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Wo Jhumpa Lahiri sich sprachlich findet

2018 veröffentlichte Die Autorin Jhumpa Lahiri einen Roman auf Italienisch, Dove mi trovo. 2020 erschien die deutsche Übersetzung von Margit Knapp, Wo ich mich finde. 2021 folgte die englische Übersetzung von Lahiri selbst, Whereabouts. Auf Italienisch zu schreiben und sich erst dann selbst ins Englische zu übersetzen, ist das Ergebnis einer künstlerischen Metamorphose der zuvor auf Englisch schreibenden Autorin. Die bewusste Verschiebung ihres eigenen Sprachschwerpunktes lädt ein, mehrere Dinge zu hinterfragen: Den sprachlichen Anpassungszwang den insbesondere Migrant:innen of Color erleben. Und die gängige Idee, dass Menschen sich nur in einer einzigen Sprache – ihrer Muttersprache – wirklich gewählt ausdrücken könnten.

In Der Namensvetter und Das Tiefland, die sie auf Englisch schrieb, interessiert Lahiri sich für Migration und das Leben zwischen verschiedenen Orten. Sie selbst führt so ein Leben: Sie wurde in London als Tochter indischer Immigrant:innen geboren, wuchs in Rhode Island in den USA auf und besuchte häufig die Heimatstadt ihrer Eltern, Kalkutta in Indien. Thema ihrer Texte – sicherlich in Anlehnung an ihren Alltag – war die Erfahrung von indisch-amerikanischen Charakteren. Das Kind von anderssprachigen Immigrant:innen zu sein, bedeutet oft, starken Druck zu verspüren, sich anpassen zu müssen, auch sprachlich. Eine preisgekrönte Autorin zu werden, die auf Englisch schreibt und deren Muttersprache Bengalisch ist, sieht nach einer großartigen öffentlichen Würdigung aus, nach dem Erreichen eines sprachlichen Ideals. Doch Lahiri gesteht in Interviews, dem Englischen entfliehen zu wollen, weil es sie unterdrückt.

Über den weißen Schriftsteler Joseph Conrad wird gesagt, dass er einer der wichtigsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war, obwohl er bis in seine 20er kein Englisch sprach und seine Muttersprache Polnisch war. Das obwohl drückt Verwunderung aus und ein Gefühl schierer Unmöglichkeit eine Fremdsprache zu meistern, die einem nicht in die Wiege gelegt wurde. Conrads Leistung wird als außergewöhnlich gefeiert. Lahiri geht es in gewisser Weise ähnlich. Doch erlebt sie immer einen Anpassungszwang, während Conrad mit seinem Werk herzlich aufgenommen wurde. Zuträglich war sicherlich, dass seine Inhalte den europäischen Zeitgeist trafen: Er schrieb u.a. Geschichten der kolonialen Begegnung in Afrika aus der Perspektive rassistischer Europäer*innen und bot somit argumentative Legitimierungsgrundlagen an.

Im Gegensatz zu weißen Personen, die innerhalb des globalen Nordens den Lebensmittelpunkt und die Sprache wechseln, scheint die Situation für Menschen of Color/Menschen aus dem globalen Süden eine andere zu sein. Olga Grjasnowa, der es in Deutschland ähnlich geht wie Lahiri in den USA, erklärt in ihrem Buch Die Macht der Mehrsprachigkeit, dass Personen in einer gesellschaftlich nicht-privilegierten Position wie etwa Migrant:innen of Color sich trotz möglicher schriftstellerischer Erfolge weiterhin beweisen müssen. Ihnen wird sogar dann noch manchmal ebenso guter (oder besserer) sprachlicher Ausdruck im Vergleich zu einer in dem Land geborenen Person ohne Migrationshintergrund abgesprochen. Grund dafür ist, dass das Konzept Muttersprache mit Herkunft und Race verbunden ist. Grjasnowa bezieht sich auf eine Studie des Linguisten Thomas Paul Bonfiglio, in der er feststellt, dass „korrektes“ Englisch oder Englisch als Muttersprache gerne direkt mit Weißsein und den USA und Großbritannien assoziiert wird. Diese Vorstellung ignoriert, dass es in diesen Ländern Menschen of Color leben und in vielen ehemals kolonisierten Ländern des globalen Südens Englisch zur Amtssprache geworden ist.  

2015 erschien Lahiris Essay „Teach Yourself Italian” (Bring dir selbst Italienisch bei) im New Yorker, der erklärt, dass eine Fremdsprache ein neues Abenteuer für Schriftsteller:innen sein kann. Ihre Liebe zum Italienischen begann wie aus dem Nichts im „linguistischen Exil“ in den USA. Dieses Gefühl von Exil in Bezug auf eine Sprache kannte sie gut, denn ihre Muttersprache war auch immer eine fremde Sprache in den USA, wo sie die meiste Zeit lebte. Als mehrsprachiger Person war ihr ebenfalls die Frage vertraut, wem Sprachen eigentlich gehören und was ein angemessenes Niveau ist. Macht und Wertung, individuell oder gesellschaftlich betrachtet, färben Lahiris Beziehung zu Englisch und Bengalisch. Italienisch scheint zunächst nichts mit ihrem Leben zu tun zu haben und dennoch spürte sie diesen starken Wunsch, es zu lernen. Der Wunsch veranlasste sie schließlich, mit ihrer Familie nach Rom zu ziehen. Ungeahnt entwickelt sich die Liebe zu einer neuen Sprache in eine Art literarischer Selbstbefreiung: Sie erlaubt sich, anzuerkennen, dass in ihrem Leben Platz für mehrere Sprachen ist, dass sie ihre Schwerpunktsprache verschieben kann und Sprachen in ihrem Leben zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Rollen einnehmen können.

Nach jahrelangem Lernen im Exil wurde Italienisch für einige Jahre ein fester Bestandteil in Lahiris Alltag. Und wer selbst mehrere Sprachen spricht, kennt vielleicht ebenfalls das Gefühl, in anderen Sprachen anders zu denken, zu sehen und zu fühlen. So überrascht es nicht, dass sich das Schreiben in einer anderen Sprache auf die Komposition und das Register des Textes auswirkt. Die andere Sprache erlaubt es, sich mit einer anderen Stimme auszudrücken. So hat Whereabouts (oder Wo ich mich finde), das ich wie Lahiris anderen Werke auf Englisch gelesen habe, einen ganz anderen Klang. Die Sätze sind kürzer und direkter. Die Kapitel sind kurze Blitzlichter, detailliert und gleichzeitig distanziert. Die Geschichte folgt einer namenlosen Protagonistin, die allein in einer wahrscheinlich italienischen Stadt wohnt – angedeutet von Begriffen wie piazza. Basierend auf dem, was ich von Lahiri gewohnt war, habe ich mich lange gefragt, ob die Protagonistin wohl eine eingewanderte Person sei, vor allem, da sie alles mit einer gewissen Distanz zu beobachten schien und wenig enge Verbindungen zu Menschen in ihrer Nähe pflegte. Es war ein Überraschungsmoment zu merken, dass es sich um eine für sich lebende Italienerin handelte und ein Moment, in dem ich mich ertappte, von einer Autorin of Color wie Lahiri zu erwarten, dass sie über Erfahrungen von Migration, Zugehörigkeit oder Ausgrenzung schreiben müsste. Lahiri befreit sich von dieser fälschlichen Erwartungshaltung von (vielleicht mehrheitlich weißen) Lesenden mit dem Wechsel von Englisch zu Italienisch: Wo ich mich finde untersucht aus der Innenperspektive ganz intim die Auswirkungen von Einsamkeit auf eine Person, die jede Person sein könnte. Nicht nur die Protagonistin, sondern auch andere Charaktere und Orte bleiben unbenannt und relativ anonym, obwohl detaillierte Beschreibungen sie dennoch anschaulich und vertraut machen. Das Einzige, was an Der Namensvetter erinnert, ist die Unaufgeregtheit des Textes.  

In einem Beitrag im Online-Magazin Words without Borders reflektiert Lahiri über den Prozess ihren eigenen Text ins Englische zu übersetzen:

“When an author migrates into another language, the subsequent crossing into the former language might be regarded, by some, as a crossing back, an act of return, a coming home. This idea is false, and it was also not my objective”.

„Wenn ein:e Autor:in in eine andere Sprache migriert, wird ein darauf folgender Abstecher in die ursprüngliche Sprache von einigen als Rückkehr aufgefasst, als ein nach Hause kommen. Diese Vorstellung ist falsch und war absolut nicht das, was ich vorhatte“ (eigene Übersetzung)

Ein sprachliches zu Hause ist genauso verschiebbar wie ein örtliches und Mehrsprachigkeit widerspricht damit festgefahrenen Nationalismen. Die Schönheit den Text selbst ins Englische zu übersetzen, liegt wohl darin, sich noch einmal tiefgehend mit ihm auseinanderzusetzen und – basierend auf dem Italienischen – ein anderes Englisch als vorher zu schreiben. Heute unterrichtet Lahriri u.a. literarisches Übersetzen ins Englische an der Princeton University. Dort im sprachlichen Exil hilft ihr das Übersetzen aus dem Italienischen, den Kontakt mit der Sprache, die sie liebt, aufrecht zu erhalten.