Tag der Monja Blanca: eine Nation feiert eine Blume
Der 11. Februar ist in Guatemala der Tag der Monja Blanca, ein nationaler Gedenktag, der die seltene weiße Orchidee, die 1934 zur Nationalblume gekürt wurde, würdigt. Wir nutzen die Gelegenheit, um über Nationalsymbole nachzudenken und mit dem guatemaltekischen Botaniker Fredy Archila zu sprechen, der sich für den Schutz der Blume engagiert.
Der britische Humangeograf Paul Richardson schreibt in Mythen der Geografie, „… um eine Nation zu erschaffen, braucht es viel Fantasie, ein selektives Gedächtnis und die Fähigkeit, unschöne Wahrheiten auszublenden.“ Dies lässt sich am Beispiel der guatemaltekischen Nationalblume, der Monja Blanca, sehr gut belegen.
Guatemala wurde von Europäer*innen kolonisiert und bis heute herrschen große Ungleichheiten zwischen den indigenen Bevölkerungsgruppen und den Nachfahren der europäischen Siedler*innen, in Bezug auf das Bildungsniveau, Arbeitschancen und die Möglichkeit politische Entscheidungen für sich selbst und das Land zu treffen. Hinzu kommt der Einfluss aus dem Ausland, der dazu beitragen kann, Ungerechtigkeiten aufrechterhalten oder Konflikte hervorzurufen – besonders erwähnenswert sind an dieser Stelle Interventionen der USA (beschrieben u.a. in Mario Vargas Llosas Roman Harte Jahre). Dennoch propagieren die Regierung und öffentliche Institutionen wie Schulen aktiv einen gewissen Nationalstolz und nutzen dafür nationale Symbole wie die Monja Blanca.
Grundsätzlich beinhaltet die Idee der Nation, dass eine Großgruppe von Menschen mit einer gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte über geteilte Merkmale verfügt und damit als Nation beschrieben werden kann. Paul Richardson erklärt in Mythen der Geografie: Damit sich die Verbindung zwischen den Menschen und „ihrer“ Nation echt anfühlt, ist es notwendig, sie ständig darzustellen und zu wiederholen. Das Entstehen einer Nation basiert auf der Erfindung von Symbolen und Traditionen – wie etwa der Wahl einer Nationalblume und ihrer Feier an einem bestimmten Tag im Jahr. Und die Erfinder*innen gehen durchaus selektiv vor.
Als ich den guatemaltekischen Botaniker Fredy Archila fragte, warum die Monja Blanca zur Nationalblume auserwählt wurde, sagte er mir: „Sie wurde auf Empfehlung einer Amerikanerin ausgewählt, die die Blume auf einer Orchideenausstellung in den USA gesehen hatte. Ihr Name war Leticia Sutherland. Die Regierung folgte ihrem Vorschlag und ernannte die Monja Blanca zur Nationalblume. Die Verwendung nationaler Symbole ist ein Zeichen der Identität und des Nationalstolzes.“
Heutzutage wird die Monja Blanca als Symbol des Nationalstolzes in Guatemala auf Geldscheinen, Briefmarken und allen möglichen staatlichen Emblemen abgebildet sowie im Design für Souvenirs, Marken oder Waren verwendet. Ich besitze beispielsweise Monja Blanca Ohrringe. Sie wird als Juwel des Waldes bezeichnet und Archila betrachtet diese Blume, der er seine Forschung und sein berufliches Leben widmet, auch als solche: „Dank finanzieller Anstrengungen und großem Engagement ist es uns gelungen, sie nach 21 Jahren der Ausrottung wieder in den Wald zurückzubringen. Deshalb werde ich auch ‚El guardián de las joyas del bosque‘ (Beschützer der Juwelen des Waldes) oder ‚El guardián de la Monja Blanca‘ (Beschützer der Monja Blanca) genannt“, sagt der Botaniker.
Für die Monja Blanca ist ihr Status als Nationalblume ein großer Vorteil, denn nun gehört es zum öffentlichen Interesse sie vor verschiedenen Gefahren zu schützen. Fredy Archila betreibt mit seiner Familie in Cobán die “Estación Experimental de Orquídeas de la Familia Archila” („Orchideenforschungsstation der Familie Archila”) und klärt in den Sozialen Medien unter dem Handle Archilarum über Orchideen auf. Letztendlich betreibt er Wissenschaftskommunikation: Auf zugängliche Weise verbreitet er Informationen über die vielen verschiedenen Orchideensorten. Auf Facebook, Instagram, TikTok und YouTube teilen er und seine Söhne informative Videos über die Monja Blanca und andere Orchideen, sie halten Vorträge für Schüler*innen und feiern wie viele andere in Guatemala am 11. Februar den Día de la Monja Blanca (Tag der Monja Blanca).
Die Blüte der Monja Blanca besteht aus drei weißen Blättern, die in einem Dreieck angeordnet sind. Archila erklärt mir: „Der Name Monja Blanca (weiße Nonne) ist ein Spitzname, da die Blüte im Inneren (wie alle Orchideen) eine Struktur aufweist, die technisch als Gynostemium bezeichnet wird, in der die Fortpflanzungsorgane der Blüte miteinander verschmolzen sind. Betrachter sagen, dass sie wie eine Nonne in Gebetshaltung aussieht.“ Die drei großen Blätter und ihr Gynostemium werden als eine zum Gebet gebeugte, weiß gekleidete christliche Figur gedeutet. Die christliche Kirche hatte einen enormen Einfluss während der Kolonisation. Missionar*innen strengte sich an, die lokale Bevölkerung zu bekehren und zerstörte in diesem Zuge unzählige Dokumente – Wissen über die vorkolonialen Kulturen, das heute genau deshalb nur schwer rekonstruiert werden kann. Archila sagt: „Vor der Kolonialisierung gibt es keine Aufzeichnungen über den Namen der Blume, aber die Maya-Kultur der Q’eqchí’ nennt sie Saqui hix, was weißer Jaguar bedeutet, da sie für sie wie ein springender Jaguar aussieht.“ Mehr konnte mir Archila nicht sagen und ich fand bei meiner Recherche ausschließlich Quellen über die botanische Bedeutung der Blume und nicht über ihre kulturelle. Doch über den Kolonialismus oder die Unsichtbarmachung von indigenem Wissen wird bei der Feier der Monja Blanca als Nationalsymbol nicht gesprochen.
Auf andere Probleme machen Archila und Kolleg*innen aber aufmerksam: Orchideen sind in der Natur mehreren Gefahren ausgesetzt, allen voran der übermäßigen Entnahme durch Gärtnereien, die Züchter*innen von exotischen Pflanzen beliefern, die diese als Statussymbole zur Schau stellen, oder Drogenhändler, die Aphrodisiaka und Wundermittel anbieten. Ein weiteres Problem, warnt Archila, ist der Klimawandel: „Der Klimawandel ist ein Problem für alle Orchideen, da der Wassermangel die symbiotischen Pilze beeinträchtigt, die den Orchideen helfen, ihre Samen zu keimen und ihre Nahrung aufzunehmen.“ Orchideen sind insofern einzigartig, als sie für die Keimung eine Verbindung mit Pilzen (Mykorrhiza) benötigen, und die meisten, wenn nicht sogar alle Orchideen bleiben ihr Leben lang mit verschiedenen Mykorrhiza-Arten verbunden. Der Klimawandel und die Menschen schaden den Orchideen auf viele Weisen, so Archila: „Darüber hinaus beeinträchtigt der Mangel an Regen die bestäubenden Insekten, da ihre Nahrungsquelle zurückgeht. Hinzu kommt, dass die Brandrodung von Wäldern, um Mais und Bohnen anzubauen, eine Atmosphäre schafft, die den Bestand der einheimischen bestäubenden Bienen schädigt und die Fortpflanzung der Monja Blanca einschränkt.“
Aus diesem Grund beschloss Archila, mehr als 1000 Monja-Blanca-Pflanzen in seiner Station in Cobán zu schützen und sie angemessen zu pflegen und, wie er sagt „um das Fortbestehen unseres nationalen Symbols zu sichern.“