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Was heißt eigentlich „postkolonial“?

poco.lit. ist eine Plattform für postkoloniale Literaturen – aber was bedeutet das eigentlich? Postkolonialismus hat sich als kritischer Denkansatz in der Wissenschaft entwickelt und gewinnt seit den 1970er Jahren an immer größerer Sichtbarkeit – eines der frühesten und bekanntesten Werke des Postkolonialismus ist wohl Edward Saids Orientalismus aus dem Jahr 1978. Dabei handelt es sich um einen einflussreichen Beitrag zu einem Forschungsfeld, das koloniale Repräsentationsformen kritisch hinterfragt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der postkolonialen Forschung ist es, Formen des Widerstands gegen koloniale Praktiken herauszuarbeiten.

Postkoloniale Literaturen bieten kreative Perspektiven auf die Welt, die weiterhin bestehende, koloniale Machtverhältnisse hinterfragen. Eine frühe und bedeutende Form des postkolonialen Schreibens bezeichnen Bill Ashcroft, Helen Tiffin und Gareth Griffith in ihrem 1989 erschienenen Buch The Empire Writes Back (eine Anspielung auf Star Wars) als „writing back“, also „zurückschreiben“ – Kolonisierte präsentieren ihre Sicht und widersetzen sich so der kolonialen Repräsentation. Diese Art des Schreibens ist eindeutig als Selbstermächtigung zu verstehen. Autor*innen eigneten sich die Sprache und Formen anzueignen, die der Kolonialismus ihnen als Kolonisierten gewaltsam aufgezwungen hatte, und sie zeigten, wie gekonnt sie ihre eigenen Geschichten zu erzählen wussten.

Der Roman Die weite Sargasso See von Jean Rhys ist zum Beispiel ein writing back – ein Zurückschreiben – zu dem britischen Klassiker Jane Eyre von Charlotte Bronte. Rhys‘ Buch ist ein postkolonialer Schauerroman, der sich mit der dunklen Unterseite von Brontes Werk befasst. Der Roman erzählt die frühere Geschichte der verleumdeten und ausgegrenzten Figur von Bertha Mason, der berühmten verrückten Frau auf dem Dachboden aus Jane Eyre, die in der Karibik aufwuchs. Das Buch bietet also den Teil der Geschichte, der in Brontes Werk trotz vereinzelter Andeutungen größtenteils unsichtbar bleibt. Ein anderes Beispiel wäre Chinua Achebes Alles zerfällt. Dabei handelt es sich um ein writing back zu der Geschichte der kolonialen Begegnung in Afrika aus der Perspektive der rassistischen Europäer*innen ist, wie etwa in Joseph Conrads Herz der Finsternis. Alles zerfällt betont die komplexen Formen des Widerstands der Kolonisierten, ihre Handlungsmacht und hält eine afrikanische Perspektive auf die vorkoloniale Geschichte fest. Man könnte auch an Salman Rushdies Roman Mitternachtskinder denken, der von der Unabhängigkeit Indiens von der britischen Herrschaft erzählt und von der Teilung Indiens und Pakistans. Dabei sind magischer Realismus auf ironische Weise mit literarisch-kulturellen Importen des Kolonialismus verflochten. Dieses Buch verkomplizierte die Vorstellung vom postkolonialen indischen Roman in englischer Sprache als einem bloßen Ableger der eigentlichen englischen Literatur.

Die Vorsilbe Post- in Postkolonialismus legt nahe, dass der Begriff als zeitliche Markierung gelesen werden könnte, dass er sich auf eine Zeit nach dem Kolonialismus bezieht. Aber das ist ein Verständnis, das viele – und wir bei poco.lit. zählen uns dazu – ablehnen würden, weil koloniale Beziehungen immer noch in Form von strukturellen Ungleichheiten existieren, sowohl im realen Leben, als auch in Repräsentationen. Postkolonial so zu interpretieren, dass die Kolonialität vorbei ist, ignoriert die vielen Aspekte, die zeigen, dass das eindeutig nicht so ist. Aus diesen Gründen ziehen wir es vor, das Postkoloniale als Aufforderung zu lesen, die anhaltenden Auswirkungen des Kolonialismus auf die Welt um uns herum zu betrachten; sich kritisch damit auseinanderzusetzen, wie der Kolonialismus zur Verteilung von Macht und Reichtum beigetragen hat und wie er weiterhin Beziehungen zwischen globalem Süden und Norden bestimmt. In dieser Lesart steht der Postkolonialismus für eine kritische Perspektive, die koloniale Ideologien und Praktiken herausfordert und unterläuft. Letztendlich hat der Postkolonialismus sich zu einem Oberbegriff für das kritische Hinterfragen einer ganzen Reihe von Themen entwickelt, wie Rassismus, Nationalismus, Migration, kulturelle Identität, Körper und Performativität, Repräsentation, Intersektionalität, Feminismen, Wissensproduktion, usw. Die Bücher, die wir auf poco.lit rezensieren, behandeln alle unterschiedliche thematische Aspekte des weiten Feldes des Postkolonialismus.

Postkoloniale Diskurse sind kontextspezifisch. Poco.lit. wird in Deutschland von Berlin aus betrieben. In diesem Kontext begannen Wissenschaftler*innen wie Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Kien Nghi Ha, Maisha-Maureen Auma und andere in den 1990er Jahren, sich aus ihren Schwarzen, feministischen und migrantischen Perspektiven mit postkolonialen Fragen und ihren lokalen Implikationen auseinanderzusetzen. Trotz ihrer Bemühungen sind die Postcolonial Studies in Deutschland immer noch kaum institutionell anerkannt und die postkoloniale Literatur gewinnt nur langsam an Sichtbarkeit. Oft werden theoretische und methodische Ansätze der postkolonialen Kritik aus dem angloamerikanischen Kontext importiert – dem Sprachraum, der die Wissenschaft in diesem Feld wohl dominiert. Dies ist einer der Gründe, warum wir poco.lit. zweisprachig, auf Deutsch und Englisch, betreiben: Wir wollen dem deutschen Publikum relevante englische Texte zugänglich machen und gleichzeitig auf die in Deutschland entstehende postkoloniale Literatur hinweisen und sie dem englischsprachigen Publikum zugänglich machen. Auf poco.lit. gibt es zum Beispiel eine Besprechung von Sharon Dodua Otoos Novelle die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle, die so etwas wie ein Klassiker der afrodeutschen Literatur ist, sowie Rezensionen von neueren Veröffentlichungen wie Olivia Wenzels Roman 1000 Serpentinen Angst und Deniz Ohdes Streulicht.

Postkoloniale Literaturen erfinden sich immer wieder neu und fordern den Diskurs um sie herum auf, mitzuhalten. Es ist ein weites Feld, unter dessen Banner wir auf unserer Plattform auch postmigrantische Literaturen diskutieren – ein Bereich der Repräsentation, der manchmal besonders relevant für den Kontext erscheint, in dem wir uns befinden. Postkoloniale Literaturen werden sich in Form, Inhalt und Auswirkung weiter verändern und damit Einfluss nehmen auf unser Verständnis des Postkolonialen.