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Event-Flyer

macht.sprache. & Artificially Correct: Diskussion mit Lann Hornscheidt und Şeyda Kurt (Teil 2)

Am 4. Juni 2021 fand unsere Diskussionsveranstaltung mit Lann Hornscheidt und Şeyda Kurt in Kooperation mit dem Goethe-Institut statt. Im Rahmen der Projekte macht.sprache. und Artificially Correct durften wir von den Gäst:innen einiges über Umgangsweisen mit politisch sensiblen Begriffen beim Schreiben und Übersetzen erfahren. Dies ist der zweite Teil der Verschriftlichung des Gesprächs, zum ersten Teil geht es hier.

Şeyda Kurt ist freie Journalistin, Moderatorin und Autorin. Ihr Buch Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist erschien im April bei HarperCollins Germany. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Philosophie, Kultur, Innenpolitik und intersektionaler Feminismus. Außerdem gibt sie Workshops zu journalistischem Schreiben und diskriminierungssensiblem Sprechen.

Lann Hornscheidt handelt sprachaktivistisch und diskriminierungskritisch – im Unterrichten und bei Vorträgen, im Texten und Lektorieren, in der Verlagsarbeit und im immer wieder neu Formulieren. 2021 veröffentlichte Lann Hornscheidt mit Ja’n Sammla ein Praxis Handbuch zu Gender und Sprache mit dem Titel Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht?, das im w_orten & meer Verlag erschienen ist, den Lann mitgegründet hat.

Anna von Rath (AR): Bei macht.sprache. und bei Artificially Correct tauschen wir uns viel mit Übersetzer*innen aus, die ins Deutsche oder aus dem Deutschen übersetzen. Ein Thema, das immer wieder aufkommt, ist das Gendern. Im Deutschen ist eine Geschlechtszuschreibung auch grammatikalisch verankert. Diese Zuschreibung ist besonders relevant, wenn es um Personenbezeichnungen geht. Was würdet ihr diesen Übersetzer*innen empfehlen? Würde eure Empfehlung für verschiedene Sorten Text unterschiedlich aussehen? Also journalistische Texte, Romane, Lyrik…

Şeyda Kurt (SK): Ich habe in meinem Buch Radikale Zärtlichkeit zum Teil Songtexte aus dem Türkischen ins Deutsche übersetzt und bin dabei total an meine Grenzen gestoßen. Ich habe dabei gemerkt, dass das Übersetzen einen Text total entfremden kann, wenn man ihn aus einer geschlechtsneutralen Sprache wie Türkisch, in der zumindest die Pronomen und Substantive keine spezifische geschlechtliche Zuweisung haben, in eine stark gegenderte Sprache übersetzt. So viel, was in dem Türkischen Lied irgendwo hybrid ist oder auf eine angenehme Weise doppeldeutig, was Zuhörer:innen erlaubt, gewisse Leerstellen mit ihrer eigenen Imagination zu füllen, geht verloren.

Was mir als positives Beispiel einfällt, ist ein Text der Autorin Nadire Biskin, die in ihrem Text in dem Sammelband Flexen und Flaneusen konsequent das türkische Pronomen o verwendet, das geschlechtsneutral ist, um die handelnde Person zu beschreiben. Ich finde es eine sehr schöne und kreative Idee aus anderen Sprachen zu schöpfen und in einen Text zu integrieren, den ich als Autor:in auf Deutsch schreibe.

Ich glaube, dass es in journalistischen Texten schwieriger ist, auf diese Art und Weise zu experimentieren, weil er stärker marktökonomischen Zwängen hinterherrennen muss. Deshalb war ich z.B. auch so glücklich, dieses Glossar für komplizierte Begriffe für mein Buch schreiben zu können und mit Begriffen zu arbeiten, die in journalistischen Texten oft rausgekürzt werden.

Lann Hornscheidt (LH): Übersetzung ist für mich immer eine Interpretation. Es geht immer darum, sich klar zu machen, warum wähle ich welche Interpretation. Bei uns im Verlag hat das dazu geführt, dass fast jedes Buch ein Nachwort der übersetzenden Person und manchmal auch des Verlags bekommt, um Entscheidungen und interpretative Eingriffe in den Text transparent zu machen. Z.B. haben wir ein Buch von Sherri Mitchell, einer indigenen US-amerikanischen Person, in deutscher Übersetzung veröffentlicht. In dem Buch haben wir nicht die Begriffe verwendet, die im US-amerikanischen benutzt werden, sondern haben „Indigene“ genommen. Im deutschen Kontext ist anti-indigener-Rassismus sehr von romantisierenden Bildern und Karl May Romanen geprägt. Wir suchen andere Ausdrucksweisen.

In Bezug auf Gender würde ich gerne noch ergänzen, dass ich es immer wichtig finde, zu überlegen, wann gibt es eigentlich einen subtilen Gendertext und macht es dann Sinn es genderfrei zu übersetzen oder wird damit Sexismus oder Genderismus unsichtbar gemacht. Deshalb schlage ich drei verschiedene Strategien vor, die abgewogen werden können: Genderfreie Formen, was häufig gut über Handlungsformen funktioniert („student“ wird nicht Student, sondern „Mensch, der studiert“ oder „Person, die studiert“). Genderinklusive Formen, also Sternchen oder Doppelpunkt oder Andere – und da finde ich es wichtig zu sagen, dass es verschiedene Optionen geben darf. Wir brauchen kein neues, einheitliches Regelwerk. Meine Lieblingsvariante, die aber am unpopulärsten ist, ist die Diskriminierungsform zu benennen (also statt „Frauenwitze“ „sexistische Witze“ zu sagen). Welche Form gewählt wird ist immer stark vom Kontext abhängig. Aber ich stimme Şeyda zu, es sollte verständlich sein. Für mich allerdings am liebsten ohne Glossar.

SK: Jetzt da Lann diese Nachworte der Übersetzenden erwähnt hat, fällt mir noch ein Beispiel ein, bei dem mir genau so etwas sehr geholfen hätte – bei dem Gedichtband der Aktivistin Semra Ertan. Ertan hat türkische Lyrik verfasst und die Schwester und die Nichte haben gemeinsam einen Gedichtband herausgegeben, indem auf der linken Seite das türkische Original und auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung zu lesen ist. Das funktioniert größtenteils hervorragend, aber manchmal gibt es Probleme: Im türkischen wird der Begriff „Volk“, also „halk“, von der linken aktivistischen Poetin Semra Ertan sehr häufig verwenden, weil er eine linke politische Kategorie ist, die von Solidarität spricht. Ganz anders als das deutsche „völkisch“. Die Überetzer:innen schienen sich nicht getraut zu haben, es im Deutschen mit „Volk“ zu übersetzen, weil es in der Sprache mit einer ganz anderen Bedeutung und einer ganz anderen Geschichte verbunden ist. Stattdessen haben sie „eine Gruppe von Menschen“ verwendet, was an manchen Stellen den Text entpolitisiert hat. Vielleicht wär es gut gewesen, wenn die Übersetzer:innen manchmal doch „Volk“ verwendet und ihre Entscheidung in einem kurzen Absatz erklärt hätten.

LH: Ich würde gerne was ergänzen. Also Sherri Mitchells Buch ist sehr binär, es gibt nur Frauen und Männern. Beim Übersetzen geht es nicht darum, Bücher anders zu machen, als sie sind, aber wir haben im Nachwort deutlich gemacht, dass immer ein aktivistisches Lesen möglich ist. Menschen, die queer sind, lesen sowieso vieles aktivistisch und wiederholen die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit im Lesen nicht immer wieder. Ich habe auch lange eingeübt Texte anders vorzulesen. Dazu haben wir Leute im Nachwort eingeladen, dass sie sich nicht ausgeschlossen fühlen müssen, sondern aktivistisch lesen können.

AR: Lann, neben den Nachwörtern zur Übersetzung arbeitet ihr im Verlag mit kreativen Wortneuschöpfungen. Könntest du kurz vorstellen wie das aussieht oder einige Beispiele geben?

LH: In unserem Buch Wie schreibe ich divers? haben wir eine neue Genderform eingeführt, weil ich finde, dass es den Mut braucht, Sprache aktiv zu verändern. Sprachsysteme und Grammatik sind nämlich Konstruktionen, extrem machtvolle, hegemoniale Normalisierungen eines bestimmten Sprachgebrauchs. Es ist das, worauf eine Gesellschaft sich geeinigt hat, und das sind natürlich patriarchale Sprachnormen. Also haben wir neben männlichen und weiblichen Genderformen die Endung -ens als eine genderfreie Form vorgeschlagen, das ist der mittlere Teil von Mensch, z.B. Lehrens für eine Person, die unterrichtet. Das ist kurz und einfach und ens kann auch als Pronomen verwendet werden.

Eine andere Variante, die wir verwenden, ist, dass wir beim Gendern die Sonderzeichen wie das Sternchen oder den Unterstrich direkt hinter dem Wortstamm platzieren und nicht zwischen den konventionellen männlichen und weiblichen Formen, weil diese sonst wieder als Pole auftauchen. In der Schriftsprache würde es prinzipiell reichen, den Wortstamm mit einem Sternchen zu verwenden. Aber ich lege auch wert darauf, dass alles gut aussprechbar ist.

Ein drittes Beispiel wäre beHindert. Das ist keine Erfindung von uns. Wir haben das aus der Disability Community übernommen. Damit wird deutlich gemacht, dass es Hindernisse für Menschen gibt – Menschen werden beHindert, Menschen sind nicht behindert.  

Schwarz schreiben wir groß und weiß klein, mit einem kursivierten w, um ganz deutlich zu machen, dass es keine Identitätsbenennung ist, sondern eine analytische Benennung der privilegierten Position in Bezug auf Rassismus. Wir erklären diese Schreibweisen immer wieder in Fußnoten, aber eigentlich sind sie gang und gäbe seit es vor 20 Jahren in dem Buch Mythen, Masken, Subjekte eingeführt wurde. Wir benutzen nicht die korrekte Grammatik, sondern verändern die Grammatik und für mich macht das total Sinn. Da Sprache ein diskriminierendes System ist, müssen auch systemrelevante Entscheidungen getroffen werden. Sprachveränderung ist das, was Menschen, die diskriminiert werden, machen, um zu überleben. Es sind immer Angebote, um mit anderen in Kontakt zu treten. Es ist eine wunderschöne Geste, die sagt: Ich möchte anwesend sein.

Sprache muss sich kontinuierlich verändern. Es wird immer ein weiterer Kampf sein.

AR: Vielen Dank! Ich finde diesen Appell für mehr Offenheit für Sprachveränderung einen guten Abschluss.