Der brennende Garten

Buchcover der brennende Garten V.V. Ganeshananthan

Der brennende Garten

Kurz nachdem ich begonnen hatte, Der brennende Garten von V.V. Ganeshananthan (übersetzt von Sophie Zeitz) zu lesen, fragte ich mich, warum ich schon wieder ein Buch über einen Krieg las – diesmal über die Anfangsjahre des Bürgerkriegs in Sri Lanka (1983-1989). Tatsächlich lag es einerseits daran, dass der Tropen Verlag mir ein kostenfreies Rezensionsexemplar geschickt hatte, aber andererseits ist es so, dass derartige Geschichten, auch wenn sie hart sind, Lesenden tiefere Einblicke in menschliche Erfahrungen und die Komplexität von Konflikten vermitteln. Romane, die emotionale und ethische Perspektiven auf Kriege bieten, sind auf eine ganz andere Weise berührend als historische Daten und Fakten über dieselben Ereignisse. Der brennende Garten ist ein Page-Turner, bei dem ich viel geweint habe.

Die sympathische und starke Hauptfigur des Buches ist Sashi, eine Tamilin aus Jaffna, die unbedingt Ärztin werden möchte. Zu Beginn der Geschichte lebt sie mit ihren vier Brüdern, ihren Eltern und einem Hund in einem schönen Haus, bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für die Universität vor und ist heimlich ein bisschen in ihren Nachbarn K verliebt. Aber als 1983 im Norden Sri Lankas einige singhalesische Soldaten ermordet werden, kommt es zu landesweiten Pogromen gegen die tamilische Minderheit. Daraufhin erhalten tamilische Milizen großen Zulauf und die LTTE oder Tamil Tigers setzen sich als stärkste Gruppe durch. Sie fordern einen unabhängigen Tamilenstaat und setzen sich mit aller Gewalt dafür ein – sie dulden auch keine Kritik aus den eigenen Reihen. Sashis Familie wird von den Ereignissen hart getroffen und die einzelnen Mitglieder gehen unterschiedlich damit um. In diesen gefährlichen Zeiten beginnt Sashi ihr Studium, während zwei ihrer Brüder ihre Ausbildungspläne hinter sich lassen und sich stattdessen den Tigers anschließen, was zu Konflikten innerhalb der Familie führt.

Sashi ist eine beeindruckende Figur, die konsequent versucht, sich eine eigene Meinung zu bilden und ethisch vertretbare Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Inspiriert wird sie von anderen starken Frauen, insbesondere von der Mütterfront und ihrer Anatomieprofessorin Anjali. Sie wird von dem Wunsch angetrieben, als angehende Ärztin Gutes zu tun und Menschen zu heilen sowie ihre Familie und ihre Liebsten zu unterstützen oder gar zu schützen. An ihr zeigt Ganeshananthans Roman, dass in Kriegszeiten Richtig und Falsch selten eindeutig sind – ist es beispielsweise richtig oder falsch, nach einem Bombenangriff den eigenen Bruder zu verarzten, wenn dieser verantwortlich für den Tod vieler Menschen ist? Sashi hinterfragt sich und ihre Rolle, sie macht sich Vorwürfe und entwickelt sich weiter. Der brennende Garten ist ein unvergesslicher, intimer Bericht über das Auseinanderbrechen eines Landes und einer Familie. 

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