Daughters of the Nile
Töchter der Sache
Falls es euch interessiert: Auf der langen Liste der Dinge, die ich liebe, stehen u.a. Katzen, wellige Pommes und Notizbücher, aber auch Literatur, die Frauen in kolonialen oder postkolonialen Kontexten porträtiert und deren Handlung mir den gleichen Gesichtsausdruck wie das shocked cat Meme verleiht (das mit der aufrecht sitzenden, getigerten schottischen Faltohrkatze).
Als ich begann „Daughters of the Nile“ zu lesen, hatte ich trotzdem nicht damit gerechnet, so nahtlos von einem Schwangerschaftsabbruch zu einer ausführlichen Beschreibung von Genitalherpes übergeleitet zu werden. Wenn du Sätze liest wie, „Fühlte es sich so an, ein Mann zu sein? Ich empfand eine Mischung aus Stolz und Ekel angesichts dessen, was sich zwischen meinen Beinen befand“, weißt du, dass du ein großartiges Buch in den Händen hältst. Vielleicht hätte ich vorher sagen sollen, dass, egal welche ekeligen Dinge in dem Buch auftauchen, sie nie unnötig sind.
Zahra Barris Debütroman – leider bislang ihr einziger (*Wink mit dem Zaunpfahl* Zahra Barri, falls du das hier liest) – ist ein generations- und ortsübergreifender Roman über Feminismus, Queerness und Befreiung im Kleinen wie im Großen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Buch mit solchen Themen kleinmütig sein könnte, und „Daughters of the Nile“ ist es ganz sicher nicht.
Da ist zunächst Fatiha, deren Freundschaft mit der realen feministischen Vorreiterin Doria Shafik in ihr ein lebenslanges Engagement für die Befreiung und das Empowerment aller ägyptischen Frauen hervorruft. Als sie sich jedoch später entscheidet, Ehefrau und Mutter zu werden, fällt es Fatiha schwer, diese Rollen mit der politischen Haltung der Frau in Einklang zu bringen, die einst das ägyptische Parlament gestürmt hatte.
Yasminah ist Fatihas Tochter und selbst ein rebellischer Hitzkopf. Sie hegt eine leichte Verachtung für das, was sie als Fatihas vergleichsweise veralteten feministischen Ansichten versteht. Als bekannt wird, dass ihr iranischer Freund Ommy bisexuell ist, gerät Yasminah in einen Skandal und willigt in eine Scheinehe ein, aus der sie anschließend flieht, um mit ihrem ehemaligen Liebhaber in Teheran zu leben. Zunächst scheint das Leben voller Möglichkeiten zu sein. Vor der Revolution hatte Teheran eine lebendige LGBTQ-Szene und die jungen Leute in Yasminahs und Ommys Kreisen hofften auf eine liberale Zukunft unter dem Shah.
Am nächsten an unserer Gegenwart ist die in Großbritannien geborene Nadia, Tochter von Fatihas Lieblingssohn Usman. Nach einem aussichtslosen Job, bei dem sie BBC-Redakteur*innen mit Tee versorgt und auf eine Stelle hofft, die ihr einen Schreibtisch beschert, geht Nadia nach London. Zum Teil zieht es sie dort hin, um den Vorwürfen zu entgehen, „halb Bristol mit Herpes angesteckt“ zu haben, aber es ist auch ein Versuch, sich eine Karriere aufzubauen, indem sie ein Praktikum bei einem anzüglichen Männermagazin absolviert, das von einem chauvinistischen Tyrannen geleitet wird. Nadia zieht bei ihrer Tante Yasminah ein, von deren altbackenen Ansichten sie sich vorher immer fern gehalten hatte.
Obwohl es Spannungen zwischen den Generationen gibt, verbindet die drei Frauen ihr Freigeist und der Wunsch, dass alle, die nicht die Freiheiten eines Mannes besitzen, ein Leben mit weniger gesellschaftlichen Zwängen führen können sollten. Jede von ihnen leistet einen Beitrag zum kulturellen Kanon. Fatiha war Mitbegründerin des real existierenden Magazins „Bint Al Nil“ (nach dem das Buch benannt ist), und Yasminah schrieb ihre Masterarbeit über die Rechte von queeren Menschen im Islam. Nadias Beitrag ist noch unklar, doch durch ihre Tante und ihre Großmutter lernt sie besser zu verstehen, wer sie ist und was es bedeutet, für das Recht zu kämpfen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Eigentlich habe ich es mir wegen der einhergehenden Assoziationen zur Regel gemacht, weibliche Figuren nicht als „schlampig“ zu beschreiben. Aber in diesem Fall dient ihr Chaos erfrischender Weise nicht dazu, sie zu bevormunden oder zu infantilisieren. Stattdessen lernen die Frauen durch Erfahrungen, aber auch durch Fehler und manchmal durch extrem mieses Verhalten, das echte Konsequenzen nach sich zieht, wer sie wirklich sind.
Die ersten beiden Kapitel, in denen die bereits erwähnten körperlichen Vorgänge beschrieben werden, haben mich sofort gefesselt. Im ersten Kapitel gibt Yasminah vor, ihre Periode zu haben, um nicht mit ihrer Familie in die Moschee gehen zu müssen. Auch wenn der Zweck darin besteht, ihre Schwangerschaft abzubrechen, wirkt diese Lüge zugleich wie eine Machtdemonstration. Selbst Fatiha wagt es nicht, gegen diese Regel zu verstoßen. Als Hinduistin wurde mir schon in der Kindheit beigebracht, dass es während der Periode verboten ist, heilige Gegenstände zu berühren oder heilige Stätten zu betreten. Diese Überzeugung kann zu einer tiefsitzenden Abneigung gegenüber dem eigenen Körper führen, auch wenn sich später gewisse Vorteile erkennen lassen, mit einer solchen Schande behaftet zu sein. Selbst wenn dieser Aspekt also nur als kleines Detail des Romans gedacht war, um die Kohärenz zu wahren, hatte er für mich als Leserin eine große Bedeutung.
Zwar sind die Sprünge zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und ihren Zeitebenen anfangs verwirrend und, wie ich fand, auch etwas nervig – weil ich gerade so tief in die Geschichte einer bestimmten Figur eingetaucht war –, aber am Ende fügt sich alles wunderbar zusammen. Das heißt nicht, dass es ein Happy End gibt, sondern eher eines, dass auf humorvolle Weise zeigt, wie allergisch einige Menschen auf Veränderungen reagieren. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Zahra Barri bald ein weiteres Buch schreibt, aber bis dahin empfehle ich „Daughters of the Nile“ von ganzem Herzen.