Liefern
Tomer Gardis Liefern ist ein multiperspektivischer Roman, der zahlreichen Charakteren folgt, die an unterschiedlichen Orten der Welt unter prekären Bedingungen im Lieferdienst tätig sind. In diesem Sektor arbeiten häufig Migrant*innen (oft ohne Arbeitserlaubnis), arme Menschen oder Außenseiter*innen ohne nennenswerte andere Optionen. Besonders der globale Aspekt macht Liefern zu einem besonderen und interessanten Buch.
Der Roman ist in sechs Teile gegliedert, die alle an einem anderen Ort auf einem anderen Kontinent spielen: in Tel Aviv, Delhi, Berlin, Istanbul, Buenos Aires und einem kleinen Dorf in Kenia. Manchmal werden die Anekdoten von einem Lieferanten erzählt, manchmal von anderen scheinbar zufälligen Personen, die schließlich durch eine Essensbestellung oder durch Zufall auf einen Lieferanten treffen. Die Handlung lässt sich nur schwer zusammenfassen, da es so viele verschiedene Charaktere und Handlungsstränge gibt. Die Figur, die Gardi am detailreichsten beschreibt, ist Filmon, ein eritreischer Geflüchteter in Tel Aviv. Während Covid-19 verliert er seinen Café-Job und beginnt in seiner Notlage als Fahrradlieferant zu arbeiten, wobei er von seinem betrügerischen Vermieter Shai abhängig ist, der ihm den Lieferdienst-Account mit einem fake Namen vermacht und sich dafür einen Anteil des Gewinns geben lässt. In anderen Teilen des Buches erhalten wir kürzere Blicke auf Figuren: In Delhi beginnt Sachin zum Beispiel im Lieferdienst zu arbeiten, als ihr Mann sie verlässt – als Frau auf einem Motorrad wird sie komisch angeguckt und muss schon bald feststellen, wie gefährlich die chaotischen Straßen sind. In Berlin liefert der indische Student Pavan Lebensmittel aus, um sein Studium zu finanzieren, und leidet unter chronischem Stress. Insgesamt zeigt Liefern, dass überall auf der Welt Menschen verzweifelt versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen, was oft bedeutet, dass sie unter harten und ausbeuterischen Bedingungen arbeiten müssen. Die Geschichten sind nur sehr lose miteinander verbunden und könnten alle als einzelne Kurzgeschichten gelesen werden.
Für einen Roman von etwa 300 Seiten waren der globale Umfang und die schiere Anzahl der Charaktere vielleicht etwas zu ambitioniert. Das führt zu einer gewissen Oberflächlichkeit. Außerdem schweift der Roman manchmal thematisch von den Umständen im Lieferdienst zu anderen Themen ab, etwa Haartransplantationen, Luftverschmutzung oder zur Schnittblumenindustrie, was wertvollen Platz für mehr Tiefe oder ausgearbeitetere Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren nimmt. Liefern hätte sicherlich von mehr Überarbeitung oder einem intensiveren Lektorat profitiert und ist dennoch ein wichtiges Buch, das die Prekarität eines bestimmten Berufsfeldes als globales Phänomen hervorhebt.