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Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist

Şeyda Kurt ist freie Journalistin, Moderatorin und Autorin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Philosophie, Kultur, Innenpolitik und intersektionaler Feminismus. Ihr Buch Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist erschien im April 2021 bei Harper Collins Germany und verbindet viele ihrer Schwerpunktthemen. Sie schreibt, dass ihr Ausgangspunkt ein Unbehagen über gängige Bilder der Liebe waren, die von Machtverhältnissen geprägt sind und den Begriff selbst zu einer leeren Worthülse machen. Dieser kritische Blick auf die Liebe rief in ihr eine Präferenz für den Begriff Zärtlichkeit hervor: Dieser impliziere eine Art zu handeln, die nicht weiter Weg von irgendeiner Form von Gewalt sein könnte.

Ich finde Kurts Idee von radikaler Zärtlichkeit attraktiv: Sie basiert auf dem Denken wissenschaftlicher Stimmen wie bell hooks, Eva Illouz und Silvia Federici, die ich überaus schätze. Das Konzept und das gesamte Buch drücken den innigen Wunsch nach einem gerechteren Miteinander aus. Es ist der Gegenentwurf zu diskriminierenden Strukturen in Bezug auf Körper und Arbeit. Das klingt jetzt alles erst mal nicht so wahnsinnig neu, doch zusätzlich verankert Kurt ihre Argumente explizit in einer deutschen postmigrantischen Realität. Das ist es, was mich dazu verleitet, Radikale Zärtlichkeit auch dann zu empfehlen, wenn einem All About Love von bell hooks schon vertraut ist (was im Juli 2021 auch endlich als alles über Liebe auf Deutsch erscheint). Immer wieder tauchen Referenzen zu Kurts eigener Familie von Gastarbeitenden auf und zu türkischsprachigen Filmen, mit denen sie in den 1990er Jahren in Köln aufgewachsen ist. Die biographischen Bezüge kommen nicht ohne einen Beigeschmack, denn Kurt erklärt richtigerweise eingangs, dass der regelrechte Zwang aus einer Betroffenheitsperspektive zu sprechen, um der eigenen Expertise Gültigkeit zu verleihen, zu einer weiteren Marginalisierung führt. Es ist ein kritisches Aufzeigen von Othering und ein sich selbst als anders erzählen, dass in vielen aktuellen Büchern zu diskriminierungskritischen Themen genutzt wird – etwa Emilia Roigs Why We Matter oder Alice Hasters Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Das Aufzeigen dieser Problematik bringt den Diskurs hoffentlich weiter.

An Radikale Zärtlichkeit haben mir die experimentellen und lustigen Formate, die den sonst eher theoretischen Text auflockern, besonders gefallen. So denkt sich Kurt beispielsweise ein Interview mit Karl Marx aus, verfasst ein alternatives Alphabet der Zärtlichkeit und einen Briefwechsel mit Silvia Federici. Wer auf der Suche nach einem Hoffnungsschimmer ist, sollte sich dieses zugängliche Buch über ein zärtlicheres Miteinander schnappen

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