Gegenwartsbewältigung

Der Berliner Politikwissenschaftler Max Czollek promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung. Er arbeitet mittlerweile an der Schnittstelle von Kunst und Politik als Kurator von Veranstaltungen, Herausgeber der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart, Poet und Schriftsteller. 2018 veröffentlichte Czollek seine erste Streitschrift Desintegriert euch! Er argumentierte für radikale Vielfalt, statt Integration. In seinem zweiten Buch Gegenwartsbewältigung zeigt er, dass noch nicht alles zum Thema radikale Vielfalt gesagt ist. Er legt nach und zwar auf ebenso markante und eloquente Weise.

Czollek beginnt Gegenwartsbewältigung unter der Voraussetzung, dass in der deutschen Gegenwart einige Dinge grundsätzlich falsch laufen – und das hat nicht in erster Linie mit Corona zu tun. Es gibt eine rechtsradikale Partei, die im Bundestag sitzt. Es passieren wiederholt rassistische Morde. Statt gegen Rechtsradikalismus zu kämpfen, wird von wenig weiterhelfenden Hufeisentheorien gesprochen, die rechts und links als gleich schlimm einordnen. Eine Bewältigung dieser Gegenwart bedeutet laut Czollek, derartiges Denken unmöglich zu machen.

Ziel des Buches ist es also, zunächst etablierte Annahmen über die deutsche Gesellschaft zu hinterfragen. Czollek folgt der Frage, welche Konstrukte und Konzepte das deutsche „Wir“ schaffen und abgrenzen. Historische und politische Hintergründe helfen ihm, aktuelles Denken und Fühlen in Deutschland zu erklären – vor allem die ausgrenzenden Abgründe. Die passenden Stichwörter an dieser Stelle sind Heimat, Volk und Leitkultur. Czollek erklärt, dass etablierte Denkweisen nicht mehr in der Lage sind, die Gegenwart zu bewältigen. Ihn interessieren Alternativen.

Die Alternativen, die Czollek vorstellt, finden sich einerseits in der zeitgenössischen wissenschaftlich-künstlerischen Arbeit, die unter dem Begriff postmigrantisch zusammengefasst werden kann. Er entwirft in seinem Kapitel über wehrhafte Poesie sogar ein Motto, das den Kern dieser Praxis zusammenfasst: „Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden!“ Weiterhin plädiert er für eine radikale Vielfalt, die dem Social Justice und Diversity Trainings Ansatz von Gudrun Perko und Leah-Carola Czollek entspringt. Um mit und für radikale Vielfalt zu leben, braucht es ein Verständnis von komplexer Intersektionalität: Wer versteht, dass Privilegierung und Diskriminierung sich in einer Person vereinen, öffnet den Blick für individuelle Handlungsspielräume. Als eine wünschenswerte Option nennt Czollek das Verbündet-Sein.

Czollek gewinnt mich für sein Buch schon allein, weil mir die Konzepte von „radikaler Vielfalt“ oder „wehrhafter Poesie“ sehr gut gefallen – sie klingen nach Hoffnung. In seiner Argumentation fokussiert er sich auf bestimmte Dimensionen von Diskriminierung – am deutlichsten tauchen Diskussionen über Religion, Ost- und Westdeutschland und Race auf. Aber das Bewusstsein für die komplexe Intersektionalität durchzieht das gesamte Buch, so ist es darüber hinaus auch mit Hinweisen auf Klasse, Geschlecht und Sexualität versehen.  Das Buch zeichnet durch seine Schlagfertigkeit und Lösungsorientiertheit aus. Großen Spielraum und Chancen sieht er auf der kulturellen und individuellen Ebene, die hoffentlich Einfluss auf die institutionelle Ebene haben. Gegenwartsbewältigung ist eine Einladung, dabei mitzumachen eine Gesellschaft zu gestalten, die weniger diskriminierend und gewaltvoll ist als die gegenwärtige.