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Transcendent Kingdom

Sucht und Familie, Religion und Wissenschaft, als Ghanaer*in in Alabama leben: Das sind einige der Themen, mit denen sich Yaa Gyasi in ihrem zweiten Roman Transcendent Kingdom auseinandersetzt. Geschrieben aus der Perspektive von Gifty, einer talentierten jungen Frau, die einen Doktor in Biomedizin an einer renommierten US-amerikanischen Universität macht, erzählt das Buch wie sie ihren charismatischen Bruder wegen seiner Opioid-Sucht verliert und welche komplexen Nachwirkungen dieses Trauma für diejenigen hat, die er zurücklässt.

Giftys Geschichte führt Leser*innen von Ghana in die USA. Dort, so glaubt ihre Mutter, wird sie ihrem Goldjungen, dem ersten Kind Nana, ein besseres Leben bieten können. Der Vater ist glücklicher in seinem Heimatland und betrachtet diese amerikanischen Träume mit Skepsis. Er folgt nur widerwillig. In Alabama, wo sie sich niederlassen, stößt die Familie auf Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche, erlebt Armut und Rassismus in vielen Facetten. Gifty wird hier geboren, eine überraschende Nachzüglerin, die dazu bestimmt ist, immer im langen Schatten ihres großen Bruders zu stehen. Nana ist begabt in allem, was er macht. Er ist auf dem besten Weg, ein Basketball-Star mit einem College-Stipendium zu werden, als eine Verletzung auf dem Spielfeld einen Arzt veranlasst, ihm die Schmerzmittel zu verschreiben, die zu seinem Verhängnis werden. Nachdem der Vater die Familie einige Zeit zuvor verlassen hat, bleiben Mutter und Tochter, die sich mit Nana und seiner Sucht auseinandersetzen müssen – mit dem unvermeidlichen, tragischen Ende.

Die Stärke des Romans liegt darin, dass sich Religion und Wissenschaft stets die Waage halten. Die Vereinbarkeit von beidem ist ein zentraler Kampf für Gifty, die von ihrer frommen Mutter dazu erzogen wurde, mindestens einmal in der Woche in die Kirche zu gehen und zu versuchen, sich selbst und ihr Leben Gott zu schenken. Doch im erwachsenen Alter wird ihr Leben immer stärker von der Wissenschaft bestimmt: Von wissenschaftlichen Methoden, Diskursen, Experimenten und der Wissensproduktion. Sowohl die Wissenschaft als auch die Religion dienen ihr als Mittel, das Handeln und den Tod ihres Bruders besser verstehen zu können, um sich irgendwie damit zu arrangieren. Keines von beidem erweist sich als adäquate Strategie, aber sie kann auch keines von beidem aufgeben, auch wenn sie im Laufe ihres Studiums immer wieder damit konfrontiert wird, dass ihre beiden Rahmen für ein Verständnis der Welt – Wissenschaft und Gott – unvereinbar sein sollen.

Ein weiterer Aspekt des Buches, den ich genossen habe, waren die Charaktere. Gifty wirkte sehr real: Ihre inneren Dialoge, ihre Unzufriedenheit mit sich selbst, ihre Intelligenz und die Schwierigkeiten, die sie mit so vielen Dingen hat. Gyasi schafft es, sie sympathisch zu machen, auch wenn klar wird, wie schwer es ist, sie zu mögen. Auch die Mutter wird herzergreifend dargestellt, wenn auch mit der Distanz, die Gifty immer zu ihr zu haben scheint. Sie ist sowohl die disziplinierende Walküre aus Giftys Jugend als auch die gebrochene Frau, deren Depression zum Kreuz ihrer Tochter wird.

Als großer Fan von Gyasis Debütroman Heimkehren muss ich gestehen, dass ich hohe Erwartungen an diesen Roman hatte. Ich denke, es ist wichtig, Transcendent Kingdom nicht in irgendeiner Weise als Nachfolger des früheren Romans zu betrachten – die Dinge, die meine Begeisterung für Heimkehren hervorgerufen haben, zeichnen Gyasis zweites Buch nicht aus. Transcendent Kingdom ist eher das Produkt einer sehr talentierten Autorin, die sich nun mit ganz anderen Fragen auseinandersetzt – obwohl natürlich die Verbindung zu Ghana und die Sensibilität für Fragen zu Race und Rassismus Merkmale beider Romane sind. Die Erzählung von Transcendent Kingdom baut keinen Bogen auf und sie gewinnt keinen Schwung. Sie verebbt und fließt. Es gibt keine große Katharsis in dem Buch, aber es bietet Anlass, über einige ziemlich große Fragen nachzudenken, und es gibt immerhin ein fast glückliches Ende.

(noch nicht auf Deutsch übersetzt)

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