Afropäisch

Wenn ihr an Backpacker*innen denkt, wen habt ihr dann vor Augen? Eher eine weiße Person, oder? Johny Pitts stellte auf seiner Reise durch Europa auf der Suche nach der Schwarzen Diaspora jedenfalls fest, dass es wenige Reisende wie ihn gibt. Ebenso wenig bot sich Pitts innerhalb des Genres der Reiseliteratur eine große Zahl von Vorbildern an. Er nennt gerade mal einen direkten Vorläufer seines Buches, The European Tribe von Caryl Phillips. Phillips ist dafür ein regelrechtes Idol für Pitts, denn mit seinem Buch über seine 20 Jahre frühere Europareise normalisierte er den Schwarzen Blick, indem er weiße Europäer*innen zum Objekt seiner Betrachtung machte. Während Phillips darüber schreibt, wie es ist, als Schwarze Person unter weißen Menschen zu sein, verfolgt Pitts auf seiner Reise das Ziel, innerhalb des Europas, das weiße Menschen oft als homogen weiß definieren, Afropa zu finden – also das Schwarze Europa, die Menschen, die es ausmachen und seine jahrhundertelange Geschichte.

Mit einem relativ geringen Budget, dass er lange angespart hatte, machte Pitts sich alleine auf den Weg. Er merkt an, dass die knappen Finanzen den Rahmen für die Reise setzten und damit auch für das Buch: Pitts bewegt sich hauptsächlich in westeuropäischen Großstädten mit einem kurzen Abstecher nach Moskau. Das heißt sicher nicht, dass er keine Afropäer*innen in östlichen oder ländlichen Regionen gefunden hätte. Ich hatte insgesamt das Gefühl, dass das Buch trotz der fast 500 Seiten durchaus noch länger hätte sein können, denn die verschiedenen Orte aus Pitts Perspektive kennen zu lernen, war eine reine Freude. Die Eindrücke, die Pitts von den verschiedenen Orten teilt, sind amüsante, bewegende oder kritische Schlaglichter eines interessierten Zuhörers und Beobachters, der bewusst auch herausfordernde Begegnungen sucht.

Oft trifft Pitts auf außergewöhnliche Persönlichkeiten der zeitgenössischen afropäischen Community, wie die Aktivistin Jessica de Abreu in den Niederlanden, den Weltenbummler Ibrahim – laut Pitts „der ultimative Nomade“ – in Frankreich oder Zap Mama in Belgien. Die häufigen Referenzen zu Musiker*innen können durchaus dazu dienen, eine Playlist für den perfekten Soundtrack beim Lesen zusammen zu stellen.

Zusätzlich berichtet Pitts von herausragenden historischen Persönlichkeiten, also von denjenigen, die schon vor Pitts Raum für Schwarze Präsenz in Europa eingefordert haben. Pitts setzt sich intensiv mit James Baldwin und Frantz Fanon auseinander, nennt auch afrikanische politische Führer wie Nkruhma oder Lumumba und er kritisiert Mobutu. Alle diese Männer spielen auf ihre Weise eine Rolle für die afropäische Identität. Auch wenn May Ayim ebenfalls Erwähnung findet, hätte ich mir insgesamt gewünscht, noch mehr über die lange Tradition von Schwarzem Feminismus und Schwarzen queer spaces in Europa zu erfahren. Vor allem in Deutschland hängt die aktive Schwarze Selbstorganisation eng mit feministischen Kontexten zusammen.

Trotz diesem kleinen Einwand, war es mir eine besondere Freude aus Pitts Schwarzer britischer Perspektive über meine Heimatstadt Berlin zu lesen. Er wundert sich über die linke Szene, während er ausversehen auf einer Antifa-Demo landet, bei der sich die ausschließlich weißen Demonstrierenden Bob Marleys Musik zu eigen machen. Die Demo ist für Pitts eine furchteinflößende Angelegenheit ist. Dennoch schließt er, dass der Verdienst der Antifa ist, dass sie in einer Zeit, in der die Rechte versucht, Rassismus hip zu machen, junge weiße Menschen für Antifaschismus und Antirassismus begeistert. Afropa findet Pitts in einem Falafel-Laden in Friedrichshain und im YAAM, dem Young African Art Market.

Letztendlich erzählt das Buch davon, dass Afropa nicht unbedingt ein physischer Ort ist, sondern im direkten Nachhall des europäischen Kolonialismus zu finden ist, also in dem, was von der weißen Mehrheitsgesellschaft verdrängt wird. Die Schwarze Präsenz in Europa steht in direktem Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und diese Geschichte muss aufgearbeitet werden, um aktiv gegen Rassismus und Marginalisierung vorzugehen.

Die Übersetzung ins Deutsche von Helmut Dierlamm ist größtenteils gelungen. Aber ich hätte mir gewünscht, als Leserin angesprochen zu werden – im Englischen heißt es reader und ich kann mir nicht vorstellen, dass Pitts beim Schreiben nur Männer im Kopf hatte, dennoch macht Dierlamm im Deutschen daraus „der Leser“. Ich hätte black African auch nicht als „Schwarzafrikaner“ übersetzt, da dieser Begriff direkt in die Fußstapfen des N-Worts tritt. Im Deutschen dient der Begriff zur Stereotypisierung, wohingegen Schwarzer Afrikaner eine politische Position bezeichnen würde und damit die passendere Übersetzung ist. Abgesehen davon habe ich die Übersetzung ebenso gerne wie das englischsprachige Original gelesen.