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Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung

Emilia Roig gründete vor einigen Jahren das Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Das Ziel von CIJ ist es, über die sich überkreuzenden Unterdrückungsformen zu forschen, in Workshops über sie aufzuklären und Institutionen bei einem strukturellen Wandel zu unterstützen. Ihr Buch Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung bündelt nun Roigs wahnsinnigen Wissensschatz. In einem rasanten Tempo wirft das Buch einen Blick auf die vielschichtigen Facetten von Unterdrückung in nahezu allen Lebensbereichen. Why We Matter kann somit als eine wunderbar zugängliche Einführung in das Konzept der Intersektionalität gelesen werden.

Für die verschiedenen Bereiche, wie etwa zu Hause, in der Schule und an der Universität, in den Medien, im Gerichtssaal, etc. bietet das Buch jeweils ein ausführliches Kapitel. In allen Kapiteln verbindet Roig Persönliches mit Theorie. Mit dem Kapitel „Zu Hause“ zu beginnen, erlaubt es der Autorin, sich zunächst selbst zu positionieren und zu erklären, wie sie schon auf Grund ihrer komplexen Familiengeschichte so ein ausgeprägtes Interesse für die Verwicklungen verschiedener Aspekte von Identitäten und das Ineinandergreifen von Unterdrückungssystemen entwickelte. Roig macht klar, dass sie ein Produkt des französischen Kolonialismus ist: Ihre Mutter kommt aus Martinique und trägt noch den Nachnamen des Sklavenhalters ihrer Vorfahren, der Vater ist jüdisch-algerisch und wuchs mit einem kolonialen Lebensstil in verschiedenen afrikanischen Ländern auf. Anhand ihrer selbst und ihrer Familie kann Roig so einige Phänomene sehr gut erläutern: Kognitive Dissonanz in Bezug auf Rassismus, internalisierten Rassismus, Colorism, Sprache und Macht, die Fetischisierung von bestimmten Körpern, etc.

Später im Buch geht es um viele Themen, die weniger direkt mit Roigs Leben zu tun haben. Örtliche Referenzrahmen dafür wechseln in der Regel zwischen Deutschland, Frankreich und den USA. Roig äußert sich kritisch zur Kriminalisierung von Sexarbeit; sie hinterfragt die Notwendigkeit von Gefängnissen; und sie legt dar, dass die Konstruktion der Norm, was als „gesund“ oder „ungesund“ gilt, nicht nur ableistisch – also diskriminierend gegenüber Menschen mit Behinderung – ist. Die Idee von „Gesundheit“ ist darüber hinaus in ein dominantes heteronormatives Denksystem eingebettet. Heterosexualität wird so z.B. als Norm und als gesund konstruiert. Dahinter steht ein politischer Wille und keine rein wissenschaftliche Erkenntnis. Mir gefällt besonders gut, dass Roig bei all ihren Beispielen, die erklären wo und wie Unterdrückung am Werk ist, auf die Verbindung von verschiedenen Ebenen achtet: Formen der Unterdrückung werden individuell praktiziert, sind aber in der Regel historisch gewachsen, institutionell verankert und strukturieren somit die Gesellschaft.

Ich schätze an dem Buch, dass es trotz der notwendigen Kritik eine hoffnungsvolle Haltung vertritt, die besagt, dass ein Ende der Unterdrückung möglich ist. Roig nimmt zwar richtigerweise vorweg, dass es keine magische Formel oder simple Anleitung für mehr Gleichberechtigung gibt, aber sie benennt immerhin einige Grundpfeiler oder Wegweiser, die zur Orientierung dienen. Menschen mit Privilegien haben die Aufgabe, so Roig, mit Schuld umzugehen zu lernen. Menschen, die Unterdrückung erleben, brauchen Raum für Heilung. Zusätzlich legt Roig einen Fokus auf die Entwicklung von mehr Empathie füreinander und auf eine gewisse Spiritualität. Ich möchte allen sehr ans Herz legen, sich auf dieses Buch mit seiner treffenden Kritik und seinen konstruktiven Vorschlägen einzulassen. Vielleicht kann schon das Lesen als Stups auf den Weg der Transformation in Richtung des noch utopischen Endes der Unterdrückung verstanden werden.

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