathers as benevolent visionaries.” (219)

Im Mittelpunkt des Buches steht also ein Argument für die Notwendigkeit einer wahren Geschichte der indigenen Lebensweisen vor dem ersten Kontakt mit weißen Kolonialherren. Dies ist nicht nur als Selbstzweck von Bedeutung, sondern hat auch sehr reale Konsequenzen für die Gegenwart und die Zukunft. Pascoes wichtigste Quelle sind Berichte, die von frühen weißen Kolonisten geschrieben wurden. Schon die Auswahl macht deutlich: Selbst diese frühen Besatzer mussten größtenteils einräumen, dass sie eine komplexe und blühende Zivilisation vorfanden – und dies angesichts eines bereits bestehenden, hartgesottenen Rassismus und ihres selbstgerchten Interesses ihre Besitznahme des Landes zu legitimieren. Wenn man sich mit Hilfe von Pascoes Hinweisen genau anschaut, welche zeitgenössischen Beweise darauf hindeuten, was weiße Kolonisten tatsächlich vorfanden, als sie nach Australien kamen, dann lernt man etwas über präkoloniale Technik, Architektur und Philosophie.

Das ist an sich schon faszinierend, aber der springende Punkt ist wohl, dass Pascoes Buch eine Geschichte erzählt, die im Widerspruch zu einigen abgedroschenen kolonialen Erzählungen steht, die immer noch benutzt werden, um im Wesentlichen koloniale (und inhärent rassistische) Strukturen aufrechtzuerhalten. Die koloniale Geschichte handelte davon, dass weiße Entdecker leeres, unbebautes Land vorfanden, da die indigenen Völker einer minderwertigen ‚Rasse‘ angehörten und als solche nicht fortschrittlich genug waren, um zu wissen, wie Ressourcen richtig genutzt werden. Diese Vorstellung hat zu einer nationalen Geschichte geführt, in der die indigene Bevölkerung Australiens als umherziehende Nomaden und primitive Jäger und Sammler dargestellt werden. Solche Erzählungen werden auch heute noch instrumentalisiert, um das Recht der Indigenen auf Land abzuschaffen und den Mythos ihrer ‚Primitivität‘ im Gegensatz zu den weißen Siedlern aufrechtzuerhalten. Dark Emu erzählt eine ganz andere Geschichte.

Pascoes Buch ist in seinen Überlegungen zukunftsweisend, denn es geht auch um die Zukunft des Planeten und um einen nachhaltigen Umgang mit der Flora und Fauna Australiens. Pascoe argumentiert überzeugend, dass wir, wenn wir beginnen die Schlussfolgerungen der Kolonialherren zu hinterfragen, die besagt, dass die indigenen Australier*innen nicht absichtlich nachhaltig-ökologisch handeln konnten, dann finden wir auch Hinweise dafür, wie wir zukünftig mit den Ressourcen dieses Planeten umgehen sollten. So könnte ein kritisches Geschichtsverständnis zu einer gerechteren Gegenwart und einer nachhaltigeren Zukunft führen.

Bei der Thematik des Buches kann es natürlich passieren, dass Sie sich beim Lesen – wenn Sie selbst nicht im Thema stehen – hin und wieder etwas verloren fühlen. Aber das Register des Buches ist zugänglich und verzichtet auf akademischen Jargon. Pascoes persönliche Anekdoten unterfüttern das Buch und vermittelt einen Eindruck davon, wie dieser Schriftsteller als Forscher und als ein Mensch, den bestimmte Fragen vorantreiben, zu seinen Erkenntnissen gelangt ist. Er schreibt mit Sensibilität und einem Sinn für Humor. Dieses Buch war für mich eine der angenehmsten Überraschungen seit langem.

(noch keine deutsche Übersetzung)