Weltenwechsel
Wer poco.lit. schon länger folgt, kennt Marion Kraft als Übersetzerin und von einigen unserer Veranstaltungen. Nun hat die 1946 in Gelsenkirchen geborene afrodeutsche Literaturwissenschaftlerin ihren ersten Roman vorgelegt. Unter dem etwas abstrakten Titel Weltenwechsel erzählt Kraft die Geschichte eines Schwarzen Mädchens, das kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Süddeutschland aufwächst. Mit dieser Perspektive auf die Nachkriegszeit füllt Kraft eine Lücke in der deutschen Literaturlandschaft.
Auf über 400 Seiten zeigt Kraft, wie ihre Protagonistin Julia von einem Kind zu einer jungen Erwachsenen heranwächst und sich ihren eigenen Weg sucht. Julia ist die Tochter der weißen Deutschen Margarete, die gleich nach Kriegsende als Serviererin in einer Offiziersmesse einer US-amerikanischen Militärbasis Julias Vater kennen lernt, den Schwarzen US-amerikanischen GI Robert. Während ihre Eltern arbeiten und ausgehen und damit häufig abwesend sind, wächst Julia bei ihrer warmherzigen Oma Berta auf – die wohl herzlichste Figur des Romans. Julias Kindheit und Jugend verlaufen recht einsam, auch wenn ihre Oma sich für sie einsetzt. Sobald ihr weißes Umfeld das Schwarze Kind sieht, werden ihr Türen und Zugänge verschlossen. Die Familie spürt den Rassismus deutlich, auch wenn ihnen die Sprache dafür fehlt und sie größtenteils isoliert von anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen leben, nicht zuletzt, weil Julias Eltern beide großes Unglück ereilt.
Die schönsten Jahre verbringen Berta und Julia im „bunten Haus“, in dem einige Außenseiter*innen Unterschlupf und Gemeinschaft finden. Diese Jahre sind geprägt von Kaffee und Kuchen und erinnern mich an großelterliche, heutzutage vielleicht etwas altbackene Gemütlichkeit. Zunächst scheint es, als würde Julia in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, sowohl beruflich als auch bei der Wahl ihres Partners, bis sie über den zweiten Bildungsweg doch noch ein Studium anstrebt. Je älter sie wird, desto mehr findet Julia sich selbst, durch die Menschen, die sie kennenlernt, und eine vorsichtige Neugierde, Dinge zu hinterfragen und Auslandsreisen anzutreten.
Weltenwechsel ist ein ruhiger Roman, der nicht in reißerische Extreme verfällt, sondern den Alltag einer Familie und ihres Umfelds genau beobachtet. Es gibt ein paar Ereignisse, die die Geschichte vorantreiben, wie Autounfälle, Scheidungen oder Umzüge, sowie Umstände, die den Figuren Sorgen bereiten und zu ihrer Entwicklung beitragen, wie Geldsorgen, Klassenunterschiede oder Alltagsrassismus. Aber genauso zentral für den Roman sind unzählige Wohlfühlmomente, Selbstreflexion und Julias Wachstum.