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poco.lit.s neues Projekt für 2021: macht.sprache.

Wie so viele der Bücher, die wir auf poco.lit. besprechen, deutlich machen, ist Diskriminierung in Sprache eingebettet. Sprache beeinflusst die Art und Weise, wie wir über Fragen von Race, Geschlecht, Sexualität, Zugehörigkeit, usw. denken und sprechen. Diese Problematik ergibt sich bereits innerhalb einer Sprache, noch komplizierter wird es, wenn wir uns mit verschiedenen Sprachen auseinandersetzen. Das wurde uns im Laufe des Jahres 2020 sehr bewusst, denn als zweisprachige Plattform veröffentlichen wir bei poco.lit. alle Beiträge sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch.

Immer wieder stießen wir im vergangenen Jahr bei der Diskussion politisch sensibler Themen auf Übersetzungsprobleme – nicht zuletzt bei der Frage, wie man über Race spricht, wenn das deutsche Rasse keineswegs gleichbedeutend ist und beunruhigende biologische Assoziationen mit sich bringt. Wir ertappten uns dabei, dass wir in übersetzten Büchern unangenehme Lesemomente hatten, wenn diese die im Original enthaltene Sensibilität zu unterlaufen schienen. Ein bezeichnendes Beispiel dafür war die deutsche Übersetzung von Valeria Luisellis Das Archiv der verlorenen Kinder. An einigen Stellen wird kolonial-problematische Terminologie verwendet, um von indigenen Menschen in den USA zu sprechen, und das in einem Roman, der ausdrücklich versucht, sich genau diesen Problemen feinfühlig zu nähern. Wir setzten uns auch mit dem weniger subtilen Problem auseinander, die der Übersetzer von Johny Pitts Buch Afropäisch in Bezug auf das Gendern traf. Im Englischen Text spricht Pitts seine „reader“ direkt an, ohne ihnen ein Geschlecht zu zuweisen. In der deutschen Übersetzung wird daraus der männliche Leser.

Uns fiel auf, dass diese Übersetzungsschwierigkeiten noch akuter wurden, als die globale Pandemie 2020 dazu führte, dass so viele literarische und kulturelle Veranstaltungen ins Internet verlegt wurden. Unsere Green Library-Reihe gehörte zu den Veranstaltungen, die sich auf virtuelle Plattformen verlagerten. Wir waren hocherfreut, dass wir dadurch ein Publikum aus der ganzen Welt begrüßen konnten. Es wurde auch klar, dass diese Verlagerung ins Digitale, die so viele Bereiche des literarisch-kulturellen Sektors im letzten Jahr schneller als zuvor durchliefen, bedeutet, dass Kulturschaffende und Kulturveranstalter*innen auf die Komplexität der Ansprache eines mehrsprachigen Publikums eingestellt sein müssen. Sie benötigen ein Bewusstsein für die politische Sensibilität von bestimmten Begriffen, das kostenfreie Übersetzungstools im Internet bisher noch nicht bieten.

Als Antwort auf diese Herausforderung freuen wir uns, ein neues Projekt für 2021 anzukündigen: Gemeinsam mit völlig ohne werden wir eine Web-App entwickeln, die dabei unterstützen soll, politisch sensible Begriffe zu übersetzen. Unser Ziel ist es, mehr Aufmerksamkeit auf die Komplexität der Übersetzung von sensiblen Begriffen zu lenken, eine Datenbank von weniger erfolgreichen Übersetzungen und Alternativvorschläge zu sammeln, in virtuelle Veranstaltungen mit Expert*innen aus relevanten Bereichen darüber zu diskutieren und schließlich ein Tool zu entwickeln, das Kulturschaffenden hilft, sensibles Übersetzen in ihre eigene Kulturarbeit zu integrieren. Wir freuen uns auf den Austausch und eure Beteiligung! Hier und auf unseren Kanälen in den sozialen Medien erfahrt ihr, wie ihr euch einbringen könnt.

Wir danken dem Berliner Senat, der dieses Projekt mit einer großzügigen Förderung ermöglicht.