The Boundary

Dieser dunkle, düstere Krimi wartet nur darauf, verfilmt zu werden. Was das Buch zu mehr macht als zu einem durchschnittlichen Krimi-Mord-Mystery-Genre-Roman, ist der Kontext des Schauplatzes. Die Geschichte spielt sich in der Folge eines gescheiterten Native Title Claims ab – also nach einer gescheiterten Forderung eines rechtlichen Anspruchs auf Land durch Mitglieder der ehemals kolonisierten und entrechteten indigenen Bevölkerung Australiens. Die Corrowa sind ein indigenes australisches Volk, das im heutigen Brisbane lebt. Sie gehen vor Gericht, um die Bebauung des Meston Parks zu verhindern, einer der letzten Freiflächen, auf der sie sich noch versammeln können. Ein großes Geschäftskonglomerat namens Coconut Holdings steckt mit der lokalen Regierung unter einer Decke, um den Park in ein Multimillionen-Dollar-Projekt mit Wohnungen und Geschäften für die Reichen zu verwandeln. Das Buch beginnt mit der Ablehnung der Klage der Corrowa durch das Gericht. Was folgt, sind Mord, Intrigen und möglicherweise die Rückkehr eines alten Mörders.

Nicole Watsons Roman erzählt die Geschichte einer Reihe von Figuren, die am Rande des Abgrunds stehen. Miranda Eversely, Anwältin der Corrowa, betrachtet die Ablehnung der Klage als Höhepunkt einer Reihe von persönlichen Misserfolgen; sie bewegt sich stark in Richtung Alkoholismus, ohne Aussicht auf Besserung. Ethel Cobb, süße alte Dame oder intrigierendes Superhirn, wankt zwischen Senilität oder prophetischer Erkenntnis. Detective Higgins wandelt auf einem Drahtseil aus Erschöpfung, Groll und gewalttätiger Wut. Er ist auch ein Alkoholiker. Die Sucht ist in der Tat eines der Leitmotive des Romans. Abgesehen von Mirandas und Higgins‘ Kämpfen mit dem Alkohol scheint fast jede Figur mit irgendeiner Art von Sucht zu ringen, seien es Kokain, Meth, Glücksspiel oder herabwürdigende Sexualpraktiken. Der Schauplatz des Romans ist von so viel Laster und Korruption geprägt, dass es schwer ist, einen lichten Moment zu finden. Leser*innen werden möglicherweise damit versöhnlich gestimmt, dass zumindest einige der bösesten Täter*innen bekommen, was ihnen zusteht. Auf der anderen Seite scheinen die Kosten für diejenigen, die zu den Guten der Geschichte zählen, so hoch zu sein, dass man auf jeden Fall bedrückt zurückgelassen wird, auch wenn man noch auf ein Happy End gehofft hat. Dies alles ist wohl nur ein Beleg für die unglaubliche Frustration, Demütigung und den Schmerz, den die indigenen australischen Communities erleiden müssen, wenn sie mit strukturellem Rassismus, systemischer Korruption und einem Rechtssystem konfrontiert werden, das einfach nicht in der Lage ist, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Leser*innen müssen sich in Acht nehmen: Gegen Ende des Romans gibt es eine beunruhigende Szene, die angesichts der vielen aktuellen Berichte über Polizeigewalt (und Straflosigkeit) vielleicht noch erschütternder ist.

Zuerst hatte ich mit den vielen verschiedenen Erzählsträngen zu kämpfen. Es schien zu viele Charaktere mit zu vielen Namen zu geben, die alle in komplizierten Beziehungen zueinander stehen – und niemand war wirklich sympathisch. Aber schließlich kam das Ganze zusammen, und ich war definitiv daran interessiert, herauszufinden, wer denn nun die Tat begangen hatte. Der Sprachgebrauch ist recht speziell: viele einfache deklarative Sätze im Präsens, strukturiert nach dem Muster a macht b, wobei der*die Handelnde oft ungewöhnlich ist, zum Beispiel: „Die Haare stehen zu Berge“. Anfangs fand ich, dass diese Art der Formulierung meinen Leserhythmus unterbrach, aber am Ende gefiel es mir sehr gut.

Insgesamt konnte ich mich nicht ganz entscheiden, ob der Roman einfach schwerfällig und etwas platt ist oder ob er tatsächlich einen latenten Sinn für Humor aufweist. Eine der unangenehmsten Figuren heißt zum Beispiel Dick Payne (übersetzt ungefähr „Penis Schmerz“) . Das Buch leistet in jedem Fall wichtige Arbeit, indem es sich das Genre des Kriminalromans für seine dekolonialen Zwecke aneignet. Wenn Leser*innen an Geschichten über Sex, Drogen und Mord interessiert sind, bekommen sie genau das in The Boundary. Zusätzlich werden sie beim Lesen nicht drum herumkommen, mehr Bewusstsein für das wiederholte Versagen der Justiz im Umgang mit der indigenen Bevölkerung Australiens zu bekommen.

(Der Roman wurde noch nicht auf Deutsch übersetzt)