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Bruce Pascoe und Dark Emu: Ein Green Library Gespräch (Teil 1)

Im Februar 2021 veröffentlichte Bruce Pascoe sein neues Buch, Loving Country: A Guide to Sacred Australia, das er gemeinsam mit Vicky Shukuroglou geschrieben hat. Im Rahmen unserer Green Library Reihe hatten wir das Glück, uns mit dem gefeierten Autor von Dark Emu: Aboriginal Australia and the Birth of Agriculture über dieses einige Jahre früher erschienene Buch und seine Arbeit auf einer Farm in Victoria zu sprechen. Die Farm strebt danach, landwirtschaftliche Methoden der Indigenen Australiens aufrecht zu erhalten.   

Die Green Library Reihe wurde vom Berliner Senat gefördert. Bei Veranstaltungen, in Podcasts und in Schriftform tauschte poco.lit. sich mit Autor:innen aus, die über Natur und Umwelt schreiben und gleichzeitig über koloniale Kontexte und Machtstrukturen reflektieren.

Lucy Gasser von poco.lit. (LG): Bruce, danke, dass du heute Abend mit mir sprichst. Hier in Berlin ist es zumindest Abend, aber für dich ist es früher Morgen, nicht wahr? Könntest du uns sagen, wo du bist und dich vorstellen?

Bruce Pascoe (BP): Ich bin in der Nähe vom Wallagaraugh River, im äußersten Osten von Victoria, Australien, auf unserer Farm Yumbara. Der Wallagaraugh River fließt an unserem Betrieb vorbei und mündet oberhalb von Mallacoota erst in einen See und dann ins Meer. Mit unserer Farm wollen wir salzhaltige Umgebungen ebenso wie Süßwassergebiete nutzen, um die alten Nahrungsmittel zu produzieren, die die Aborigines domestiziert hatten, um Australien zu zeigen, dass die Aborigines eine lebensfähige Agrarwirtschaft hatten. Außerdem verdeutlicht unsere Arbeit, dass es hier Möglichkeiten gibt, Nahrungsmittel auf eine Art anzubauen, die schonender für die Erde ist und viel sparsamer mit Wasser umgeht, denn unser Kontinent leidet sehr unter unangemessener Landwirtschaft. Dazu dient die Farm und ich arbeite heute vom Farmhaus aus.

LG: Dark Emu ist ein Bestseller geworden und hat eine Reihe von Preisen gewonnen, z.B. den Book of the Year Award und den Indigenous Writer’s Prize der New South Wales Premier’s Literary Awards im Jahr 2016. Vielleicht könntest du zunächst etwas über den Buchtitel erzählen.

BP: Ich habe den Titel Dark Emu gewählt, weil es am südlichen Himmel eine riesige Lücke in der Milchstraße gibt, die die Form eines Emus hat. Die Form verändert sich im Laufe des Jahres. Im Winter sind die Beine des Emus angezogen und das ist die gleiche Zeit, in der Emu-Männchen auf den Eiern sitzen. Der Emu ist ein Steppenvogel, ein flugunfähiger australischer Vogel, der auf der Suche nach Getreide große Entfernungen über die Steppe zurücklegt. Und da es in meinem Buch um die Landwirtschaft der Aborigines geht, schien ein Bild von ihm perfekt zu passen, denn während die Europäer:innen ihre Sternbilder in den Sternen finden, finden wir einen Großteil unserer Bedeutung in den Räumen zwischen den Sternen, in den dunklen Räumen.

Ich hatte das Glück, dass mein Sohn mir vor einem Jahrzehnt ein Bild des dunklen Emus im Warragamba-Becken in Sydney gezeigt hat. Es bedeutete mir damals sehr viel – nicht nur, dieses wunderbare Bild zu sehen, das mittlerweile das Buchcover geworden ist, sondern auch, dass es mir von meinem Sohn gezeigt wurde. Es war für uns beide ein echter Moment des Übergangs: Er erzählte mir etwas über unsere Kultur und ich hörte zu.

LG: In Dark Emu legst du dein Augenmerk darauf, einige Geschichten richtig zu stellen, indem du zahlreiche falsche Erzählungen über Australiens First Peoples korrigierst. Viele davon sind koloniale Mythen, wie zum Beispiel, dass die Kolonisatoren auf leeres, unkultiviertes Land stießen und dass die ursprünglich dort lebenden Menschen „primitiv“ seien. Könntest du die fehlerhaften Erzählungen beschreiben, die du in deinem Buch aufdecken wolltest, und wie du dabei vorgegangen bist?

BP: Es war ein Schock für mich, als ich zuerst über diese Dinge zu lesen begann, weil ich eine australische Erziehung genossen habe. Mir war eine imperiale Geschichte erzählt worden und ich war zutiefst erschüttert, als mir klar wurde, dass ich eine Geschichte geschluckt hatte, die unglaublich war. Ich hatte mir eine gewisse Intelligenz angemaßt, aber dass ich diese unrealistische Version der Ereignisse akzeptiert hatte, beschämte mich. Mein Wunsch, das Buch zu schreiben, war teilweise eine Buße für meine Unfähigkeit, das koloniale Schema zu durchschauen. Dieses koloniale Schema wurde von den Europäer:innen auf der ganzen Welt wiederholt: Von Engländer:innen, Spanier:innen, Französ:innen, Deutschen, Niederländer:innen und Dän:innen. So viele Gruppen von Menschen nutzten den Katholizismus als Mittel, um indigene Völker zu verunglimpfen, wo immer sie sich aufhielten. Die päpstliche Bulle von 1493 besagte, dass die Europäer:innen, wenn sie auf ein Land stießen, das von anderen Völkern bewohnt war, dieses Land einnehmen und die dort lebenden Menschen töten durften, wenn diese nicht an ihren Gott glaubten. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendjemand an diesen infantilen Trick geglaubt hat, um Land zu erwerben. Aber die Macht der religiösen Mythologie ist so groß, dass sie auch heute noch angewendet wird.

Die Erde leidet, weil Europäer:innen ihre Anbaumethoden auf Böden angewendet haben, die ihnen nicht gewachsen waren. Australien ist ein gutes Beispiel dafür, denn die europäischen Huftiere zerstören unsere Böden. Die Pflanzen, die hier mittlerweile größtenteils angebaut werden, sind so wasser- und düngeintensiv, dass auch dies zur Zerstörung der Böden beiträgt. Die Kombination aus Bodenzerstörung und Erosion hat in einigen Teilen Australiens eine Höhe von 13 Metern erreicht. Es scheint unglaublich, dass australische Landwirt:innen zusehen können, wie ihr Boden bei Überschwemmungen weggespült wird und wie der Wind ihn verweht. Sie sehen sich trotzdem immer noch als Landwirt:innen.

LG: In Dark Emu beschreibst du den Anbau von Yamswurzeln, der ausdrücklich von Frauen betrieben wurde. Ich frage mich, ob es besondere geschlechtsspezifische Dimensionen bei den landwirtschaftlichen Praktiken gibt, die du erforscht und in dem Buch beschrieben hast?

BP: Ein großer Teil der Landwirtschaft wurde von Frauen betrieben, aber vieles erledigten sie gemeinsam mit Männern und Kindern. Es scheint eine gemeinschaftliche Tätigkeit gewesen zu sein. Es gibt viele, viele Beispiele dafür, wie ein ganzes Dorf zusammenarbeitet. Um die Getreide- und Knollenfelder zu erhalten, war es wichtig, das Unkraut zu entfernen, in diesem Fall Eukalyptus- und Gold Akazien-Setzlinge, damit die Körner und Knollen mehr Platz hatten. Diese Tätigkeit wurde immer von Gruppen ausgeführt: Männern, Frauen und Kindern.

Es ist offensichtlich, dass Frauen bei der Ernte von Getreide und Knollen eine sehr wichtige Rolle innehatten. Aus einigen Quellen geht hervor, dass es sich dabei um eine Frauentätigkeit gehandelt hat, aber gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass viel gemeinschaftlich gearbeitet wurde und Männer ebenfalls beteiligt waren.

Ich denke also, wir müssen darauf achten, dass wir die Gemeinschaften so genau wie möglich darstellen, ohne sie zu sehr zu politisieren. Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft der Aborigines war unglaublich wichtig. Ich gehöre zu den Yuin und in unserer spirituellen Praxis, in unserer Religion, stehen die Frauen an erster Stelle. Unser gesamtes spirituelles Leben erzählt uns von der vorrangigen Stellung der Frau in der Gesellschaft und der Bedeutung der Geburt. Wenn wir das überlieferte Wissen vom Mount Gulaga durchgehen [einem Ort, der in der Mythologie der Yuin als Ursprungsort der Ahnen gilt], finden wir kaum Hinweise auf Männer, es geht nur um Frauen. Die physische Darstellung der Frau ist doppelt so groß wie die des Mannes – einige moderne Männer finden das schwierig, aber es ist eine Tatsache.

LG: Aus verschiedenen Gründen musstest du dich in der Recherche für dein Buch zu einem großen Teil auf Werke und Aufzeichnungen der frühen weißen europäischen Kolonisten in Australien beziehen, von denen viele voll von Rassismus sind. Kannst du erklären, warum du auf diese Quellen zurückgegriffen hast, wo und wie du auf sie gestoßen bist – also waren sie beispielsweise schwer zugänglich? Warst du die erste Person, die dieses Material auf diese Weise gelesen und ausgelegt hat? Welche Erfahrungen hast du mit den Texten gemacht?

BP: Die Aufzeichnungen über die frühen Kontakte in Australien sind wirklich wichtig und die meisten von ihnen wurden von so genannten Entdeckern geschrieben – ich erinnere daran, dass Begriffe wie „Pionier“ und „Entdecker“ sehr rassistisch sind, denn man kann ein Land nicht „erforschen“, in dem bereits Menschen leben, weil sie es bereits erforscht haben. Aber wir verlassen uns auf diese Aufzeichnungen, weil sie auf Englisch geschrieben wurden, während die Gesellschaft der Aborigines mehr oder weniger eine nicht-literarische Kultur war. Allerdings verwendeten die Aborigines eine Art Schrift, eine Symbolik, etwa wie die Hieroglyphen in Ägypten.

Ich begann, mit der Presse, Studierenden und Dozierenden über meine Theorien zu sprechen, und diese Theorien hatte ich von Rupert Gerritsen, einem unabhängigen Gelehrten, der nur deshalb unabhängig war, weil die Universitäten seinen Radikalismus nicht dulden konnten. Rupert war sehr wichtig dafür, dass meine eigenen Ideen entstehen konnten. Aber als ich über diese Dinge zu sprechen begann, erlebte ich das Gleiche wie Rupert – die Universitätsgemeinschaft schien jede Art von Leistung der Aborigines zu verachten. Ich wurde zu einem Treffen mitgenommen, das schrecklich höflich war, mit einer Tasse Tee und Scones, und alle zeigten sich von ihrer besten Seite, aber mir wurde von Universitätsmitarbeitenden auf die Finger geklopft und mir wurde gesagt, dass ich so nicht mit den Studierenden oder den Angestellten reden könne. Sie sagten sogar, dass ich die australische Öffentlichkeit belogen hätte.

LG: Hattest du zu der Zeit eine Stelle an einer Universität?

BP: Nein, hatte ich nicht. Ich bin jetzt akzeptabel; ich bin Professor, kannst du dir das vorstellen? Wie Marx, der Komiker, dachte ich, dass ich niemals an eine Universität kommen würde, die jemanden wie mich akzeptieren würde. Aber jetzt ist es passiert. Damals war ich nur ein Schriftsteller, und zwar ein belletristischer Schriftsteller. Was mich angetrieben hat, war die Suche nach meiner eigenen Aborigine-Familie. Und dabei musste ich die australische Geschichte durchforsten, denn dort lagen meine familiären Wurzeln, eingebettet in diese alten Dokumente. Ich fand also meine Familie, aber ich fand auch eine andere australische Geschichte. Ich fing an, darüber zu sprechen, und geriet in Konflikt mit dem universitären Umfeld und dem intellektuellen Establishment Australiens. Als ich das eben erwähnte Treffen hatte – offensichtlich hatte ich eine Menge Leute beleidigt – dachte ich, dass die einzige Möglichkeit, diese Auseinandersetzung fortzusetzen, darin besteht, Quellen zu verwenden, an die diese Leute glauben und die sie respektieren. Diese Quellen sind Pioniertagebücher und Forschungstagebücher. Und als ich mich diesen Aufzeichnungen zuwandte, hatte ich nicht erwartet, tatsächlich so viel relevantes Material zu finden. Aber es war überwältigend, was ich alles fand. Ich glaube wirklich, dass mein Buch deshalb so gut angekommen ist: Die Quellen sind einfach überzeugend. Ich muss nicht viel sagen, nur dass Mitchell kilometerlang durch Getreidefelder geritten ist, und alle Australier:innen, die die gleiche Bildung genossen haben wie ich (also alle), bleiben stehen. Wenn wir von Leutnant Grey hören, dass das Land nicht betreten werden konnte, weil es von den Aborigines so intensiv bebaut worden war (seine Worte), dann werden Menschen aufmerksam, weil es allem widerspricht, was sie bisher über ihr Land gelernt haben.

Das sind die kolonialen Regeln: Menschen werden verunglimpft, über ihr Fachwissen wird gelogen und Bildung und Religion fördern die so entstehenden Mythen. Es ist absolut verblüffend, wie weit verbreitet diese Art von Propaganda ist und wie viele Australier:innen durch kindliche Argument überzeugt wurden – Achtjährige können es durchschauen, aber 18-Jährige nicht. Das war für mich eine Schande. Ich bin nicht durch die Brillanz meines eigenen Verstandes zu den Thesen in meinem Buch gekommen. Ich bin darauf gekommen, weil ich nach meiner Aborigine-Familie gesucht habe. Das ist keine große Leistung meinerseits; es sind die Umstände, und die Tatsache, dass meine Großmutter darauf bestanden hat, dass ich zur Schule gehe, und dass sie mir fast alle zwei Wochen ein Buch gekauft hat, um sicherzustellen, dass ich viel lese. Auch das gehört zu diesen Umständen: Ich bekam eine Ausbildung, was für ein Aborigine-Kind als ich aufgewachsen bin noch eher unwahrscheinlich war. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter die wissbegierigste Person war, die mir je begegnet ist, auch wenn sie keine formale Bildung genossen hatte. Diese Umstände führten geradewegs zu Dark Emu.

Der zweite Teil dieses Interviews finden Sie hier.