Am Himmel die Flüsse

Buchcover von Elif Shafaks Am Himmel die Flüsse, Hanser Verlag

Am Himmel die Flüsse

Da ich in Küstennähe aufgewachsen und dann weggezogen bin, vermisse ich eine Sache ganz besonders. Sie lässt sich leicht in einem Wort zusammenfassen, aber unmöglich konkret benennen: Ich vermisse die Gerüche. Der Küstennebel, der sich seinen Weg durch Redwood- und Zypressenbäume bahnt, hat einen ganz eigenen Geruch. Genau wie die auf dem Boden zerdrückten, nassen Kiefernnadeln oder der Seetang, der sich an rauen Sandstränden türmt, wo sich Sandfliegenkolonien in den trocknenden Haufen ihr Zuhause einrichten. Ich vermisse sogar die übelriechende Ebbe: salzig, fermentiert und so intensiv, dass ihr Geruch ohne Vorwarnung durch geschlossene Autofenster dringt.

Jetzt wohne ich weit entfernt vom Meer, aber in der Nähe eines Flusses. Er spricht nicht dieselbe Sprache wie die wilde Schönheit der respekteinflößenden, tosenden Küste Kaliforniens. Stattdessen ist der Fluss der sanfte Begleiter aller, die um ihn herum leben. Es dauerte nicht lange, bis ich mich in ihn verliebte. Wenn ich mit dem Fahrrad an diesem schillernden Strom entlangfahre, der sich über die Stadtgrenzen hinaus schlängelt und in ein Tal eingebettet ist, dessen saisonale Farbveränderungen am besten als explosiv beschrieben werden können, werde ich an die Heiligkeit aller Gewässer erinnert und daran, wie glücklich ich mich schätzen kann, an einem Fluss zu leben, für den es ein Schutzkonzept gibt, genau wie für das damit verbundene Ökosystem.

Am Himmel die Flüsse von Elif Shafak (übersetzt von Michaela Grabinger) beginnt damit, dass die allwissende „Figur“ buchstäblich in die Geschichte hineinfällt. Ein Wassermolekül, das die Form eines Regentropfens annimmt und im Haar von König Ashurbanipal, dem letzten König der dem Untergang geweihten Stadt Ninive, landet. Von dort aus folgt das Buch drei Zeitlinien, die von diesem einen Wassermolekül in unterschiedlicher Form besucht werden. Der erste ist Arthur Smyth, geboren im Winter am Ufer der Themse, Sohn eines Müllsammlers und Teil der brodelnden Massen verarmter Menschen, die im viktorianischen London ums Überleben kämpfen. Im Jahr 2014 geht es um Narin, ein junges jesidisches Mädchen, dessen Taufe am Ufer des Tigris in der Türkei von Bulldozern unterbrochen wird, die den Beginn des Baus eines vom türkischen Staat in Auftrag gegebenen Staudamms markieren. Der Bau wird später zur Vertreibung des Mädchens aus ihrem Heimatdorf Castrum Kefa führen. Die letzte Zeitlinie spielt im Jahr 2018, in dem die Hydrologin Zaleekah Clarke nach dem Scheitern ihrer Ehe in ein Hausboot auf der Themse zieht.

Die Handlungsstränge sind nicht eng miteinander verbunden, sondern verlaufen eher parallel zueinander. Das Ergebnis ist eine dichte, intensiv recherchierte Liebeserklärung an die Kostbarkeit des Wassers und insbesondere an die heiligen Flüsse, die im Laufe der Geschichte Zivilisationen genährt (und zerstört) haben. Doch neben Ehrfurcht gab es schon immer Gier und Ausbeutung, und in einer Zeit, in der uns künstliche Intelligenz aufgezwungen wird, die unser kritisches Denkvermögen zerstört und die Trinkwasservorräte dezimiert, ist Am Himmel die Flüsse eine dringende Erinnerung an die Endlichkeit dieser lebensspendenden Kraft.  

Arthur, der auf dem realen Assyriologen George Smith basiert, wirkt wie die am besten ausgearbeitete Figur, und seine Geschichte hätte ohne Weiteres ein eigenständiges Buch sein können. Als Junge aus dem Slum steigt er zu einem angesehenen Wissenschaftler auf, der für das British Museum arbeitet. Rein zufällig las ich Am Himmel die Flüsse etwa zur Zeit des berüchtigten Louvre-Raubs im letzten Oktober. An normalen Tagen lache ich gerne über Memes, die Guerilla-Restitutions-Kampagnen zeigen und sich über das British Museum lustig machen. Dieses Format erlebte nach dem Raub im Louvre einen deutlichen Aufschwung. Aber der Vorfall verfestigte auch meine Perspektive auf Arthurs Rolle im Roman. Seine Geschichte ist so zentral, weil sie von uns Leser*innen verlangt, dass wir unser eigenes Verständnis und unsere Vorurteile gegenüber historischen Gegebenheiten und der Erinnerung an sie hinterfragen.

Die drei Protagonist*innen haben alle ein unterschiedliches Verständnis von Geschichte, wobei Arthurs wohl das „traditionellste“ ist. Es handelt sich um Wissen, dass aus anderen Ländern extrahiert (oder regelrecht gestohlen) wurde und auf den Seiten wissenschaftlicher Texte, in Glasvitrinen und in schummrigen Kellern aufbewahrt wird. Erst als er längere Zeit in einem jesidischen Dorf lebt, beginnt er, die britische Erzählung wirklich in Frage zu stellen. Die Geschichten von Narins Großmutter machen das Archiv ihrer Erinnerungen zu einem lebendigen Ort, bevor Narin aufgrund einer Erkrankung ihr Gehör verliert.

Zaleekah widmet ihr Leben der Erforschung des Wassers. Ihr aktuelles Projekt befasst sich mit der Freilegung versiegelter Flüsse unter der Stadt London. Aber schon bevor ihre Ehe in die Brüche ging, trieb sie heimlich die Forschung ihres Mentors voran, der versuchte zu beweisen, dass sich im Wasser Erinnerungen befinden. Doch Geschichte ist nichts, was man besitzen kann, und kein lineares, westlich geprägtes Verständnis könnte ein solches Konzept stützen. Ohne uns damit zu überfordern, ist die Botschaft klar: Wie wir als Menschen unsere Geschichte schreiben, hinterlässt Spuren und Narben auf der Erde.

Die Entwicklung von drei unterschiedlichen, aber dennoch miteinander verbundenen Welten ist eine schwierige Aufgabe. Trotz der schönen Prosa kann dieses Buch daher manchmal überwältigend wirken. Die letzten Seiten haben mir das Herz gebrochen, da sie Tragödien widerspiegeln, die derzeit nicht nur zugelassen sind, sondern auch finanziell und politisch gefördert werden. Ich hatte den Eindruck, dass Shafak in diesem Buch unheimlich viel sagen wollte, sich aber vielleicht aufgrund des Verlags zurückhalten musste. Zwischen meinen und Shafaks Leistungen bestehen enorme Unterschiede, aber ein ähnliches Schreibproblem zu haben – aus lauter Leidenschaft zu riskieren, einen fünftausendseitigen Wälzer zu schreiben –, fühlte sich wie ein kleiner Moment der Solidarität an. Auf knapp 600 Seiten erinnert Am Himmel die Flüsse Leser*innen daran, dass wir uns um unser Land und unsere Geschichte kümmern müssen, damit unser Weg in die Zukunft nicht dazu führt, dass unsere kostbaren Gewässer unter den Machenschaften der Mächtigen leiden, die sich oft erlauben, sie zu missbrauchen.

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