„Literatur aus einer Schwarzen Perspektive“: ein Interview mit @eine.schwarze.liest.buecher

Würdest du dich bitte vorstellen: wer du bist, was du machst, was sollten unsere Leser*innen über dich wissen?

Ich bin Chidera, ich bin 29 Jahre alt und Jura Studentin. Ich bereite mich gerade auf das erste Staatsexamen vor, bin nebenbei noch Mutter eines dreijährigen Sohns und verheiratet. Ich bin nicht in Deutschland geboren, sondern in Nigeria, und darf mich erst seit 2006 als Deutsche schimpfen – seitdem bin ich eingebürgert.

Du betreibst auf Instagram den Account eine.schwarze.liest.buecher, der inzwischen über 1360 follower hat. In der Kurzbeschreibung des Accounts schreibst du: Literatur aus einer Schwarzen Perspektive. Kannst du erzählen, was das für dich bedeutet und beinhaltet?

Das spielt natürlich auf meine Hautfarbe an: ich bin eine Schwarze deutsche Frau und das geht traurigerweise mit sehr vielen Erfahrungen einher, die nicht erfreulich gewesen sind. Sie sind schmerzhaft und zum Teil traumatisch. Das heißt, dass ich Literatur teilweise ganz anders konsumiere oder verarbeite als Menschen, die der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören. Meinen Blick darauf möchte ich mithilfe meines Accounts teilen.

Ich bevorzuge dafür bewusst Bücher von Schiftsteller*innen of Colour. Dabei liegt mein persönliches Augenmerk oft auf Nigeria und in der Afroamerikanischen Sphäre, weil ich finde, dass beides viel zu wenig Raum einnimmt, obwohl da so großartige Schriftsteller*innen herkommen – z.B. Chimamanda Ngozi Adichie, Chinua Achebe, Wole Soyinka und Teju Cole.

Was möchtest du mit deinen Posts bewirken? Wen stellst du dir als Publikum vor? Was erhoffst du dir, dass deine follower mitnehmen?

Bewirken möchte in aller erster Linie Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit für die Perspektive einer Schwarzen Person in Deutschland, so dass Menschen, die der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, eine gewisse Sensibilität entwickeln. Ich bin selber auch Konsumentin von Bücherblogs und die sind mehrheitlich weiß und die Meschen, die mir folgen, sind auch mehrheitlich weiß. Ich möchte Aufmerksamkeit dafür schaffen, was Deutschsein in Kombination mit Schwarzsein heißt, dass sich das nicht ausschließt, sondern ergänzt. Das möchte ich mit meinen Posts zum Ausdruck bringen.

Bist du zufrieden damit, wie deine Bookstagram Präsenz sich bisher entwickelt hat und hast du das Gefühl zu einer Veränderung in der Buchszene beizutragen?

Ja, ich bin überwätigt, wie sich das entwickelt hat. Ich hab mit fünf followern angefangen und das waren alle meine Freunde. Jetzt bin ich bei 1360. Ich bin überwältigt, dass Leute die Plattform nutzen, die ich hier biete. Damit bin ich mehr als zufrieden, aber ich freue mich natürlich über das Wachstum, das ich erlebe, dass tagtäglich neue follower dazu kommen. Das berührt mich schon sehr und macht mich auch stolz. Das ist eine Sache, in die ich viel investiere, aber von der ich auch unfassbar viel zurück bekomme.

Ich habe schon das Gefühl, dass sich dadurch eine Veränderung in der Bookstagram Welt vollzogen hat. Zum Beispiel wurde ich Anfang Oktober zusammen mit poco.lit. und Tugba Yalcinkaya zu einem Panel von Bessie Berlin eingeladen, bei dem es um Sichtbarkeit in der Literaturwelt ging. Das war eine große Möglichket, und toll bei dieser Plattform auch mitwirken zu dürfen. Davon erhoffe ich auch mehr für die Zukunft.

Viele der Bücher, über die du postest, sind aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Wie stehst du dazu? Findest du, dass mehr Bücher zu der Thematik, für die du dich interessierst, auf English geschrieben werden? Und wie findest du die Übersetzungen?

Als ich mit Literatur angefangen habe, die mich in der Identität betrifft oder wiederspiegelt, habe ich meistens alles auf Englisch gelesen weil vieles einfach nicht übersetzt wurde. Das hat sich jetzt auf jeden Fall geändert. Aber natürlich geht bei den Interpretationen sehr viel verloren. Das ist immer ein bisschen Schade. Ein gutes  Beispiel dafür ist schon allein der Titel von Toni Morrisons Beloved – auf Deutsch heißt es „Menschenkind“. Das ist furchtbar, was ist denn ein Menschenkind? Es ärgert mich sehr, dass so ein großartigesBuch so übersetzt wurde.

Ein anderes Beispiel: Letztes Jahr war ich auf dem internationalen Literaturfestival auf einer Veranstaltung, auf der ein Buch von James Baldwin und dessen Übersetzung besprochen wurden: auf Englisch The Fire Next Time und auf Deutsch Nach der Flut das Feuer. Ich habe mir beide durchgelesen und es war interessant zu sehen, wie die weiße Übersetzerin Miriam Mandelkow erzählt hat, wie sie manche Stellen interpretiert hatte. Die Gäste, die auf dem Podium saßen, haben das teilweise ganz anders empfunden und das waren unter anderem auch Schwarze Menschen.

Es geht wirklich viel verloren. Aber trotzdem find ich es wichtig, dass es übersetzt wird, weil viele Menschen in Deutschland nicht gerne auf Englisch lesen. Die Bücher, deren Übersetzungen nicht gelungen sind, besonders die Klassiker wie Beloved, bräuchten vielleicht ein Update. Das sind zum Teil sehr alte Übersetzungen. Und vielleicht müssten sie von People of Colour übersetzt wären – das wäre nochmal anders.

Welches Buch sollte unbedingt noch auf Deutsch übersetzt werden?

Bei Bernardine Evaristos Girl, Woman, Other freue ich mich schon auf die deutsche Übersetzung. Und dann noch eins, dass bestimmt nicht so bekannt ist: Das Gedichtband the geometry of being Black von ogorchukwu. Die Schrifstellerin ist eine junge Amerikanerin mit Wurzeln in Nigeria. Ihr Instagram ist auch super.

Das ist für mich ein Buch des Empowerments. Sie hat es wunderbar aufgeteilt, in Phasen, die bezeichnen, wie Schwarze Menschen mit Rassismus umgehen. Sie hat es in Themata gegliedert. Es geht los mit receiving, was wir Schwarze Menschen von der Welt bekommen. Dann geht es um internalizing, welchen Hass, welche Wut wir internalisiert haben. Dann das unlearning – das was wir internalisiert haben, umzuwandeln und zu entlernen. Dann loving und resisting – also zu lieben und Widerstand zu leisen. Das ist wirklich toll gemacht und ein Buch, das ich immer wieder zur Hand nehme.

Wie ist deine Einstellung zu Social Media generell? Siehst du, z.B. in Instagram eine politische Kraft mit der man einen größeren Teil der Gesellschaft ansprechen kann? Kann man damit Meinungen ändern?

Grundetzlich sehe ich Social Media kritisch, weil ich finde, dass vielen wahrscheinlich der bewusste Umgang damit verloren gegangen ist. Oft wird es einfach nur konsumiert, um seinen eigenen Gedanken und der Wirklichkeit zu entrinnen. Aber wenn das wirklich bewusst und zielgerichtet genutzt wird, um damit etwas zum Positiven zu verändern, zum Beispiel übers Klima zu informieren, oder über Rassismus, kann das etwas bringen. Wir haben gesehen, welche Wellen der Mord an George Floyd geschlagen hat. Dieses eine Video hat weltweit Wellen geschlagen. Die Resonanz war so unglaublich: Sie war in der Thematik von Rassismus so noch nie da gewesen, in Deutschland zu mindest. Das war natürlich toll, aber ich habe das auf jeden Fall mit Vorsicht genossen, weil ich das Gefühl hatte, es war vielleicht für viele nur ein Trend. Deshalb weiß ich nicht wie nachhaltig das ist und sehe es durchaus kritisch. Aber natürlich wurde ein Bewusstsein geschaffen, es wurde darauf aufmerksam gemacht, dafür war es großartig.

Ich habe heute nochmal nachgeschaut. Es gibt weltweit 2,4 Milliarden Menschen, die Social Media nutzen – da ist alles drin, Facebook, Whatsapp, Instagram. Das ist unglaublich viel. Diese Reichweite ist vorher noch nie da gewesen, man kann damit Großartiges erreichen. Das ist wichtig – aber ich sehe es immer noch kritisch.

Hast du Zukunftspläne? Was sind deine Ziele? Sorgst du aktiv dafür, dass deine Community wächst? Wie und warum?

Ich produziere einfach weiterhin „Content“, ich schreibe über die Bücher, die ich lese und lasse auch ein bisschen an meinem Leben teilhaben, so weit wie es für mich in Ordnung ist. Ich sorge nicht aktiv dafür, dass mehr Leute kommen, mache nicht ständig Gewinnspiele oder Werbung. Ich bin, wer ich bin, und wer sich für mich interessiert, ist herzlich eingeladen, mir zu folgen und sich mit mir auszutauschen.

Möchtest du vielleicht irgendwann ein eigenes Buch schreiben?

Ich habe darüber schon nachgedacht. Ich könnte es mir vielleicht vorstellen, weil ich doch schon einiges zu erzählen hätte. Das liegt noch weit in der Zukunft, aber es würde wahrscheinlich etwas sein, das meine Geschichte betrifft, was ich durchgemacht habe. Ich habe auch gemerkt, wie es bei den Posts war, in denen ich Persönliches geteilt habe. Viele haben mir geschrieben und gesagt: Ich kenne dieses Gefühl, diese Gefühl der Minderwertigkeit, und nicht nur auf Rassismus gemünzt, sondern auch generell. Wir haben so viel in common obwohl wir uns gar nicht kennen. Diese Kraft haben finde ich in Büchern und das ist einfach großartig.