Diebstahl

Diebstahl

Ich war neugierig, Abdulrazak Gurnahs neuesten Roman zu lesen – seine erste Veröffentlichung nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur im Jahr 2021. In Diebstahl (übersetzt von Eva Bonné) geht es um Karim, Fauzia und Badar, die zwischen Sansibar und Dar es Salaam aufwachsen, sich anfreunden und verlieben. Die dreier Konstellation lässt vielleicht erahnen, dass es kompliziert wird, aber Gurnah macht kein großes, aufregendes Drama daraus. Der Höhepunkt kommt relativ gegen Ende des Buches und bis dahin nimmt Gurnah sich wie in seinen früheren Romanen viel Zeit für die Geschichte und liefert langsam und unbeirrt ausführliche Details zum Hintergrund der einzelnen Figuren.

Das Thema Elternschaft zieht sich durch den Roman, insbesondere wie sehr sich einige Eltern aus der Verantwortung ziehen, was ein Kind zu bekommen mit Liebesbeziehungen macht und wie viel Last auf Müttern liegt. Karim wird als Kind von seiner Mutter auf Sansibar zurückgelassen, aber als sie einen reichen Apotheker in Dar es Salaam heiratet, nehmen sie wieder Kontakt zueinander auf. Karim fokussiert sich auf die Schule, erarbeitet sich ein Stipendium an der Universität und wächst zu einem erfolgreichen, ambitionierten Mann heran, der sich nimmt, was er möchte. Er wird selbst kein Kümmerer. Badar lernt seine Eltern nie kennen und lebt bis zu seiner Jugend bei Verwandten in einem Dorf. Dann nimmt sein Onkel ihn von der Schule und er wird der Hausangestellte von Karims Mutter. Karim hat Mitgefühl mit ihm und setzt sich zunächst für ihn ein, so dass Badar mit ihm nach Sansibar zieht und beginnt in einem Hotel zu arbeiten. Dort lernen sie Fauzia kennen. Sie ist ein ernstes Einzelkind und lebt wie ihre Eltern in ständiger Sorge wegen ihrer Epilepsie. Sie lernt gerne und erfüllt sich ihren Traum, Lehrerin zu werden. Dann heiratet sie Karim, aber als sie ein Kind bekommen, wird ihre Beziehung toxisch – und mehr verrate ich an dieser Stelle nicht.

Thematisch fand ich Theft etwas weniger mitreißend als Gurnahs vorherigen Roman Nachleben (Afterlives), in dem es u.a. um den deutschen Kolonialismus ging. Die Perspektiven auf Elternschaft und Familie wirkten etwas altbacken auf mich – vielleicht weil das Buch in den 1990er und 2000er Jahren spielt. Die Stärke des Romans liegt eindeutig in der liebevollen Ausgestaltung der Figuren und der unbeirrten Ruhe, mit der das Buch sich Zeit für sie nimmt.

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