Emanzipatorisches Gold
Dies ist die Übersetzung eines Auszugs aus Priya Singhs Essay „A Seam of Gold“.
Es tut mir leid, aber ich gehöre zu den Menschen, die sagen: „Ich habe X, Y, Z schon gemacht, bevor es cool war.“ Ich habe schon bei „Get Ready With Me“ mitgemacht, bevor es zum Social-Media-Trend wurde. Genau wie heute musste ich schon früher in die richtige Stimmung für große Ereignisse kommen und gegen meine Nervosität half mir, mich mit meiner Familie darauf vorzubereiten.
Wenn ein Anlass indische Kleidung erforderte, war die Vorbereitung immer ein Prozess. Alle, die in der Diaspora aufgewachsen sind und nicht regelmäßig in ihr jeweiliges Herkunftsland reisten, um sich mit den neuesten Modetrends einzudecken, waren auf Läden vor Ort angewiesen. Die Geschäfte in der Stadt, in der ich lebte, waren unverzichtbar, aber sie boten die ausschließlich aus Indien importierte Ware zu horrenden Preisen an und wir mussten viel Geld für unsere Festtagskleidung ausgeben. Als ich das letzte Mal in einem dieser Läden einkaufte, überkam mich eine Sehnsucht nach einer Zeit ohne moderne Technik. Nicht nur die Lautstärke des Feilschens hat sich verdoppelt, die Verkäufer*innen haben außerdem ihre altmodischen Taschenrechner mit diesen riesigen, walnussgroßen Tasten, auf denen sie früher fiktive Berechnungen anstellten, gegen Tablets eingetauscht und wischen und tippen jetzt dramatisch über den Bildschirm, als würden sie für Little Richard Klavier spielen.
Wenn die Outfits gekauft sind und es Zeit wird, sich für die Hochzeit (oder damit verbundene Zeremonien), Puja oder irgendein anderes Fest fertigzumachen, sollten die Kleidungsstücke mindestens vier bis fünf Stunden vorher bereitgelegt werden. Denn es gibt keine Möglichkeit, sie so aufzubewahren, dass sie nicht vor jedem Tragen gebügelt werden müssen. Meine Mutter lagerte unsere aufwendigeren Saris in einem alten, senfgelben Hartplastikkoffer aus den 1980er-Jahren. Der Koffer wurde aufs Bett gehievt und geöffnet. Ich setzte mich daneben und griff nach jedem der ordentlich gefalteten Saris, um die Muster zu begutachten und zum hundertsten Mal die Stoffe zu befühlen.
Nach der Auswahl der passenden Kleidung, geht es im nächsten Schritt darum, die richtigen Schmuckstücke wie Ohrringe, Halsketten, Armreifen und Tikka zu finden. Die meisten tragen Modeschmuck, besonders in jungen Jahren, und es macht Spaß, verschiedene Farben und Stile zu kombinieren. Doch bei festlicheren Anlässen wie Hochzeiten oder Puja, wird gern nach echtem Gold gegriffen. Ich wurde nie müde, meiner Mutter dabei zuzusehen, wie sie den Deckel ihrer Schmuckdose öffnete, in dem sie ihre essenziellen Schmuckstücke aufbewahrte, die in ihrer Vielseitigkeit zu fast allem passte. Sie waren einzigartig und zeitlos.
Das Schmuckkästchen roch nach dem kleinen Fläschchen Sandelholzöl, das sie ebenfalls darin aufbewahrte. Ich frage mich, ob ich sonderlich hilfreich war, weil ich eigentlich nur verschiedene Schmuckstücke in die Hand nahm, um ihre Wärme in meinen Händen zu spüren und ihre verschnörkelten Muster zu betrachten. Wenn ich nervige Fragen stellte, verbarg meine Mutter ihren Ärger nie, aber es schien sie nicht zu stören, wenn ich immer wieder nach der Herkunft der einzelnen Schmuckstücke fragte. Sie symbolisieren das neue Leben, das sie mit der Heirat meines Vaters begann.
Als ich sieben oder acht Jahre alt war, schenkten mir meine Großeltern meine ersten Ohrringe aus Gold – winzige Creolen, hinten offen und eingedreht. Sie funkelten auf meiner Haut und gaben mir das Gefühl, schön und besonders zu sein. Als Mädchen Gold zu bekommen, ist eine Art Übergangsritual. Es ist das erste Teil für das eigene Schmuckkästchen, das hoffentlich irgendwann die Tochter und dann die Enkeltochter erben wird. Aber die Ohrringe waren nur für festliche Anlässe gedacht. Echtes Gold zu westlicher Kleidung zu tragen, galt als geschmacklos und Einladung zum Diebstahl. Nachdem ich mich pflichtbewusst bei meinen Großeltern bedankt hatte, wurden die Ohrringe zurück in ihre knallpinke Schachtel gelegt, wo sie auf einem kleinen, flauschigen Wattebausch ruhten, und sicher verwahrt.
Der Goldschmuck kommt immer erst kurz vor Verlassen des Hauses zum Einsatz. Bei uns zu Hause bestand der letzte Schritt darin, dass mein Vater meiner Mutter ihre Goldkette umlegte. Der Moment war so besonders, dass er eine seltene Stille auslöste. Er stand symbolisch für das Leben, die Familie und das, was sich meine Eltern bis dahin aufgebaut hatten, und etwas von der Last spiegelte sich in dem Goldschmuck wider. Als Kind hatte ich noch nicht die Worte dafür und es mag kitschig klingen, aber ich erkannte die Schönheit dieses Augenblicks schon früh.
Gold ist in der indischen Kultur ein kostbares Gut. Es symbolisiert Wohlstand, Fruchtbarkeit und Glück – kurzum all das, was sich Menschen für einen Neuanfang und die Gründung einer Familie wünschen. Für Hindus ist Gold zudem mit der Göttin Lakshmi verbunden. Neben seiner spirituellen Bedeutung verkörperte es über Jahrhunderte hinweg auch eine stille Macht der Frauen, insbesondere in Zeiten, in denen Mitgift und Brautpreis üblich waren. Gold bot ihnen zusätzliche Sicherheit in der Ehe. Obwohl die genauen Ursprünge der Mitgift unklar sind, gibt es Aufzeichnungen, die ihre Existenz bis ins alte Babylon zurückverfolgen. Ihr Zweck war nicht nur das Wohlergehen der Braut, sondern möglicherweise auch die wirtschaftliche Absicherung ihrer Familie in Notsituationen. Im vorkolonialen Indien hatten Frauen die volle Kontrolle über ihre Mitgift. Doch mit der Kolonialisierung Indiens durch die Briten wurde Frauen der Besitz von Eigentum verboten. Das bedeutete, dass alles, was eine verheiratete Frau besaß, an ihren Ehemann und ihre Schwiegereltern abgetreten wurde. Diese Schwäche nutzte die patriarchalische Gesellschaft natürlich nur allzu gern aus. Obwohl die Mitgiftpraxis in Indien 1961 offiziell verboten wurde, ist sie weiterhin weit verbreitet, insbesondere in ländlichen Gebieten, und Morde im Zusammenhang mit Mitgift sind nach wie vor ein aktuelles Thema.
Seit Indiens Unabhängigkeit wurden die Eigentumsrechte von Frauen wiederhergestellt, doch Gold hat weiterhin eine große Bedeutung für sie. Zugegeben, die Macht des Goldbesitzes birgt immer noch Risiken, wenn man die Gier männlicher Partner, ihrer Familien und sogar erwachsener Kinder bedenkt. Ich erinnere mich noch gut an die Tanten und Großmütter mit ihren geheimen Schätzen an goldenen Armreifen, Ohrringen und schlichten Ketten. Man braucht gar nicht erst unter der Matratze nachzusehen. Ältere indische Frauen sind dafür bekannt, ihre Finanzen im BH zu regeln, aber das ist ein Kinderspiel im Vergleich zu ihrem außergewöhnlichen Geschick, Gold für Notfälle zu horten. Neben der dekorativen Schönheit dient Gold der Macht der Frauen. In meiner Familie, wurde zumindest in den letzten Generationen – so weit ich weiß – keine Mitgift gezahlt. Stattdessen wurden Geschenke ausgetauscht; beispielsweise schenkt die Familie der Braut der Familie des Bräutigams neue Kleidung, die sie zur Hochzeit oder zum Empfang tragen können.
Dennoch bleibt Gold bei der Verbindung von Familien bedeutungsvoll. Die Braut bekommt Schmuckstücke von ihrer Familie und manchmal auch von den Schwiegereltern geschenkt. Das soll nicht nur Glück bringen, sondern darüber hinaus die Familienbande stärken. Zweifelslos haftet Goldschmuck eine sentimentale Bedeutung an, sei es aufgrund seiner Herkunft oder des Anlasses, den er repräsentiert. Ich liebte es, den Schmuck meiner Mutter anzusehen, und als Erwachsene verbinde ich wichtige Erinnerungen mit ihm. Für verheiratete Frauen, deren einziger Besitz Gold ist, geht dies jedoch über die Symbolik hinaus. Es kann sich in realen Werten niederschlagen, wie der Kraft, einer gewalttätigen Beziehung zu entkommen, oder dem Startkapital für ein Unternehmen. Daher werden Frauen weniger die Besitzerin, sondern vielmehr die Hüterinnen des Goldes angesehen.
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