Das Mohnrote Meer
Opium, Intrigen, Skandale: In Amitav Ghoshs Das Mohnrote Meer (übersetzt von Barbara Heller und Rudolf Hermstein) wird ein draufgängerisches Abenteuer, das auf akribischer historischer Recherche basiert, zu einem fesselnden Leseerlebnis, das sowohl lehrreich als auch unterhaltsam ist. Der Roman ist der erste Teil von Ghoshs „Ibis-Trilogie“, die sich unter Leser*innen und Kritiker*innen großer Beliebtheit erfreut, und ich kann Das Mohnrote Meer auch nur wärmstens empfehlen.
Der Roman spielt in der Zeit vor den Opiumkriegen, als Großbritannien gegen China in den Krieg zog, um weiterhin illegal Opium ins Land importieren zu können, und vermittelt ein facettenreiches historisches Bild von Indien, insbesondere von den Mohnanbaugebieten in Bihar und von Kalkutta, dem Verwaltungszentrum der Briten während ihrer Kolonialherrschaft im frühen 19. Jahrhundert. Der Roman folgt verschiedenen Figuren, deren Geschichten zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: Da ist Deeti, die im Mohnanbau arbeiten muss und deren Ehemann suchtkrank ist; Neel, ein hochgebildeter und privilegierter Zamindar, der nach einem Konflikt mit einem britischen Händler einen sozialen Abstieg erlebt; Paulette, eine Waise und leidenschaftliche Botanikerin; sowie Zachary Reid, ein aufstrebender US-Amerikaner; und viele andere mehr. Die literarische Kunstfertigkeit des Romans zeigt sich besonders deutlich in der gekonnten Verflechtung dieser Erzählstränge.
Beim Lesen wird deutlich, welch umfangreiche und tiefgreifende Recherche in den Roman (und die gesamte Trilogie) geflossen ist – noch klarer zeigt sie sich in Ghoshs Sachbuch Rauch und Asche (übersetzt von Heide Lutosch), das ich ebenfalls wärmstens empfehlen kann. Darüber hinaus sind die Romanfiguren sorgfältig ausgearbeitet, ihre Beweggründe komplex, mal sind sie sympathisch, mal nicht, immer plausibel und überraschenderweise oft auch ein wenig lustig. Es ist ein umfangreiches Buch, und die verschiedenen Stimmen, Perspektiven und Sprachen, in die es einen hineinversetzt, mögen zunächst etwas verwirren. Aber sobald sich Lesende auf Das Mohnrote Meer einlassen, wird die Geschichte sie sicher schnell mitreißen und die Lektüre ein Genuss.