A Guardian and a Thief 

A Guardian and a Thief 

Klimafiktion ist Belletristik, die sich mit den Auswirkungen der Klimakrise befasst. Wer zu einem Werk dieses Genres greift, sollte sich klar sein, dass darin entworfene Zukunftsszenarien eher kein Happy End liefern werden – denn das könnte es eigentlich nur mit dem Ende der Klimakrise geben, was schwer vorstellbar ist. Trotzdem habe ich beim Lesen von Megha Majumdars A Guardian and a Thief bis zum Schluss für die einzelnen Figuren gehofft, dass sie zumindest individuell ihre Lebensumstände verbessern können: indem sie mit einem Klimavisum aus Indien in die USA fliehen oder ein schützendes Dach über dem Kopf und genügend zu essen finden. 

Der Roman entwirft eine nahegelegene Zukunft, in der Kolkata von Hitze und Nahrungsmittelknappheit geplagt ist, und folgt den eng miteinander verbundenen Geschichten von Ma und Boomba und ihren jeweiligen Familien. Mas Ehemann ist vor einiger Zeit als Forscher in die USA ausgewandert und Ma, ihr alter Vater und ihre zweijährige Tochter Mishti wollen ihm folgen, sobald sie den aufwendigen und kostspieligen Prozess für ihre Klimavisa durchlaufen haben. Ma hat bereits ihren Job als Managerin einer Notunterkunft für bedürftige Familien gekündigt, um alles für die Abreise vorzubereiten. Zu Beginn des Buches heißt es, sie müssen dazu nur noch eine Woche in Kolkata unversehrt hinter sich bringen. Aber in einer Woche kann viel passieren. 

Boomba kommt aus ärmeren Verhältnissen und hat seine Familie in den Sunderbans zurückgelassen, um in Kolkata Geld zu verdienen und seine arbeitslosen Eltern und seinen kleinen Bruder zu unterstützen. Nach einigen Schicksalsschlägen landet er in Mas Notunterkunft und die beiden werden zu erbitterten Gegenspielern, die sich jeweils vorwerfen Diebe zu sein. Majumdar stellt eine Gesellschaft dar, deren Mitglieder in der akuten Krise nur noch an sich selbst denken und im Kampf ums Überleben schnell zu drastische Mitteln wie Gewalt, Erpressung oder Betrug greifen. 

So weit klingt A Guardian and a Thief wie eine Geschichte, die schon vielfach erzählt wurde. Was den Roman meiner Meinung nach auszeichnet, ist der feinfühlige Umgang mit verschiedenen Generationen und sozialen Klassen. Mas Vater ist alt und erinnert sich gerne mit einem etwas verklärten Blick an das Kolkata von früher, als es auf den Märkten noch frische Lebensmittel zu kaufen gab und die Menschen sich gegenseitig unterstützten. Er erzählt Ma nicht, dass er sich eigentlich zu alt fühlt, um in den USA noch einmal neu anzufangen. Mishti ist herzallerliebst: Mit ihrem begrenzten, kreativen Wortschatz und ihrer kindlichen Unbedarftheit bringt sie Leichtigkeit und Freude in den Roman, aber in ihrer Schutzlosigkeit und Unselbstständigkeit auch eine extra Portion Sorge. Mas Familie repräsentiert die Mittelschicht, die teilweise Wege finden kann, mit der Krise umzugehen, wohingegen arme Menschen wie Boomba und seine Familie den Umständen völlig ausgeliefert zu sein scheinen. Im starken Kontrast dazu steht der Überfluss, den eine lokale Millionärin weiterhin genießt. Sie ist eine Randfigur, vervollständigt aber das Bild der Ungleichheit. Der Roman zeigt, dass es viele Menschen gibt, die nicht die Möglichkeit haben zu gehen und teilweise gar nicht erst über die Vorstellungskraft verfügen, über die Flucht in ein anderes Land nachzudenken. Diese Nuancen machen A Guardian and a Thief zu einem eindrücklichen und überaus lesenswerten Beispiel der Klimafiktion. 

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