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Yasemin Altinay steht draußen auf einer Treppe, sie trägt einen schwarzen Mantel, ein lilanes Shirt und eine weiße Hose. Im Hintergrund sind Bäume zu sehen

Literarische Diverse als kleiner Schritt in Richtung Utopie! Ein Interview mit Yasemin Altınay

Yasemin Altınay lebt in Berlin, wo sie auch ihre Ausbildung als Verlagskauffrau gemacht und unter anderem Angewandte Literaturwissenschaften studiert hat. 2019 gründete sie den Literarische Diverse Verlag, mit dem sie das gleichnamige Magazin und mittlerweile auch Bücher herausbringt. Im Gespräch mit poco.lit. bietet sie Einblicke in ihre Arbeit, spricht über ihre Motivation und die Herausforderungen in der Literaturbranche.

Was hat dich motiviert den Verlag Literarische Diverse zu gründen und warum denkst du, dass wir in Deutschland so einen Verlag brauchen?

Meine Motivation beinhaltet wohl mehrere Aspekte, die das Projekt für mich so wichtig machen: einerseits die eigene Betroffenheit von beispielsweise Diskriminierung, Sexismus oder Rassismus, die Ohnmacht und Wut darüber und den Widerstand dagegen. Andererseits die Erkenntnis des eigenen Leseverhaltens, das sich mittlerweile dahingehend verändert hat, dass ich darauf achte, wen ich lese und welchen Verlag ich unterstützen möchte. In Deutschland wird zu wenig Literatur von BIPoC und LGBTIQ* Menschen verlegt und gelesen, auch wenn es den Anschein macht, als würden es mehr werden. Wir sind weit davon entfernt, dass es Normalität ist, marginalisierte Stimmen zu publizieren, sonst würden wir nicht darüber reden müssen.


In der neuen Ausgabe des Magazins zum Thema Liebe gibt es ein Interview mit Şeyda Kurt, die den Gedanken aus der Autor*innenperspektive weiterdenkt: »Gleichzeitig beobachte ich immer wieder, wie Autor*innen wie wir vom weißen, bürgerlichen Mainstream weichgespült und gekapert werden, damit sich dieser dann voller Lob für die eigene vermeintliche Fortschrittlichkeit auf die Schultern klopfen kann. Und dann ist dann ja die Frage, was diese diversere Repräsentation tatsächlich ganz konkret an der Lebensrealität von rassifizierten oder queeren Menschen in diesem Land ändert, etwa an ihren Arbeits-, Wohn- und Lohnverhältnissen. Wir sollten uns also nicht auf diesem mehr Sichtbarkeit ausruhen.«

Literarische Diverse ist also auch nur ein kleiner Schritt in diese utopische Lebensrealität, die ich mir wünsche, bei der ich aber nicht weiß, ob sie so jemals existieren wird. In Deutschland aufzuwachsen bedeutet nämlich auch: mitzukriegen, dass seit 1990 mindestens 213 Menschen von Rechtsextremen ermordet, viele Tausende angegriffen, verletzt oder bedroht wurden und es täglich werden, und dabei viele weiter schweigen. Betroffene haben jedoch nicht das Privileg, sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen: »Widerständige Körper, ohne dass das eine Entscheidung ist«, nennt es Fennet Habte in Ausgabe #3.

Jede*r einzelne Leser*in kann zum Wandel beitragen

Es ist und bleibt ein Herzensprojekt aus einer Notwendigkeit heraus, auf dessen Entwicklung ich sehr gespannt bin. Vor allem unter dem Aspekt, ob sich die Literaturwelt langfristig ändert und ein wirklicher Wandel erreicht wird. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass jede*r einzelne Leser*in mitwirken kann, denn eine Entscheidung für oder gegen ein Buch oder Magazin wird diesen erwünschten Wandel beeinflussen. So ist mein Projekt ja auch erst möglich geworden, und ich bin extrem dankbar dafür. Wir haben es also gemeinsam in der Hand.

Wie kam dein Verlag zu seinem Namen? Was steckt konkret hinter „Diverse“?

Ganz simpel eigentlich: Diverse einmal aus dem Englischen ‚vielfältig‘, aber auch der deutsche Begriff ‚Verse‘, der dahintersteckt. Ich habe lange überlegt, weil es noch andere Optionen gab, aber Literarische Diverse hat mir am besten gefallen. Es spiegelt genau das wider, was ich mit dem Verlag fordere und erreichen möchte.

Literarische Diverse hat bisher einen Lyrikband und drei Zeitschriften rausgebracht. Die vierte Ausgabe der Literarischen Diverse erscheint in Kürze. Die thematischen Schwerpunkte der Zeitschrift reichten von Engagement über Sprache und Widerstand. Nun wird es um Liebe gehen. Wie wählst du die Themen aus? Was reizt dich an ihnen? Und warum sind sie relevant?

Die Themenwahl ist eine Reaktion auf etwas, das gerade passiert ist oder was ich mir wünsche. Engagement als Erinnerung daran, dass wir täglich etwas tun müssen, um gemeinsam in einer solidarischen, offenen Gesellschaft zu leben. Hier denke ich vor allem an die weiße Dominanzgesellschaft, denn Betroffene alleine sollten und könnten dies nicht alleine stemmen. Sorry, dass ich schon wieder zitiere, aber Roxane Gay sagte es so schön beim internationalen Literaturfestival Berlin: »There is nothing about discomfort. We have nothing to do about it and it’s not our job. It’s the others. We just got to be here and be beautiful.«

Sprache war inspiriert von einem Buch, das ich gerade gelesen habe, und einer sich ändernden Sprache in der Öffentlichkeit, hin zu immer radikaleren Aussagen und einem Hass, der sich unmittelbar in Hanau zeigte. Vor allem die Arbeit an #2 hat mich vor einer Ohnmacht gerettet, die ich damals in Kopenhagen während meines Auslandssemesters fühlte. Es tat weh, nicht vor Ort sein zu können, um auf die Straße zu gehen und gemeinsam zu demonstrieren und zu trauern. Widerstand habe ich spontan einen Tag vor Bekanntgabe des Open Calls geändert, als ich die Tumulte am Reichstag sah. Ich bin da also auch sehr flexibel in der Themenwahl. Und nun habe ich mir für die neue Ausgabe ein wärmeres Thema gewünscht. Die Texte handeln von der Liebe zur Mutter, zu Freund*innen bis hin zu Verlust und Trauer, oder aber auch sexualisierte Gewalt. Dazu gibt es Triggerwarnungen im Editorial und erneut vor den Texten, was ich mir übrigens für alle Bücher wünsche.

Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass alle Themen der Zeitschrift irgendwie verbunden sind. Bei poco.lit. beschäftigt uns dieses Jahr, 2021, Sprache auch ganz besonders – die Dimensionen von Macht und Sprache, Sensibilität für sprachliche Diskriminierung, Sprachveränderungen. Letzteres verstehe ich ganz besonders als eine Art Widerstand. Hast du etwas von den Beiträgen, die du in der Zeitschrift veröffentlichst, gelernt? Hat dich irgendein Text besonders bewegt?

Das stimmt. Tatsächlich versuche ich inhaltlich sowie ästhetisch die Magazine zu verbinden. »You are not alone in this« am Ende der ersten Ausgabe, findet sich auf dem Cover der Zweiten wieder. Der letzte Text von #2 endet mit einem Aufruf zum (sprachlichen) Widerstand und die Erinnerung daran, dass unsere bloße Existenz Widerstand ist, welches dann doch noch das Thema der dritten Ausgabe wurde.

Ich habe unter anderem gelernt, dass wir sehr viele Gemeinsamkeiten haben, was zum Beispiel sprachliche Differenzen und unsere Gefühle diesbezüglich betrifft. Und durch den Kontakt mit Autor*innen, Illustrator*innen, aber auch Buchhändler*innen habe ich viele neue Freund*innenschaften und Kontakte geknüpft, die ich sehr wertschätze. Ich lerne täglich von ihnen und freue mich immer wieder, die Magazine in die Hand zu nehmen. (Daher unbedingt: Print!) Allerdings kann ich keinen Lieblingstext benennen, da mich alle auf unterschiedliche Art und Weise berühren. Auch in der neuen Ausgabe gibt es Texte, die mich während der Arbeit zum Weinen gebracht haben, zum Beispiel »Du sagst aber nichts« von Bianca Taufall, der von dem Tod ihres kleinen Bruders handelt. Mein Horizont wird durch das Teilen der Erfahrungen anderer erweitert, und ich hoffe, auf diese Weise werden auch Leser*innen erreicht und berührt.

Positionierung ist wichtig für das Magazin Literarische Diverse

Abgesehen vom Inhaltlichen, auf was für sprachliche Aspekte achtest du bei der Auswahl der Texte für die Zeitschrift?

Das ist schwer zu sagen. Und zum Glück entscheide ich das im Gegensatz zur ersten Ausgabe nicht mehr alleine. Ich erhalte Unterstützung von Sandra Kućmierczyk und Aleksandra Szczodrowski, mit denen ich gemeinsam nach passenden Texten Ausschau halte. Im besten Fall berühren sie uns mit der ersten Zeile und haben eine literarische Stärke, die sich von anderen Einsendungen abhebt. Außerdem achte ich darauf, dass BIPoC und LGBTIQ* vorrangig vertreten sind. Ab Ausgabe #5 wird es eine Frage nach der eigenen Positionierung geben, da Autor*innen oftmals nicht auf dem Schirm haben, dass es für das Magazin einfach wichtig ist. (Die Daten sind natürlich stets vertraulich, werden nicht veröffentlicht und Informationen bleiben komplett bei mir.) Am Ende hat das Magazin jedoch leider nur Platz für etwa 30 Texte. Das heißt auch, dass wir starke Texte aussortieren müssen, einfach, weil der Raum begrenzt ist.

Was mir aber inhaltlich wichtig ist, und jetzt nutze ich dieses Interview mal dafür: Es ist auch eine politische Entscheidung, nicht über die eigene Betroffenheit von beispielsweise Rassismus zu schreiben. Ọlaide Frank hat sich davon gelöst und das in ihrem Lyrikdebüt »Dunkelkalt« schön umgesetzt. Ich möchte also unbedingt, dass die Menschen wissen: Es kann wirklich über alles geschrieben werden, natürlich passend zum Thema.

Es scheint so, als hätte dein Verlag wahnsinnigen Zuspruch – also nicht nur die Open Calls, die helfen, die Zeitschrift mit Inhalten zu füllen, sondern auch der Social Media Auftritt. Wie erreichst du deine Zielgruppe / deine Community?

Das freut mich zu hören! Ich gebe mir Mühe mit dem Social Media Auftritt und bin viel privat im Austausch. Es gibt mir einfach unglaublich viel, Kontakt zu den Menschen zu haben. Außerdem freue ich mich riesig auf die Releaseparty für die neue Ausgabe in Berlin, da ich bisher noch keine Veranstaltung gemacht habe und Leute zum ersten Mal sehen werde, mit denen ich schon ewig in Kontakt stehe. Ansonsten habe ich kaum Budget für Werbung, weswegen ich abhängig von Empfehlungen bin, daher bleibt mir nur: weitermachen und mich über jede neue Person zu freuen, die zum ersten Mal von Literarische Diverse hört.

Was sind die Herausforderungen, denen du in deiner Arbeit begegnest? Was muss sich vielleicht allgemein in der deutschen Literaturbranche ändern?

Ich glaube, die größte Herausforderung ist, dass ich vieles von Zuhause mit begrenzten Kapazitäten erledige. Vor allem spielen da die finanziellen Mittel eine große Rolle, und auch die Faktoren Zeit und Raum. Natürlich wäre es schön, ein Büro zu haben, aber die Mietpreise in Berlin lassen das einfach nicht zu. Das Projekt nimmt außerdem einen sehr großen Teil meines Lebens ein und es wird immer wichtiger, Pausen zu machen und berufliche plus persönliche Grenzen zu ziehen.

Ich wünsche mir für die Literaturbranche die Erkenntnis, dass die Forderungen nach zum Beispiel Sichtbarkeit und einer vielfältigen Literaturbranche kein Spaß und Trend sind. Es geht hierbei ums Gehörtwerden, um eine Machtposition, die von der weißen Dominanzgesellschaft weiter genutzt wird, die jedoch viele Realitäten exkludiert. Der Autor und Rassismusforscher Ozan Zakariya Keskinkılıç äußerte bei seinem Buchrelease von »Muslimaniac«, dass dieses Land einfach nicht auf Vielfalt klarkommt. Das würde ich so unterstreichen. An manchen Tagen frage ich mich, wie die Welt und mein Leben wohl aussehen würde, wenn wir mehr Zeit und Energie für andere Dinge hätten. Literarische Diverse gibt mir aber auch ein Ventil, das alles in Kraft und Kreativität umzusetzen.

Wo und ab wann können Interessierte die nächste Ausgabe der Literarischen Diverse kaufen?

Die nächste Ausgabe erscheint am 25. Oktober und ist über den Onlineshop auf www.literarischediverse.de zu erwerben! Einige Buchhandlungen werde ich zusätzlich beliefern, zum Beispiel die Buchhandlung Jakob in Nürnberg, die Buchhandlung im Schanzenviertel (Literatur & Politik) in Hamburg oder Shesaid, die Buchbox und die Buchkönigin in Berlin. Mehr Infos gibt’s meistens auf Instagram oder auf der Homepage.

Danke für das Interview, liebes Team von poco.lit!