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Zeit des Schattens

Ein Dorf in Aufruhr. Vor drei Wochen wurden die Gemeinschaft der Mulongo überfallen. Ein Feuer hat im Dorf gewütet, Häuser liegen in Schutt und Asche, und zwölf Männer sind im Chaos dieser Nacht verschwunden. Niemand weiß, wer das Dorf angegriffen hat und warum. Niemand weiß, wo die zehn Jugendlichen und zwei Männer abgeblieben sind, ob sie noch leben, ob sie tot sind. Niemand weiß, was mit den zehn Frauen geschehen soll, deren Söhne in jener Nacht verschwanden. Vorerst wurden sie auf Rat der weisen Hebamme Ebeise in eine Gemeinschaftshütte abseits des Dorfes gebracht. Abgesondert, bis der Rat der Ältesten entscheidet, was mit ihnen zu tun ist. 

Da umhüllt eines Morgens ein mysteriöser Nebel die Hütte der Frauen am Dorfrand. Jetzt ist klar: So kann es nicht weiter gehen. Etwas muss geschehen. Mukano, das Oberhaupt der Gemeinschaft, macht sich mit einer Leibgarde auf den Weg zu Njanjo, der Königin des benachbarten Reichs der Bwele. Mukano ist sich sicher, dass Njanjo ihm Auskunft geben kann, immerhin treiben die Bwele Handel und reisen dabei in weit entlegene Gegenden, angeblich sogar bis zum Land des Wassers. 

Plötzlich verschwindet auch Mutango, der intrigante und machthungrige Bruder Mukanos. Hat er etwas mit dem Überfall zu tun? Schließlich treibt er für die Mulongos Handel mit den Bwele, und jede*r im Dorf weiß, dass er es auf das Amt seines Bruders abgesehen hat.

Und noch jemand verschwindet: Eyabe̱, eine der Frauen, deren Söhne nicht zurückgekehrt sind. Im Traum ist ihr der Sohn erschienen. Sie ist sich sicher, dass er lebt, auch wenn seine Stimme undeutlich, seine Nachricht schwer zu verstehen war. Ebeise, die alte Hebamme, hilft Eyabe̱ heimlich zu fliehen, denn Frauen dürfen das Dorf eigentlich nicht verlassen. Eyabe̱ aber ist furchtlos, so war sie schon immer. Sie wird ihren Sohn finden, und wenn sie bis zum Land des Wassers dafür gehen muss. 

Zeit des Schattens liest sich wie ein Krimi, und entfaltet erst nach und nach seinen düsteren historischen Hintergrund: die Geschichte des Transatlantischen Handels mit Menschen in die Versklavung. Das Besondere an dem Roman ist, dass Léonora Miano konsequent aus der Perspektive der (fiktiven) Mulongo und Bwele erzählt, die beispielhaft für die prekolonialen Gemeinschaften West- und Zentralafrikas stehen. Miano scheut auch nicht davor zurück, ein schwieriges Thema zu verhandeln, nämlich die Mittäter*innenschaft mancher dieser Gemeinschaften am Versklavungshandel. 

Als Lesende bin ich genauso verunsichert, genauso verzweifelt, genauso schockiert angesichts der sinnlosen und unerklärlichen Brutalität, die sich im Leben der Gemeinschaft der Mulongo Bahn bricht. Beim Lesen erlebe ich, wie ihre Gemeinschaft zerstört, wie ihre Kultur mit allen Gebräuchen, ihre Lebensweise, ihre Weisheit, dem Untergang geweiht wird. Ich beginne, die Tragweite des entmenschlichenden Versklavungshandels zu begreifen: die unfassbaren Zahlen an ermordeten und versklavten Menschen, und dass sich hinter jeder Zahl eine Geschichte, ein Gesicht verbirgt.

Inspiration für den Roman war eine Studie mit dem Titel La mémoire de la capture. Darin wird untersucht, ob es in west- und zentralafrikanischen Ländern eine Erinnerung an den Transatlantischen Versklavungshandel gibt. Léonora Miano setzt dieser Erinnerung mit Zeit des Schattens ein zutiefst bewegendes literarisches Denkmal. 

(Übersetzung aus dem Französischen von Ina Pfitzner) 

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