Eine Ode an den Löwenzahn

Über diesen Beitrag: Als ich während der COVID-Beschränkungen in meinem winzigen Hinterhof in Berlin saß, bemerkte ich den Löwenzahn. Das war zu einer Zeit aggressiver anti-Asiatischer Äußerungen. Ich erinnerte mich daran, wie sehr meine Mutter Löwenzahn hasste, und schlug ihn nach – Bingo! Sie sind „invasiv“, können aber fast überall wachsen und sind auch gut für die Umwelt, die Bienen und andere Pflanzenarten! Mir als Migrantin, kam das wie eine Offenbarung vor.

In meiner Kindheit war der Löwenzahn unser Feind.

Als wir kleiner waren, trommelte Mama mich und meine beiden Schwestern zusammen, um Löwenzahndienst zu übernehmen, ein jährliches Sommerritual. Ich hasste es, aber Mama liebte es sehr. Sie liebte es, dieses Stück Rasen zu sehen, eine perfekte Grünfläche, die ihre war.

Jeden Sommer wuchsen ihr auf einmal ein gezacktes Messer, ein Sieb und ein Sonnenhut, um sich in die unendliche Weite zu wagen – zu ihrem anderen Kind, dem Rasen. Ich sehe noch immer wie sie in geduckter Haltung mit ihren Hühnerbeinchen, bedeckt von einem voluminösen Strohhut, hier und da auf dem grünen Gras hockt – eine mehrjährige Pflanze – um den Löwenzahn zu entfernen, der ihr Herrschaftsgebiet, das Gras, befällt. Da ich in einem kleinen Haus auf Stelzen in Malaysia mit 10 Geschwistern aufgewachsen bin, kann ich verstehen, warum sie ihren Rasen pflegt. Der Platz war knapp bemessen, und die Vorstellung von einem makellosen Stück Land, das sauber, ordentlich und gemäht war, kam dem Gewinn einer Trophäe gleich. Bürgerin Nr. 1. Mutter des Landes. Als Immigrant*innen Familie in Kanada wollte Mama Anpassung, in unserem Leben und in ihrem; sich damit abfinden, den Kopf unten behalten und nicht zu sehr herausstechen.

Wir lebten an der Ecke einer Sackgasse. Es war Mamas Traum, nicht nur das Haus, sondern ein Ort mit riesigem Garten. Dank der extra großen Kuchenstückform unseres Grundstücks mit dem Haus an der spitzen Seite, wirkte unser Garten wie ein unendlicher, grüner Ozean. Ein Gärtner, den meine Mutter beauftragt hatte, sagte, wir könnten einen Pool und einen Tennisplatz auf der Fläche anlegen – sehr zu meiner Freude und der meiner Schwestern. Er malte Pläne mit ein paar Bäumen hier und da und mit einem Steingarten. Aber Mama wollte nichts davon. Sie wollte ihr grünes Reich von nichts anderem unterbrochen sehen, als mit einem kleinen Gemüsebeet in der hintersten Ecke. Auch keine Blumen. Sie dachte, die seien unseriös. Jedes Jahr schenkte der Garten uns Tomaten, Salat und Gurken. Viel davon gaben wir an die Nachbarn.

So wurde uns beigebracht, dass Löwenzahn nicht mehr als ein Unkraut ist, das dringend verschwinden muss. Weg aus unserer Sicht. Aber das entspricht natürlich nicht der Art des Löwenzahns. Er ist überall – er guckt durch die Ritzen auf dem Bürgersteig, schwankt wild in den ungepflegten Teilen der Stadt oder steht Parade am Rand der Straße. Er verschwindet nicht.

„Warum kann ich den Löwenzahn nicht einfach lassen?“, fragte ich eines Tages.

„Was würden die Nachbarn denken?“, fragte meine Mutter zurück.

Ja, WWDND?

Dass wir diese wilden, natürlichen Dinger loswerden müssen? Sie rausreißen, sie zertrampeln, sie abmähen oder so klein kriegen, dass sie zumindest nicht direkt sichtbar sind, auch wenn wir wissen, dass sie noch da sind. Verschwinde Löwenzahn!

So ist das einfach mit dem Rasen, wenn du das neue Land der Vorstadt betrittst. Halte den Ort sauber und ordentlich, bitte. Benutze Unkrautvernichter, bewässer‘ ihn zu Tode und mäh‘ den Rasen als gäbe es kein Morgen mehr. WWDND? Dass wir nette, gute Leute sind, die mögen, wenn alles seine Ordnung hat. Jede Kleinigkeit. Seine. Ordnung. Hat.

Löwenzahn findet sich rund um den Globus. Die Welt ist sein zu Hause. Manchmal wurde er als fremd eingestuft. Invasiv, gefährlich und artfremd gegenüber den vorsichtig kurartierten Orten, die als korrekt und akzeptable galten.

Ich bin vor ein paar Jahren in ein anderes Land gezogen und fand eine Wohnung mit einem minikleinen Garten. Kein Rasen, nur wilde Dinge wie Efeu und Löwenzahn mit Pusteblumen Option. Zuerst hallte die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf wieder: Pflanz Gemüse! Nutz den Platz! WWDND? Aber die Efeudecke und ihre wilden Bewohner*innen waren standhaft und jedes Jahr saß ich schuldbewusst auf meiner kleinen Terrasse und starrte sie an:

Was guckst du?

Richtig – eine Nicht-Gärtnerin, eine Unkrautzupferin, eine gescheiterte Vorzeigebürgerin.

*

Ich bin Teil einer Facebook-Gruppe, in der Mitglieder Fotos von ihrem Blick aus dem Fenster teilen. Manche werden zusammen mit bewegenden Geschichten hochgeladen, über den kürzlichen Verlust einer Verwandten durch COVID oder wegen etwas Anderem, oder irgendwer erholet sich gerade von einer Krebserkrankung, oder es ist ein Krankenpfleger, der in einem New Yorker Hotelzimmer übernachtet. Ich schätze diese Geschichten.

Zuerst erschien es mir wie ein wunderbarer Ausflug rund um die Welt (ich vermisse Reisen), doch dann fand ich mich auf der Kippe und neigte in Richtung Irritation und Wut. Als Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt Aufnahmen ihrer Vorder- oder Hinterhöfe mit Pools und riesigen Gärten posteten, fühlte ich mich erschlagen von diesen Anwesen mit ihren Rasenimperien. Rasen überall. Dann kam mir der Gedanke: Rasen ist Kontrolle und Täuschung. Er wird wegen seiner Uniformität verehrt.

Rasen nährt nicht. Er ist ein Potemkinisches Dorf. Eine falsche Fassade, die eine hässliche Realität verbirgt.

Rasen ist im Wesentlichen eine biologische Wüste. Betrachtet man nur die USA, so verbrauchen Rasenflächen mehr als 30 Prozent des öffentlichen Wassers und Rasenmäher verschlucken 200 Millionen Gallonen Gas (laut der US-Umweltschutzbehörde im Jahr 2019). Denkt nur an all die Pestizide! Die EPA sagt, dass etwa 40 – 60 Prozent des Rasendüngers in Oberflächen- und Grundwasser gelangt und diese kontaminiert. Rasen bietet fast keinen Lebensraum für Tiere oder Pflanzen für ein gesundes Ökosystem.

Neulich postete eine Facebook-Freundin ein Foto ihrer „Seed Bombe“ (man mische 1 Tasse Samen mit 5 Tassen Kompost und 2-3 Tassen Lehm und füge dann Wasser hinzu. Die Mischung wird zu Kugeln gerollt und trocknen gelassen). Ihre Wildblumensamen sind bereit, in die Erde zu gelangen, sich auszubreiten und irgendwo zu blühen. Das Konzept, das auf eine alte japanische Praxis zurückgeht, bedeutet, dass die Samen ruhen, bis die richtige Kombination aus Wasser, Temperatur und Standort ihr Wachstum ermöglicht. Offensichtlich neigt jede Pflanze oder Blume, die auf diese Weise gezogen wird, dazu, stärker und widerstandsfähiger zu sein.

Die Samenbomben erinnern mich an den Löwenzahn, der zur Pusteblume wird.

Dieses Jahr habe ich in meinem Unterschlupf inklusive Unkrautgarten an Ort und Stelle die Welt an mir vorüberziehen sehen. Ich habe Nachrichten gelesen. Ich habe den Stoß der Berichte über COVID-Rassismus gespürt und immer wieder neudurchlebt. Menschen spuckten, schlugen, schubsten, schrien und sagten, „geht nach Hause“, d.h. zurück nach Asien.

Ich bleibe standhaft mit meinen Löwenzähnen.

Taraxacum officinale wächst in allen Ländern. Grenzenlos. Eine Blume, ein Kraut, essbar. Seine Wurzeln sind medizinisch verwendbar.

Wusstest du, dass seine lange Pfahlwurzel Nährstoffe aufnimmt, Mineralien und Stickstoff in den Boden bringt und damit anderen Pflanzen hilft, die nicht so tiefe Wurzeln haben?

Dieser so genannte hässliche Eindringling bereichert seine Umgebung.

Was sehe ich jetzt? Ich sehe diese weißen Pusteblumenköpfchen, die in die blaue Weite schweben, Samen, die sich ausbreiten. Wünsch‘ dir was!

Geht, flüstere ich, und vermehrt euch.

WWDND?

Wachse in den kein-Löwenzahn-erlaubt Gegenden.

Wachse dort, wo du vernichtet werden sollst.

Wachse dort, wo sie dich nicht wollen.

Wachse besonders dort, wo gepflegte und ordentliche Rasenflächen sind.

Erhebe dich, verwandle dich, sende Samen aus.

Keime.

Lebe auf.

Übersetzt von Anna von Rath.

Dieser Beitrag gehört zu unserer Green Library Reihe, die vom Berliner Senat gefördert wird.