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vor ihren augen sahen sie gott

Vor ihren Augen sahen sie Gott

Manche Bücher haben die Fähigkeit, eine Szene zu skizzieren, einen Charakter zu entwickeln oder eine Passage auf eine Art und Weise zu vermitteln, die einfach im Gedächtnis bleibt. Zora Neale Hurstons Roman Vor ihren Augen sahen sie Gott (ins Deutsche übersetzt von Hans-Ulrich Möhring) hat genau diese Fähigkeit. Es gibt eine Episode, in der Hurston ihre Protagonistin Janie beschreibt – ein Mädchen, das gerade dabei ist, eine junge Frau zu werden – wie sie unter einem Birnbaum liegt und das Kommen und Gehen der Bienen beobachtet, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich sie gelesen habe. Hurstons Prosa ist verblüffend in ihrer Schönheit und in den Einblicken, die sie ermöglicht, witzig in ihren beiläufigen Beobachtungen von menschlichem Verhalten und Gesprächen und völlig kompromisslos.

Das englische Original von Vor ihren Augen sahen sie Gott erschienen 1937 und gilt weithin als ein Klassiker der Harlem Renaissance. Hurston, die quasi ein schriftstellerischer Rockstar gewesen zu sein scheint, soll diesen, ihren bekanntesten Roman, in sieben Wochen geschrieben haben. Und obwohl sie eine Schriftstellerin mit außergewöhnlichem Talent war, starb sie in relativer Unbekanntheit, nachdem sie den letzten Teil ihres Lebens als Putzfrau gearbeitet hatte. Schriftstellerinnen wie Maya Angelou, Toni Morrison und Alice Walker haben sie als literarische Vorläuferin zitiert.

Das Buch spielt im Florida des frühen 20. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte von Janie, einer Frau, die fest entschlossen ist, ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre Großmutter, eine befreite Sklavin, zieht sie auf, nachdem ihre Mutter von einem Lehrer vergewaltigt wurde und davongelaufen war. Die Großmutter arbeitet als Putzfrau bei einer weißen Familie, und Janie wächst mit deren Kindern auf, ohne zu wissen, dass sie eine Schwarze ist, bis sie sich eines Tages auf einem Foto sieht. Aus dem Wunsch heraus, ihrer Enkelin die Sicherheit zu geben, die ihre eigene Tochter nie erlangt hat, besteht die Großmutter darauf, Janie mit einem viel älteren und etablierten, wohlhabenden Mann zu verheiraten. Er ist ein Mann, den Janie nicht lieben lernen kann, und sie flüchtet mit Jody Starks, einem Mann, der nach Eatonville geht, einer Stadt, die für und von Afroamerikaner:innen gebaut werden soll. Jody liebt Janie, stellt sie aber auf ein Podest und verweigert ihr die gleichberechtigte Teilhabe an ihrem gemeinsamen Leben. Janie sehnt sich nach weniger Engstirnigkeit und die Leidenschaft, auf der ihre Ehe einst aufgebaut war, erodiert. Im letzten Akt der romantischen Reisen der dreifach verheirateten Janie wird Tea Cake eingeführt, ein charismatischer Nomade, der deutlich jünger ist als unsere Heldin. Er ist ein Glücksspieler und betrügt auch hin und wieder mal, aber die Liebe, die die beiden füreinander empfinden, treibt sie weiter in ein Leben gemeinsamer Abenteuer als Gleichberechtigte.

Manchmal schien der Roman fast sentimental zu werden, da die gesamte Handlung von der Suche nach einer heterosexuellen Romanze – und dem Erfolg dieser als Maß für ein gelungenes Leben – angetrieben zu sein schien. Aber es darauf zu reduzieren, hieße Hurston einen schlechten Dienst zu erweisen und, wie ich meine, das Buch falsch zu lesen, in dem es um Janies Suche nach einem erfüllten Leben geht. Sie erreicht ihre Versionen davon über die Männer, die ihr neue Horizonte eröffnen und mit ihr selbst neue Perspektiven erblicken. Und die Geschichte ist auch untrennbar von ihrem Schauplatz: Von den Verandagesprächen unter den Stadtbewohner:innen von Eatonville; vom „Dreck“ der Everglades; von der grünen Landschaft im südlichen Florida, die unfassbar fruchtbar und in der Hurrikan-Saison wahnsinnig gefährlich ist. Der Roman handelt auch von Rassismus und Kolorismus, von Sexismus und der Intersektionalität von Diskriminierungen. Man mag über die Wiedergabe der Sprache in ihren phonetischen lokalen Kadenzen stolpern, aber auch das ist ein integraler Bestandteil von Hurstons akribischer Beobachtung, ihrem Auge und ihrem Ohr für Details der Welt, in die sie ihre Geschichte setzt. Nicht umsonst ist sie die literarische Großmutter zahlreicher literarischer Größen, und Vor ihren Augen sahen sie Gott ist verdientermaßen ein Klassiker.

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