Unterstütze poco.lit. über Steady.

Schlagwörter:

01: Von Kolonialismus zu Antikolonialismus: Die englische Sprache und afrikanische Literatur

Was hat Kolonialismus mit Sprache zu tun? Und wie wehren sich ehemals Kolonisierte gegen den Eurozentrismus? Welche Strategien verwenden sie beispielsweise in der Literatur?

In dieser Folge sprechen wir über den gewaltsamen Export von europäischen Kolonialsprachen und die berühmte Debatte unter afrikanischen Intellektuellen, welche Sprache sie verwenden sollten. Beispielhaft ziehen wir die Positionen von Chinua Achebe und Ngũgĩ wa Thiong‘o heran. Wir Sprechen über afrikanische Literatur, sprachliche Strategien der Selbstermächtigung und den Erhalt indigener Sprachen.

Ihr bekommt auch eine Menge Lesetipps!

Shownotes

Transcript

Einführung
Gespräch Anna und Susi
Buchempfehlungen
Abschied

Einführung

Gespräch Anna und Susi

Anna von Rath: Ganz herzlich willkommen beim Podcast von poco.lit. Einige von euch kennen poco.lit. vielleicht schon von Social Media oder vielleicht habt ihr auch schon mal den ein oder anderen Beitrag aus unserem Onlinemagazin gelesen. Poco.lit. ist ein Projekt von mir, Anna von Rath und von Lucy Gasser und Susi Peter. wir drei lesen gerne ganz viele Bücher, und wir arbeiten alle auch irgendwie mit Literatur und Sprache. Als Literaturübersetzerin, als Uni-Dozentin in den Literaturwissenschaften oder als Linguistin und wir interessieren uns dabei ganz besonders für eine kritische Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen.

Dieses Interesse bündeln wir im Rahmen von poco.lit, das eigentlich eine Plattform für postkoloniale Literatur im weitesten Sinne sein soll. Bei unserer Arbeit verstehen wir das Postkoloniale als Aufforderung, die anhaltenden Auswirkungen des Kolonialismus auf die Welt uns herum zu betrachten. Wir stellen also ganz viele Fragen: Wie sind Macht und Reichtum verteilt? Wie sind die Beziehungen zwischen dem globalen Süden und Norden? Welche kolonialen Praktiken gibt es heute noch, die kritisiert werden sollten? Postkolonialismus hat sich zu einem Oberbegriff für das kritische Hinterfragen einer ganzen Reihe von Themen entwickelt. Zum Beispiel Rassismus, Nationalismus, Migration, kulturelle Identität, Repräsentation, Feminismen, Wissensproduktion und so weiter.

Und bisher haben wir diese Themen in unserem Onlinemagazin oder bei Veranstaltungen mit spannenden Gästen diskutiert. Und jetzt wollen wir mit diesem Podcast ein neues Format ausprobieren und wir hoffen, wir bekommen das so hin, dass ihr gerne zuhört. Neues auszuprobieren ist ja auch immer erst mal ein bisschen aufregend.

In unserer ersten Staffel wird sich alles die Sprache postkolonialer Literatur drehen. Auf welchen Sprachen wird sie geschrieben und warum steckt da eine Bewertung von Sprachen drin? Was ist mit lokalen Eigenheiten und wie hat sich die Sprache postkolonialer Literatur mit der Zeit gewandelt, also was es mit historischen Kontexten?

Und heute fangen wir damit an. Ich spreche mit, Susi darüber, welchen Einfluss der Kolonialismus auf die Verbreitung oder Verdrängung von bestimmten Sprachen genommen hat und wie sich das auch heute noch in der Literatur widerspiegelt.

Ganz am Ende der Folge gibt es dann noch ein paar Buchempfehlungen von einem tollen Berliner Buchladen, bei dem es sich auf jeden Fall lohnt, mal vorbeizuschauen.

Und jetzt viel Spaß mit der Folge.

Anna: Ich wollte heute mit dir ein bisschen darüber sprechen, in welcher Sprache eigentlich Bücher aus ehemals kolonisierten Ländern geschrieben werden sollten, auf den indigenen Sprachen oder in den europäischen Sprachen, also den Kolonialsprachen, die mittlerweile oft auch Landessprachen in den verschiedenen Ländern sind. Und dafür als Ausgangspunkt finde ich ganz hilfreich oder spannend, den Satz von dem berühmten kenianischen Schriftsteller Ngugi wa’Thiongo, der mal gesagt hat: „Auf die Nacht der Kugel und des Schwertes folgte der Morgen der Kreide und der Tafeln“. Also Europäische Sprachen wurden gewaltsam exportiert, und das war ein Ausdruck von Macht, das Europäer*innen der lokalen Bevölkerung in kolonisierten Gebieten die eigenen Sprachen und Denk und Glaubenssysteme aufgezwungen haben. Und es spiegelt sich halt heute auch noch in der Literatur wider.

Susi: Als Linguist in oder aus linguistischer Perspektive finde ich immer wieder ganz spannend.:Wo kommt der Gedanke her, dass es bessere und schlechtere Sprachen gibt? Was man auch auf die Kolonialzeit zurückführen kann und auch was für Auswirkungen die Kolonialzeit auf Sprachen hat. Das hat natürlich einmal zu sehr viel Sprachkontakt geführt und auch zu neuen Sprachen, was wir Kreolsprachen nennen, aber auch dazu, dass Sprachen verdrängt wurden, unterdrückt worden und auch sehr, sehr viele Sprachen verloren gehen dadurch. Das ist, was wir heute immer noch sehen können, wie viele Sprachen eigentlich gefährdet sind durch die Kolonialzeit.

Anna: Ja, genau, und wir wollen das heute ein bisschen konkret machen und nicht so abstrakt bleiben und deshalb haben wir uns dafür ein Beispiel rausgepickt. Was auch mit dem schon erwähnten kenianischen Schriftsteller Ngugi wa’Thiongo zu tun hat. In den 1950er und 1960er Jahren wurde in afrikanischen Ländern unter afrikanischen Intellektuellen nämlich genau diese Frage diskutiert: Auf welchen Sprachen sollen wir eigentlich schreiben? Ngugi wa’Thiongo war eine wichtige Stimme in dieser Debatte und auch eine der bekanntesten Stimmen in dieser Debatte.

Die andere bekannte Stimme ist der nigerianische Autor und Wissenschaftler Chinua Achebe. Beide leben in oder lebten in ehemals britischen Kolonien. Deshalb ging es bei ihnen um die Wahl zwischen Englisch und indigenen Sprachen. Aber die ganze Debatte lässt sich natürlich auch auf andere Kolonialsprachen übertragen. Und die Positionen von den beiden können sich so vereinfachen lassen, dass Achebe sich für die Nutzung der englischen Sprache in der afrikanischen Literatur aussprach und Ngugi war dagegen. Er war letztendlich so konsequent, dass er sich irgendwann entschieden hat, gar nicht mehr auf Englisch zu schreiben, sondern auf seiner Erstsprache auf Kikuyu. 

Susi: Find ich unglaublich spannend, da es ist ja wirklich sehr gegensätzliche Positionen sind. Was sind die Gründe dafür?

Anna: Ich habe natürlich extra die extremen Positionen jetzt rausgesucht. Das Spannende ist natürlich sich anzugucken was sind die Argumente dafür oder dagegen?

Ngugi hat in Kenia Englisch studiert, und die Uni dort war ein Teil des University College of London oder ich glaube nur University, College London. Englisch stand für Privilegien, für Prestige und auch für sozialen Aufstieg. Für ihn bedeutete dann weiterhin auf Englisch zu schreiben, sich auch in gewisser Weise dem englischen Literaturkanon zu unterwerfen, sich diesem Kanon anzupassen und damit letztendlich koloniale Strukturen aufrecht zu erhalten. Ngugi wollte das Englische, die Kolonialsprache, mit seiner Arbeit nicht bereichern. Denn genau das würde sozusagen auf Kosten der lokalen Sprachen passieren, die auf diese Weise abgewertet würden oder sogar aussterben könnten.

Und das ist ja auch das, was dich als Linguistin besonders interessiert, nämlich dieses Sprachsterben, und vielleicht kannst du dazu noch ein bisschen was erzählen.

Susi: Ja, sind total spannende und interessante Punkte, die er da macht. Also einmal kann man wirklich sagen, dass auf jeden Fall lokale Sprachen abgewertet wurden, schon damals in der Kolonialzeit Das die Sprachen vor allem im Vergleich zu westlichen Sprachen, als simpel und primitiv bewertet wurden, weil westliche Sprache vermeintlich komplexer sind. Man spricht heute auch von Linguizismus, was eine spezielle Form des Rassismuses ist, bei dem Menschen diskriminiert werden, die mit einer bestimmten Sprache sprechen oder einen bestimmten Dialekt.

Das können wir einmal sehen, das indigene Sprachen abgewertet wurden, nach wie vor werden aber wir sehen das auch in unserem Alltag, das Französisch oder Englisch sehr viel positiver bewertet wird als Sprachen wie Arabisch oder Türkisch. Dazu werden wir in unserer zweiten Folge sprechen mit Olga Grjasnowa, die das Buch geschrieben hat „Die Macht der Mehrsprachigkeit“ 

Der Punkt, der noch gemacht wurde, ist ja auch das Sprachen sogar aussterben können. Und das ist auch was, was durch die Kolonialzeit ohne Frage passiert ist.

Man spricht eigentlich von vier Formen des Sprachsterbens. Es gibt einmal den „Bottom-to-top“-Sprachtod. Sowas ganz typisches sind Sprachen, die irgendwie noch existent sind, aber nicht mehr gesprochen werden. Latein ist ein Beispiel oder im Yoga ist Sanskrit vorherrschend, was die Texte angeht, aber es wird halt eigentlich nicht mehr gesprochen.

Dann gibt es den plötzlichen Sprachtod. Das ist zum Beispiel, wenn Naturkatastrophe passiert sind oder Massaker. Es gibt ein Beispiel aus dem Jahr 1857, wo die Yeeman in Queensland in Australien von weißen Siedlern die ganze Bevölkerung getötet wurde und damit auch einfach die Sprache verloren gegangen ist. Das sind natürlich eher die seltneren Fälle. 

Ein radikaler Sprachtod geht in so eine ähnliche Richtung. Das ist zum Beispiel, wenn etwas Traumatisches passiert ist. Das war in El Salvador in 1932, wo auch die indigene Bevölkerung von Weißen umgebracht wurde, es wurden nicht alle Personen umgebracht und um sich dann zu verstecken, haben sie die Sprache nicht mehr gesprochen. Sie haben ihre indigene Sprache nicht mehr gesprochen, damit sie nicht identifiziert werden können.

Letztendlich der Sprachtod, dem wir am häufigsten begegnen, ist der stetige und das ist halt, das Sprachen verdrängt werden nach und nach. Dass sie, wenn man sich zum Beispiel die Kolonialzeit anguckt, dass das Englische, das Spanische, Französische oder andere koloniale Sprachen, auch das Deutsche, überhandgenommen hat. Dass die indigenen Sprachen aus dem öffentlichen Raum immer mehr verdrängt wurden, vielleicht nur noch privat gesprochen wurden. Das ist wirklich was, was über Generationen passiert, dass die Sprache dann nach und nach einfach verschwindet.

Ich kenn das auf persönlicher Ebene mit Plattdeutsch, was natürlich nicht vergleichbar ist, was in der Kolonialzeit passiert ist. Aber bei mir ist es zum Beispiel so, dass meine Großeltern noch Plattdeutsch gesprochen haben. Und das auch sehr viel. Meine Mutter Plattdeutsch noch wirklich komplett verstehen konnte und ich nur zum Teil. Ich kann es auch nicht sprechen und so verschwindet die Sprache dann halt komplett nach und nach.

Anna: Ja das ja total dramatisch, weil mit den Sprachen die verschwinden sozusagen regelrecht getötet oder verdrängt werden, verschwindet ja auch ganz, ganz viel lokales Wissen, verschiedene Denkweisen, Perspektiven auf die Welt und von daher sind Ngugis Argumente nur noch auf Kikuyu zu schreiben eigentlich total gut nachvollziehbar und trotzdem gabs ja Stimmen wie eben der Erwähnte Chinua Achebe aus Nigeria, der gesagt hat, er will unbedingt Englisch benutzen.

Susi: Noch ein wichtiger Punkt vielleicht. Wir haben so auf der Welt ungefähr, es ist schwer zu schätzen. Man sagt immer so zwischen 6.000 – 7.000 Sprachen, wovon der Großteil bedroht ist, und das sind halt hauptsächlich indigene Sprachen. Auch wenn immer wieder versucht wird, die Sprachen wiederzubeleben, zum Teil auch erfolgreich, aber das geht nur mit politischem Willen. Aber Expert*innen sagen, dass wir ungefähr von diesen sechs bis 7000 Sprachen nur 600 sicher sind alle anderen werden wahrscheinlich irgendwann verloren gehen. 

Anna: Aber gerade jetzt zu dieser Wiederbelebung. Also du hast jetzt gesagt das geht nur mit politischen Willen, aber da können ja schon Schriftsteller*innen auch einen Beitrag leisten oder nicht?

Susi: Ja, würde also würde ich auf jeden Fall sagen, dass Schriftsteller*innen die Bedeutung der indigenen Sprachen zeigen können. Ja, auf jeden Fall. Aber du hattest ja gesagt, das Achebe argumentiert hat, auf Englisch zu schreiben. Was waren seine Argumente dafür? Weil es natürlich auch schon eine, finde ich, ziemlich überraschende Position ist.

Anna: Ja, also Achebe sagt unter anderem, dass Englische war eine wichtige Lingua Franca für Menschen aus verschiedenen Teilen des afrikanischen Kontinents. Das Englisch konnte den Menschen dort helfen, sich untereinander zu verständigen, und halt sozusagen die Sprachbarrieren, die durch die ganz vielen unterschiedlichen Sprachen entstanden sind, überwinden. Und so konnte Englisch sogar auch nützlich sein für antikoloniale Kämpfe und um Koalitionen zu bilden.

Und Achebe betrachtet außerdem Englisch als sein Erbe. Also er ist in Nigeria aufgewachsen und in Nigeria ist Englisch die Landessprache. Obwohl die Sprache durch den Kolonialismus dorthin gebracht wurde, ist es auch seine Sprache. Achebe ging davon aus, dass er diese Sprache, die auch seine Sprache ist, seinen eigenen Bedürfnissen entsprechend anpassen und formen kann. Es wird ihm auch nachgesagt, dass er das Englische auf eine einzigartige Art und Weise verwendet hat.

Susi: Wie sah das aus? Kann zum Beispiel nennen, was sein Englisch so einzigartig gemacht hat?

Anna: Ja klar, also Achebes berühmtester Roman ist „Things Fall Apart“. Der ist auf Englisch geschrieben, er verwendet in dem Text aber hin und wieder Begrifflichkeiten aus dem Igbo, und er nutzt nigerianische Sprichwörter, Metaphern oder Sprachrhythmen in seinem Englisch.

Und vielleicht noch ein Satz zu „Things Fall Apart“. Es erzählt die Geschichte von einem Igbo-Dorf in Nigeria in den 1890er Jahren, geht so viel persönliche Geschichten von Dorfbewohner*innen, den Alltag und auch die Auswirkungen des britischen Kolonialismus.

Und dadurch, dass das Buch auf Englisch geschrieben wurde, konnte es sehr leicht auch auf der ganzen Welt verkauft werden, weil er unheimlich viele Menschen Englisch sprechen. Damit hat Chinua Achebe die Möglichkeit genutzt, seine Perspektive wirklich weit zu verbreiten. Genau das hat dann auch dazu geführt, dass das Buch in viele andere Sprachen übersetzt wurde. Es hat sich wirklich sehr, sehr gut verkauft.

Susi: Super. In was für einem Englisch wurde das geschrieben, war es nigerianisches Englisch? Weißt du das?

Anna: Ja genau, es ist teilweise ein paar Begriffen aus Igbo. Der Sprachfluss ist vielleicht nicht so wir ihn jetzt unbedingt aus Großbritannien kennen würden und so weiter. Also schon eindeutig eine Art von nigerianischem Englisch.

Susi: Weil das ist ja auch spannend, dass durch die Kolonialzeit natürlich auch zu Sprachkontakt kam, Kreolsprachen entstanden sind, auch total typisch für den karibischen Raum zum Beispiel. Und das hat auch eine total interessante Frage, weil es häufig als Dialekte angesehen wird und nicht als eigenständige Sprachen. Aber das vielleicht noch mal ein anderes Thema, was wir uns zu einem anderen Zeitpunkt angucken können. Aber du hast ja gesagt, dass die Debatte in den 60er Jahren stattfand. Wo steht die Debatte heute? Wird die nach wie vor geführt? Weißt du etwas darüber?

Anna: Die Debatte wird auf jeden Fall heute noch weitergeführt. Und was du gerade gesagt hast, fand ich auch total wichtig. Also Sprachkontakt ist immer beidseitig. Zwar waren jetzt die europäischen Kolonialisten in einer mächtigeren Position und haben sozusagen ihre Sprache deutlich weiterverbreitet und dafür gesorgt, dass sie durchgesetzt wurde, aber es geht auch in die andere Richtung, also dass die afrikanischen Sprachen Einfluss auf das Englische nehmen.

Und erst vor so ein paar Jahren hat die britische Journalistin Afua Hirsch ein Meinungsstück im Guardian geschrieben und der Titel von dem Stück war „Africa’s colonization of the English language continues apace“. Und sie sagt also darin, dass der Versuch, Afrikaner*innen davon abzuhalten ihre eigenen Sprachen zu sprechen, in gewisser Weise gescheitert ist. Und sogar mehr noch, dass mittlerweile Menschen in Großbritannien viele Vokabeln aus afrikanischen Ländern übernehmen.

Susi: Und wie sie das in zeitgenössische Literatur aus? Was für Bücher fallen dir ein, die man lesen kann?

Anna: Ja, es ist ja so, dass ich nur Bücher auf Englisch, Deutsch oder auch Spanisch lesen kann. Es werden auch definitiv immer noch sehr wenige Bücher aus afrikanischen Sprachen übersetzt. Und dann auch noch mal auf Achebe und Ngugi zurückzukommen. Ngugi wird größere Herausforderungen haben, Übersetzer*innen für seine Werke zu finden als jemand wie Achebe, der auf Englisch geschrieben hat. Aber was ich auch in den englischsprachigen, afrikanischen Büchern wahrnehme, ist ähnlich wie bei Achebe. Also es werden super viele lokale Redewendungen und Ausdrücke mit dem „Standard Englisch“ vermischt. Ich arbeite auch als Übersetzerin und ich habe zuletzt einen nigerianischen Roman von Francesca Ekwuyasi übersetzt „Butter, Honey, Pig Bread“. Da wird auf jeden Fall teilweise auch nigerianisches Pidgin gesprochen, oder es gibt einfach bestimmt Begriffe, die so in Nigeria üblich sind, die dann ins Englische integriert werden.

Aber was ich auch superwichtig finde es vielleicht nochmal – dadurch, dass wir hier in Deutschland sind und auch Deutsch sprechen – vielleicht nochmal auf die deutsche Debatte zu sprechen zu kommen.

Es gibt den Schriftsteller Abdulrazak Gurnah, der hat 2021 den Literaturnobelpreis bekommen, und der schreibt zwar auch auf Englisch, aber er schreibt über den deutschen Kolonialismus in Ostafrika. In seinem Roman „After Lives“ oder „Nachleben“, in der deutschen Übersetzung von Eva Bonné. Da gibt es eine Szene, in dem ein deutscher Offizier einem Askari, also einem afrikanischen Soldaten, versucht, Deutsch beizubringen. Der Offizier, das wird in dem Roman deutlich, geht davon aus, dass Deutsch die bessere Sprache ist, mehr wert als Kiswahili, und er hat irgendwie so eine zivilisatorische Mission vor Augen. Der Askari ist dem Offizier untergeordnet und muss sich dementsprechend anpassen, lernt auch Deutsch, aber er denkt sich auch seinen Teil. Also Gurnah deckt damit sozusagen dieses fälschliche Selbstbild der Kolonisierenden auf und hält ihn sozusagen so ein bisschen den Spiegel vor, weil wir in dem Roman die Stimme von dem Askari hören, der sich irgendwie denkt: „Was soll das?“.

In Deutsch gibt es weniger Romane, die sich mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinandersetzen, aber es gibt auch für den deutschen Kontext ähnliche Geschichten und ähnliche Debatten wie die, die wir jetzt beispielhaft anhand Ngugi und Achebe skizziert haben.

Ich glaube, wir können so, wenn wir zum Schluss kommen wollen, auf jeden Fall festhalten, dass es wirklich gute Gründe gibt, auf indigene Sprachen zu schreiben, das ist aber auch gute Gründe, gibt auf Englisch zu schreiben, das Englische vielleicht mit den eigenen Mitteln oder für die eigenen Interessen anzupassen.

Und ich würde sagen, das Gleiche gilt auch für Deutsch, auch wenn jetzt unser Fokus wegen den Beispielen, die wir gewählt haben, eher auf Englisch lag. Genau, was nimmst du denn so mit jetzt aus unserem Gespräch?

Susi: Ich nehme aus dem Gespräch eigentlich mit, wie viel da verhandelt wird. Das diese Debatten geführt werden, das war was, was mir gar nicht so bewusst war. Gerade bei den Beispielen, die du nennst und das finde ich eigentlich ist eine sehr schöne Entwicklung, dass diese Mehrsprachigkeit gezeigt wird, in den Büchern, die vorhanden ist, wie vielfältig ein Sprachraum ist, dass eine Nation halt nicht nur eine Sprache hat und wie diese Machtstrukturen zustande gekommen sind.

Anna: Ja gut, dass du die Mehrsprachigkeit ansprichst, weil um Mehrsprachigkeit wird es auf jeden Fall und unserer nächsten Folge noch ganz ausführlich gehen. 

Buchempfehlungen

Zum Schluss gibt es jetzt noch ein paar Buchempfehlungen, und zwar von Intercontinental. Das ist die erste Buchhandlung in Deutschland, die spezialisiert ist auf afrikanische und afro-diasporische Literatur. Ihr findet den Laden in Berlin Friedrichshain in der Sonntagstraße 26. Und wenn ihr in Berlin seid, dann schaut da auf jeden Fall mal vorbei. Vom 28. bis zum 30. Juni richtet Interontinental übrigens auch noch das African Book Festival in Berlin aus, das wir euch auch noch sehr ans Herz legen wollen. Und jetzt zu den Empfehlungen.

Carla: Hallo, ich bin Carla von Intercontinental, und ich möchte gerne zwei Bücher aus unserem eigenen Verlagshaus empfehlen.

Der erste Roman ist von Mohamedou Ould Slahi „Die wahre Geschichte von Ahmed und Zarga“ übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Mohamedou Ould Slahi ist eigentlich Mauretanier, 16 Jahre Gefangener der USA in Guantanamo und hat dann den Roman auf seiner Dritt- beziehungsweise Viertsprache Sprache Englisch verfasst, mit seinem Lektor Larry Siems.

Die Geschichte des Romans hat aber eigentlich mit diesem Teil seiner Biografie nichts zu tun, denn sie spielt in der Sahara. Ahmed, ein Beduine, verliert eines Tages sein bestes Kamel und begibt sich dann auf deren Suche. Dabei erlebt er alles Bedrohliche und auch Schöne der Wüste. Sprachlich ist es insofern interessant, weil der Roman zwar nicht in Mohamedou Ould Slahi Muttersprache verfasst, aber viele Wörter und Begrifflichkeiten aus den Regionen vereint und transportiert. Ahmed, der Hirte, spricht Hassania. Das ist ein in beiden Teilen Mauretaniens gesprochene arabischer Dialekt mit Elementen aus dem Berberischen, dem Französischen, aber auch einer ganzen Reihe afrikanischer Sprachen.

Wir haben uns entschieden, diese Begriffe und Zitate aus dem Koran zum Beispiel oder auch von Gelehrten, alten Märchen, Geschichten so zu lassen, wie sie im englischen Original sind, weil wir finden, dass die Lesenden dadurch viel stärker noch mal in diese magische und zugleich gefährliche Wüste eintauchen zwischen Hitze, Einsamkeit, diesen Legenden, Jahrhunderte alten Geschichten, Kulturen. Das alles wird eben über Sprache transportiert, weshalb es uns wichtig war, diese Sprache weitestgehend zu erhalten. Der Autor hat sich hier auch für einen Glossar entschieden, dass wir entsprechend seinem Wunsch auch beibehalten haben beziehungsweise dann ins Deutsche übersetzt haben.

Hierbei war es noch mal total interessant, die verschiedenen Dialekte und Sprachen zu transkribieren, denn es gibt zum Beispiel für Hassania keine offizielle Schreibweise, wie es für das Arabische gibt, also keine Umschrift, die irgendwie offiziell anerkannt wäre. Ich habe dann mit dem Autor direkt Sprachnachrichten ausgetauscht, anhand derer ich die Umschrift für die Hassania-Worte zum Beispiel vorgenommen habe.

Genau und das alles um den Lesenden ein wirklich, authentisches Gefühl für den Klang der Sprachen zu geben, die in dieser Gegend leben, gesprochen werden und damit die Lesenden die Figuren auch näher zu bringen.

Das zweite Buch, das ich gerne empfehlen möchte, ist von Jennifer Nansubuga Makumbi. Ihr Roman „Die erste Frau“ ist 2022 bei uns im Intercontinental Verlag erschienen und erzählt die Geschichte von Kirabo, ihrem Aufwachsen und Erwachsen werden im ländlichen Uganda der 1970er Jahre. Über die Entwicklung ihrer Protagonistin thematisiert, Jennifer Nansubuga Makumbi ziemlich große Themen, die alle in irgendeiner Form mit dem Frausein zu tun haben. Es geht ums Patriarchat, Freundinnenschaft, Stadt-Land-Beziehungen, die Diktatur.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der Idi Amin Diktatur in dieser Zeit. Es geht um Mutterschaft, Familie und auch Selbstbestimmung, und vor allem geht es aber um die Geschichte von Frauen und der Tradition des ugandischen Feminismus auf Luganda „mwenkanonkano“ genannt. Womit wir eigentlich auch schon mitten im sprachlichen Teil dieser Buchempfehlungen werden, weil Jennifer Makumbi eine sehr klare Haltung hat wenn es bloß Haare oder Erklärungen ihrer Begrifflichkeiten im Falle „Der ersten Frau“ sind sie auf Luganda verfasst, hat. Sie macht in diesem Roman Sprache eigentlich damit selbst zum Thema und nutzt es nicht nur als Medium.

Während wir lesen, reisen wir immer auch in einen anderen Raum. Oft ist es eine ganz andere Kultur, und man kommt wie fragt sich meines Erachtens nach, zu Recht, warum hier immer alles den Lesenden so einfach gemacht werden sollte. Also in Gesprächen und Interviews, erklärt sie oft, das afrikanische Autor*innen bis in die 60er Jahre hinein für ein westliches Publikum geschrieben haben.

Das liegt daran, so meint sie, dass sie natürlich oft in den Kolonialsprachen Englisch und Französisch geschrieben haben, die viele in ihrem eigenen Land noch gar nicht lesen konnten. Und nach der Unabhängigkeit hatten sich die Systeme leider aufrecht erhalten und das bedeutet, dass viele der Bücher für ein Publikum geschrieben waren oder auch immer noch sind, dass es gewohnt war und ist, dass man ihnen Begriffe erklärt, die von weiter weg kommen.

Makumbi wiederum sagt, dass ihr zum Beispiel ja auch niemand erklärt hätte, was Frühling und Sommer ist. Und englische Schriftsteller*innen die auch sie damals konsumiert hat oder auch noch heute konsumiert, immer so schreiben würden, als würde die ganze Welt sie verstehen mit so einer Selbstverständlichkeit eben aus der Machtposition heraus. Und daher rührt ihre Politik das eigentlich nun auch so zu machen, mit ihren Büchern. Wie zum Beispiel in „Der ersten Frau“ ganz klar Begriffe nicht zu erklären, und dadurch verändert sich die Atmosphäre und der Ton der Bücher, was sie ganz wundervoll macht und wir absolut großartig finden, weil sie eben trotzdem funktionieren, da sieht man, das Literatur eben Dinge transportieren kann, ohne unbedingt dieselbe Sprache zu sprechen, die der Leser oder die Leserin spricht.

Wer „Die erste Frau“ liest, reist genau in dieses Uganda der 70er und 30er Jahre. Der Roman wird über mehrere Generationen erzählt und führt mit einer universellen Geschichte belohnt, die er war eben in einem ganz bestimmten Kontext spielt und da auch hingehört.

Abschied

Anna: Für diesen Podcast haben wir eine Projektförderung des Berliner Senats für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt erhalten. Wenn ihr helfen wollt, die verschiedenen Formate von poco.lit nachhaltiger und unabhängiger zu machen, dann könnt ihr unsere Arbeit über Steady unterstützen. Alle Informationen dazu findet ihr in den Shownotes. Vielen, vielen Dank fürs Zuhören schaut bis zur nächsten Folge gerne mal auf pocolit.com vorbei und wir freuen uns auch auf Instagram von euch zu hören dann bis zum nächsten Mal und machts gut.

Weitere Episoden

Date Title Duration
14. Juni 2024 6:44 01: Von Kolonialismus zu Antikolonialismus: Die englische Sprache und afrikanische Literatur
0:29:47
5. Juni 2024 10:34 poco.lit. podcast - Willkommens Teaser
0:01:16

Postkolonialismus und Humanismuskritik

Wer vom Humanismus spricht, der spricht auch von der Würde des Menschen und dem moralischen Gebot eines humanen Handelns. So sehr uns diese mühsam erworbenen Grundsätze zurecht als zu bewahrende Maßstäbe gelten können, so sehr müssen wir uns, als diesen universell gedachten Grundsätzen verpflichtete Fürsprecher*innen, auch ihre historisch ambivalente und missbräuchliche Rolle eingestehen.

mehr...

Max Lobe
Vertraulichkeiten

In Max Lobes Roman Vertraulichkeiten reist ein namenloser Ich-Erzähler, der in der Schweiz lebt, nach Kamerun, wo er aufgewachsen ist, und lässt sich von einer alten Frau in einem Dorf irgendwo auf dem Weg zwischen Duala und Jaunde vom kamerunischen Unabhängigkeitskampf erzählen.

mehr...

Stadtführung in Cottbus: Postkolonialismus trifft Postsozialismus

Cottbus weckt nicht als erstes Assoziationen mit dem (Post-)Kolonialismus. Doch eine kleine Gruppe, die an die örtliche Universität angebunden ist, hat sich die Auseinandersetzung mit genau diesen Aspekten der Stadtgeschichte zur Aufgabe gemacht. Ende August, an einem heißen Spätsommertag, hatte ich das Glück, an einer Tour in Cottbus teilnehmen zu dürfen, die sich nicht nur als postkolonial, sondern auch als postsozialistisch bezeichnet.

mehr...

Dekolonisierung ist keine Metapher

Mit poco.lit. möchten wir u.a. Schlüsselideen der Postcolonial Studies entmystifizieren. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf den Artikel „Decolonization is not a metaphor“ (Dekolonisierung ist keine Metapher), der 2012 von Eve Tuck und K. Wayne Yang veröffentlicht wurde.

mehr...