So, in etwa, ist es geschehen

Buchcover von so in etwa ist es geschehen von sharon dodua otoo

So, in etwa, ist es geschehen

Sharon Dodua Otoos neuer Roman handelt von einem Mordfall, aber es ist kein Krimi, sondern das Geständnis der Mörderin und die letzten Worte des Ermordeten – oder besser: sein letzter Redeschwall. D.h. es ist von Anfang an klar, wer schuldig ist. Ist die Tat der Protagonistin nachvollziehbar? Der Text ist so geschrieben, dass sich Leser*innen eine eigene Meinung über den Fall bilden können.

Amata Haller schreibt in ihrem ausführlichen Geständnis, in dem sie verspricht, die ganze Wahrheit offenzulegen, dass sie, wie jedes Jahr, an die Ostsee fahren wollte, um mit ihrer Mutter ihrem Großvater zu gedenken. Sie gibt zu, auf dem Weg dorthin ihren Chef ermordet zu haben, und erklärt, dass sie eigentlich nicht anders handeln konnte. Heinz Brockhaus, das Opfer, ist ihr Vorgesetzter in einer Hilfsorganisation für Afrika und fährt sie an die Ostsee, weil Amata zu verplant ist, ihre Bahn verpasst und nicht schafft ein Auto zu mieten. Sie beschreibt ihn als nervig, aber sie holt noch viel weiter aus und berichtet von ihrer Lebenssituation als Schwarze Deutsche und einigen Aspekten ihrer Familiengeschichte, in die Otoo geschickt historische Fakten einbindet. Amatas Großvater beispielsweise gehört in dem Roman zu den wenigen Überlebenden des Untergangs der Cap Arcona am 3. Mai 1945. Die Briten bombardierten das Schiff am Ende des Zweiten Weltkrieges, weil sie dort deutsche Truppen vermuteten, nicht aber Tausende KZ-Häftlinge.

Der zweite Teil des Buches ist Brockhaus Redeschwall während der Autofahrt an die Ostsee, der Amata zur Weißglut treibt und letztendlich dazu führt, dass sie ihn ermordet. Ich fand Brockhaus auch wirklich nervig – ein mittelalter weißer Mann, der von sich denkt, alles richtig zu machen, dabei aber aufdringlich und wenig reflektiert ist. Ich musste an die Redewendung „Ich könnte ihn umbringen“ denken, die Amata scheinbar wörtlich nimmt.  

Auf den nur 139 Seiten deckt Otoo enorm viel ab und greift aktuelle Debatten auf, etwa die Umbenennung von Straßen mit kolonialen oder rassistischen Namen, die Restitution afrikanischer Kunst, die Krankheit ME/CFS oder Männer, die sich vom Feminismus bedroht fühlen. Dennoch ist So, in etwa, ist es geschehen deutlich weniger komplex als Adas Raum, was sicher an der Kürze des Romans liegt. Die Themen sind zum Teil schwer, doch in Otoos Figuren steckt auch diesmal wieder viel Humor. Amata nutzt eine recht trockene und stellenweise eigenwillige Sprache, wenn sie beispielsweise englische Begriffe wie Smartphone eindeutscht und von Klugfon spricht. So, in etwa, ist es geschehen ist daher eine kurzweilige Lektüre, die auch mal zum Schmunzeln einlädt. Aber fast hätte ich mir gewünscht, hier und da noch mehr über die angerissenen Themen und beiläufig erwähnten Figuren wie etwa den Großvater oder andere Familienmitglieder von Amata zu lesen.

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