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Buchcover von Bernardine Evaristos Manifesto

Manifesto: Warum ich niemals aufgebe

Vor vielen Jahren lieh mir eine Freundin den Roman Soul Tourists von einer mir bis dahin völlig unbekannten Autorin aus. Seit Bernardine Evaristo aber 2019 den Booker Preis für Mädchen, Frau, Etc. erhielt (gemeinsam mit Margaret Atwood für Die Zeuginnen), ist sie kein Geheimtipp mehr, sondern in aller Munde. In ihrem neusten Buch, Manifesto, reflektiert die Autorin ihren Werdegang. Und was kann ich sagen? Bernardine Evaristo versteht ihr Handwerk und weiß sich selbst und ihr Schaffen auf überaus sympathische Weise darzustellen. Manifesto ist ein Buch, das gute Stimmung ausstrahlt und Leser*innen das Gefühl gibt, der starken, selbstbewussten Autorin etwas näher kommen zu dürfen. Mir gefällt besonders die Struktur des Buches, das nicht wie die meisten Autobiographien chronologisch aufgebaut ist, sondern thematisch: Es gibt Kapitel zu ihrer Familiengeschichte, zu ihren Wohnorten, ihren Liebesbeziehungen mit Frauen und Männern, zum Theater, zum Aktivismus, etc. Der rote Faden ist die Frage nach Evaristos Kreativität, wie sie sich entwickelt hat und ihr letztendlich im Alter von 60 Jahren den gewünschten Erfolg brachte.

Doch die gutgelaunte, kraftvolle Erzählstimme von Bernardine Evaristo täuscht nicht vor, der Weg zum Erfolg sei nicht steinig gewesen. Sie wuchs im London der 1960er und 1970er als Tochter einer weißen Engländerin und eines Schwarzen Nigerianers auf und diese Verbindung war zu der Zeit gesellschaftlich nicht gerne gesehen – auch nicht von Evaristos weißen Großeltern. Rückblickend sagt Evaristo, dass sie schon früh in ihrem Leben ihren Aussenseiterinnen-Status erkannte. Oft waren sie und ihre sieben Geschwister die einzigen nicht-weißen Personen in ihrem Umfeld, an der Schule, im Jugendtheater, in der Kirche, etc. Evaristo entschied sich, diesen Status anzunehmen und oft diente er als Ausgangspunkt für ihre politische Kunst. Trotz aller Widrigkeiten ist Evaristo am Ball geblieben. Sie betont, dass nur ihre eigene Disziplin bei der Arbeit und ihre zuversichtliche Haltung das Entstehen ihrer Bücher möglich machten. Evaristo scheint ihrer Zeit voraus gewesen zu sein, denn sie fing schon vor Jahren mit Affirmationen und Manifestation an, einer Praxis, die auf der eigenen Überzeugung, Erfolg zu haben, beruht und sich spätestens seit Beginn der Corona Pandemie überaus großer Beliebtheit erfreut. Mich lässt es schmunzeln, wie Evaristo sich als bunter Vogel inszeniert, der alle Konventionen sprengt und damit wirklich weit kommt, aber weniger wohlwollende Leser*innen könnten ihr das sicher auch als eine gewisse Selbstgefälligkeit auslegen. Selbstdarstellungen bewegen sich immer auf einem schmalen Grat, besonders wenn es um berühmte Personen geht.

Die Stationen ihres Lebens, die neben der großen Familie in ihren wilden 20ern vor allem vom Feminismus und ihren Beziehungen zu Frauen geprägt wurden, erklären wie Evaristo zu ihrem Manifest kommt, das eigentlich nur anderthalb Seiten lang ist. Dieser kurze Text präsentiert ihre Überzeugungen in Bezug auf Kreativität, Partner*innenschaften und die Gesellschaft. Evaristo fasst knapp zusammen, wie sie als Autorin durch die Welt geht und es klingt mitreißend, besser als es oft ist. Appell statt Affirmation.

Tanja Handels Übersetzung des Buches ins Deutsche zeigt einen informierteren Umgang mit politisch sensiblen Begriffen als in Mädchen, Frau, Etc., bei dem gleich das Etc. im Titel als Übersetzung für das Other der englischen Version berechtigte Kritik erntete. Sharon Dodua Otoo verweist beispielweise darauf, dass der englische Begriff Other die Möglichkeit hat auf Diskurse rund um Identität und Schwarzsein in weißen Kontexten hinzuweisen, was bei Etc. nicht der Fall ist. In einer editorischen Notiz wird in Manifesto nun erklärt, dass in der deutschen Übersetzung mixed-race, of colour und Race beibehalten werden, da keine nicht rassistisch konnotierten deutschen Entsprechungen existieren. Ich habe mich nur gefragt, warum sie beim Titel ebenfalls beim englischen Manifesto geblieben ist und warum nicht gewagt wurde im Text einer Feministin mit Sternchen o.ä. zu gendern.

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