Gegen Morgen

Auf den ersten Blick könnte Deniz Utlus Roman Gegen Morgen als Geschichte einer Midlifecrisis eines Mittdreißiger Mannes gelesen werden. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich um das grundsätzliche Hinterfragen von Wertesystemen handelt.

Kara, der Protagonist, erlebt starke Turbulenzen und eine Notlandung auf seinem Flug von Berlin nach Frankfurt am Main. In diesem Moment beginnt er sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Seine Zweifel werden befeuert durch die aktuelle Aufgabe des studierten Volkswirts, für eine Versicherungsgesellschaft die „erwartbaren Kosten des Lebens“ zu berechnen. Im Zuge seiner Berechnungen trennt Kara sich von seiner langjährigen Freundin Nadia, hinterfragt intensiv seine Berufswahl und seine Freundschaften zu Vince und Ramón.

Während seiner Wandlung beginnt Kara an Schlafstörungen zu leiden und die Erzählung wird zunehmend uneindeutig. Es bleibt offen, was Realität, Fantasie, Wachsein oder Traum ist. Erinnerungen verschwimmen mit der Gegenwart. Kara, der eigentlich ein wenig ambitionierter Typ ist, der selten aktive Entscheidungen trifft, versucht Bilanz zu ziehen und schwankt zwischen Selbstgefälligkeit und dem Gefühl nicht genug Verantwortung für andere übernommen zu haben. Die Selbstgefälligkeit wird personifiziert durch Vince, seinen ehemaligen Mitbewohner. Für Vince zählt nur er selbst, sein Vergnügen, sein Erfolg ohne Rücksicht auf Verluste. So berät er auch Kara. Aber Kara zweifelt und den Zweifel stellt Ramón dar. Wie alle Figuren im Roman bleibt Ramón fremd, mysteriös und wenig greifbar. Aber eins ist klar: Er kommt aus schwierigen Familienverhältnissen und löst bei den aller meisten Menschen Ablehnung aus. Er passt nicht ins System. Er ist anders. Er steckt Prügel von Nazis ein.

Mit diesen drei Charakteren zeigt der Roman, dass nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu Möglichkeiten haben. Manche erleben Barrieren, die andere gar nicht wahrnehmen. Kara, der zwischen den Extremen steht, wird das plötzlich klar und er fühlt sich in Folge verantwortlich. Da die Charaktere zu sehr symbolische Schraffuren bleiben, berühren sie mich als Leserin nicht richtig. Die flüchtigen Personen zwischen gestern und morgen, die die Charaktere zu sein scheinen, nehmen den großen Themen des Romans das Gewicht und reduzieren ihn womöglich doch auf die Midlifecrisis. Dennoch steht Deniz Utlus Roman letztendlich für genaues Hinsehen, das Zulassen von Verletzlichkeit und den tiefen Wunsch nach mehr Solidarität.