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Buchcover von Macbeth, Shakespeares Sonnets und Decolonising the University

Shakespeare auf Reisen

Menschen, die sich für Postkolonialismus interessieren, denken bestimmt nicht als erstes an Shakespeare. Viel eher ist es wohl so, dass sich ein postkolonialer Ansatz gegen das wendet, wofür Shakespeare steht. Er könnte als Stellvertreter für das verstanden werden, was Aufrufe zur „Dekolonisierung der Universität“ möglicherweise beseitigen möchten: Ein toter weißer Mann, der eine eurozentrische Perspektive auf die Welt vertritt und der ein Werk erschaffen hat, das von Sexismus und Rassismus durchzogen ist. In diesem Essay setze ich mich mit den Facetten von Shakespeare auseinander, die von einem postkolonialen Standpunkt aus kritikwürdig sind, aber auch mit den ambivalenten Wegen, auf denen „Shakespeare“ gereist ist – also mit der vielfältigen Bedeutung, die sein Werk zu bestimmten Zeitpunkten an unterschiedlichen Orten hatte. Dabei geht es mir nicht so sehr um den Menschen Shakespeare, sondern um „Shakespeare“ in Anführungszeichen: Um sein Werk, das manchmal auf unvorhersehbare Weisen durch die Geschichte gereist ist und auf den verworrenen Wegen verschiedenste Leser*innen erreicht hat, die seinen Stücken je eigene Bedeutungen zuschrieben.  

Wenn es um die englische Literatur geht, gibt es nicht viel Kanonischeres als Shakespeare. Er steht auf den meisten Lehrplänen für den Englischunterricht in der Schule. Wer an der Universität Englisch studiert, wird kaum um ihn herumkommen. Menschen, die selbst kein Stück oder keine Verfilmung von Shakespeare gesehen haben, sind ihm sicher trotzdem schon einmal begegnet, wenn beispielsweise Filmfiguren auf ihn verweisen, um zu zeigen, wie belesen sie sind. Shakespeare ist zum Sinnbild einer Literatur geworden, die lange als „universell“ wertvoll galt und dafür gefeiert wurde, „universelle“ Themen auf die Bühne zu bringen.

Aber viele wichtige Denker*innen haben mittlerweile gezeigt, dass dieses vermeintlich „Universelle“ eigentlich sehr partikular ist.[1] Mit dem Anspruch auf „Universalität“ wird vorgegeben, für die ganze „Menschheit“ zu sprechen, auch wenn nur bestimmte Gruppen berücksichtigt werden. Damit sind derartige Behauptungen Teil der begrifflichen Maschinerie, die Unterschiede beschönigt und Ungerechtigkeiten verfestigt. Shakespeare als universell zu lesen, könnte bedeuten, viele problematische Partikularitäten zu überlesen.

Historisch gesehen war Shakespeares Werk von Anfang an mit dem britischen Imperialismus verwoben. Der Dramatiker wurde 1564 geboren und damit fielen sein Leben und seine Karriere in eine Zeit, in der sich die Begegnungen zwischen Europäer*innen und denjenigen, die sie schon bald zu „Anderen“ machen würden, in einem noch nie dagewesenen Ausmaß häuften. Zahlreiche Denker*innen verweisen darauf, dass die Frühmoderne als frühe Kolonialzeit betrachtet werden kann.[2] Kolumbus war 1492 zu seiner schicksalhaften Reise nach Amerika aufgebrochen, und England war bereits 1555 in den Handel mit versklavten Menschen verwickelt, als John Lok fünf gefangene Personen aus Guinea nach England brachte. Die East India Company wurde 1600 gegründet, als Shakespeares Karriere bereits in vollem Gange war. Es ist wahrscheinlich, dass er die Berichte über die Reisen jenseits von Englands Küsten las, die damals im Umlauf waren. Othello greift beispielsweise Sir Walter Raleighs Bericht, „The Discovery of Guiana“, über eine Expedition nach Südamerika auf, wenn er Desdemona von Reisen in entfernte Länder erzählt, die von Kannibalen bevölkert sind und von Männern, deren Köpfe unter ihren Schultern wachsen. Um 1600 wurden die Londoner Theater wöchentlich von etwa 18 000 – 20 000 Menschen besucht. Was auf der Bühne gezeigt wurde, vermittelte dem Londoner Publikum eine Vorstellung davon, wie die Menschen jenseits ihres eigenen Horizonts aussahen.

Shakespeare brachte nicht nur Begegnungen mit „den Anderen“ (den Geanderten) auf die elisabethanischen Bühnen. Sein Werk ging auch physisch mit den Kolonisten auf Reisen: Besatzungsmitglieder eines Schiffes der East India Company führten 1607/1608 Hamlet vor der Küste Sierra Leones auf. Eine Shakespeare-Ausgabe wurde 1768 zum unverzichtbaren Gepäckstück eines Engländers mit Expansionsabsichten, als sie mit Captain Cooks Endeavour in den Pazifik reiste.[3] H.M. Stanley („Dr. Livingstone, nehme ich an?“)[4] berichtet von einem Ereignis im Jahr 1877 in Zentralafrika, als die einheimische Bevölkerung, die er beobachtete, in seinen Aufzeichnungen eine Gefahr erkannte und ihn bat, sein Notizbuch zu verbrennen. Stanley zog es vor, sein Exemplar von Shakespeare anzuzünden, das ähnlich aussah, und rettete so seine Feldnotizen. Shakespeare wurde im wahrsten Sinne des Wortes für die Wissensproduktion über „die Anderen“ geopfert.[5]

Im kolonialen Bildungssystem war „Shakespeare“ Teil der imperialen Architektur, die die Überlegenheit der britischen Zivilisation verfestigen sollte. Shakespeare wurde zum Sinnbild der englischen Kultur, die mithilfe kolonialer Bildungseinrichtungen zwangsweise als erstrebenswert konstruiert wurde. Ngũgĩ wa Thiong’o, der berühmte Autor von Dekolonisierung des Denkens, sagte bitter: „William Shakespeare und Jesus Christus brachten Licht ins dunkelste Afrika.“ In kolonialen Kontexten konnte das Wissen über Shakespeare den kolonisierten Völkern Türen öffnen, es diente als Prestigemerkmal und trug zum sozialen Aufstieg bei.

Und dennoch konnte ein postkolonialer Denker wie der Kenianer Ali Mazrui 1967 zu dem Schluss kommen, dass ein Curriculum, das Shakespeare beinhaltete, durchaus Fähigkeiten vermittelte, die die führenden Politiker*innen der vormals kolonisierten Länder nach der Unabhängigkeit gebrauchen könnten – wenn auch in anderer Weise als die Briten es sich gedacht hatten.[6] Mazrui verweist darauf, wie Julius Nyerere, der erste Präsident des unabhängigen Tansania, Shakespeare für seine Zwecke nutzte, indem er Zeilen aus Julius Cäsar in frühe pro-demokratische Pamphlete aufnahm und das Stück anschließend in Kisuaheli übersetzte. Wie wirkt sich die Aneignung von Shakespeare durch den ersten Präsidenten einer gerade unabhängig gewordenen Postkolonie in einer lokalen Sprache auf den „Shakespeare“ aus, der symbolisch für das Englische ist?

Shakespeare wurde in der Geschichte mehrfach in verschiedenen Kontexten für antikoloniale Zwecke instrumentalisiert. Der Dichter, Politiker und Mitbegründer der Négritude Aimé Césaire aus Martinique hat in Une Tempête (1996) Shakespeares Der Sturm neugeschrieben/adaptiert – also das Stück, das weithin als Darstellung einer kolonialen Begegnung verstanden wird. Die beiden versklavten Figuren des Stücks, Ariel und Caliban, werden seit langem als unterschiedliche Iterationen kolonisierter Subjektpositionen dargestellt: Ariel ist duldsam, Caliban ist trotzig. Césaire hingegen erschafft einen empowerten Caliban, der tapfer Widerstand leistet und sich für die Gerechtigkeit einsetzt.

Zwanzig Jahre später verwies ein weiteres Shakespeare-Stück auf Reisen ebenfalls auf koloniale Beziehungen: 1987 wurde Othello im Market Theatre in Johannesburg aufgeführt. Dieses Stück, das bekanntermaßen immer wieder Diskussionen über Rassismus auslöst, wurde paradoxerweise damals für Zwecke verwendet, die als antirassistisch verstanden wurden. Auf der Bühne wurde das Begehren zwischen dem Schwarzen Schauspieler John Kani und der weißen Schauspielerin Joanna Weinberg gezeigt und damit der Apartheid-Regierung ein trotziger Mittelfinger entgegengehalten. In dieser Aufführung – in einem Land, das erst zwei Jahre zuvor, 1985, den so genannten „Immorality Act“ aufgehoben hatte, der solche Beziehungen eigentlich illegal machte, in dem der Rassismus aber nach wie vor das herrschende Prinzip war – wurde Shakespeares Stück als Protestkunst inszeniert.[7]

Manche von diesen Instrumentalisierungen von „Shakespeare“ erfordern, Partikularitäten zu überlesen – und das kann je nach Positionierung leichter oder schwerer fallen. Sich Shakespeare zunutze zu machen, kann auf einer universalisierenden Geste beruhen, die wie oben erwähnt nicht unproblematisch ist. Gleichzeitig war die Verwendung von „Shakespeare“ in bestimmten historischen Momenten nützlich für antikoloniale Projekte. Für diejenigen von uns, die auf die eine oder andere Weise mit der englischen Literatur zu tun haben, scheint Shakespeare ein Teil des Erbes zu sein. Doch dieses Erbe ist nicht statisch. Shakespeare ist immer noch unterwegs.


[1] Siehe zum Beispiel: Wynter, Sylvia. “Unsettling the Coloniality of Being/Power/Truth/Freedom: Towards the Human, After Man, Its Overrepresentation–An Argument.” CR: The New Centennial Review, vol. 3, no. 3, Sept. 2003, pp. 257–337

[2] Loomba, Ania. Shakespeare, Race, and Colonialism. Oxford University Press, 2002.

[3] Neill, Michael. “Post-Colonial Shakespeare? Writing Away from the Centre.” Post-Colonial Shakespeares, edited by Ania Loomba and Martin Orkin, Routledge, 1998, pp. 164–85.

[4] David Livingstone famously embarked on a mission to find the source of the Nile, and went missing. H.M. Stanley was a journalist sent to the African continent to find the errant ‘explorer’.

[5] Greenblatt, Stephen. Shakespearean Negotiations: The Circulation of Social Energy in Renaissance England. University of California Press, 1988.

[6] Mazrui, Ali A. The Anglo-African Commonwealth: Political Friction and Cultural Fusion. Pergamon, 1967.

[7] Suzman, Janet. Who Needs Parables? Oxford University. 1995.

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