Eine Vergangenheit, zwei Zukunftsvisionen: Großbritanniens konfliktreicher Weg zur Entkolonialisierung
Wenn Denkmäler fallen
Am 7. Juni 2020 stürzten Demonstrierende der Black Lives Matter Bewegung die Statue von Edward Colston in Bristol und warfen sie in den Fluss Avon – eine symbolträchtige Aktion, die für eine umfassendere Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe steht. Sie warf drängende Fragen darüber auf, wer im öffentlichen Raum geehrt wird und welche Werte solche Gedenkstätten repräsentieren.
In Großbritannien sind Statuen von Persönlichkeiten wie Colston und Cecil Rhodes zum Mittelpunkt anhaltender Diskussionen über Erinnerung, Gerechtigkeit und Identität geworden. Diese Denkmäler dienen nicht nur der Bewahrung der Geschichte – sie prägen sie auch. Als Symbole dafür, was Gesellschaften feiern und ignorieren, verstärken sie dominante Narrative und bringen andere zum Schweigen.
Dieser Beitrag untersucht, wie die öffentlichen Reaktionen auf die Statuen von Edward Colston in Bristol und Cecil Rhodes in Oxford Spannungen innerhalb des kollektiven Gedächtnisses Großbritanniens offenbaren. Sie hebt hervor, wie diese umstrittenen Denkmäler sowohl das Fortbestehen kolonialer Denkweisen als auch das Potenzial für Veränderungen widerspiegeln. Letztendlich zeigt der Vergleich dieser beiden Fälle, dass eine reale Neubewertung kolonialer Symbole vom Zusammenspiel zwischen öffentlichem Druck und institutioneller Bereitschaft abhängt.
Erinnerung ist ins Stadtbild eingemeißelt
Jan Assmann, bekannt für seine Forschung zum kulturellen Gedächtnis, erklärt, dass das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft durch öffentliche Symbole und Räume sozial geprägt wird. Diese dienen als Bezugspunkte und halten die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufrecht. Da das kollektive Gedächtnis zeitgenössische Werte widerspiegelt, impliziert dies, dass eine Gesellschaft solches als wichtig und erinnerungswürdig betrachtet, was sie öffentlich kommemoriert. Wie der Soziolinguist Maurice Halbwachs vor fast einem Jahrhundert hervorhob, werden bei der Auswahl dessen, was in Erinnerung bleiben soll, bestimmte Aspekte der Vergangenheit ausgelassen oder neu interpretiert und damit verzerrt, um den Zusammenhalt von Identitäten und die narrative Konsistenz zu fördern.
Statuen sind physische Darstellungen des kollektiven Gedächtnisses. Da sie einer Neuinterpretation unterliegen, sind sie keine neutralen Überreste der Vergangenheit, sondern offene Erinnerungsorte. In einem postkolonialen Umfeld fungieren sie als symbolische Schlachtfelder, auf denen Ideale der Gerechtigkeit mit tief verwurzeltem imperialem Stolz kollidieren. Ihre Präsenz oder Entfernung spiegelt die laufenden Verhandlungen über nationale Identität und historische Verantwortung wider. Daher deuten solche Streitpunkte eher auf widersprüchliche Vorstellungen der Zukunft hin als auf bloße Meinungsverschiedenheiten über die Vergangenheit.
Edward Colston: Der Fall eines „Philanthropen“
Edward Colston war ein Kaufmann und stellvertretender Gouverneur der Royal African Company im 17. Jahrhundert. Er spielte eine zentrale Rolle im transatlantischen Versklavungshandel und häufte sein Vermögen durch diesen an. Dennoch ist er in Bristol für seine philanthropischen Spenden an Schulen, Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen in Erinnerung geblieben und wird mit Straßennamen, Gedenkvereinen und Statuen geehrt. Am auffälligsten war eine Bronzestatue, die 1895 im Stadtzentrum von Bristol errichtet wurde und ihn als „one of the most virtuous and wise sons of their city“ feierte. Colston wurde zum Symbol des Bürgerstolzes und zum „Father to the Poor“ erklärt, wodurch sein Ruf bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unbeschadet blieb.
Ab den 1990er Jahren wurde diese Darstellung jedoch zunehmend in Frage gestellt, da das öffentliche Bewusstsein für Colstons Beteiligung am transatlantischen Menschenhandel wuchs. Nach dem Mord an George Floyd im Jahr 2020 entfachte die Black Lives Matter Bewegung diese Debatte erneut. Am 7. Juni wurde Colstons Statue von Demonstrierenden umgestürzt, mit Graffiti besprüht und in den Fluss Avon geworfen. Um das Blut der Opfer darzustellen, von denen er profitierte, bemalten Aktivist*innen die Hände und das Gesicht der Statue rot, wie The Guardian berichtete. Einige knieten sich auf den Hals der umgestürzten Statue, als symbolischen Verweis auf Floyds Tod.
Dieser Protestakt war sowohl kraftvoll als auch polarisierend. Befürwort*innen sahen darin eine notwendige Demontage der kolonialen Autorität über das öffentliche Gedächtnis und betrachteten die Statue als Symbol für Gewalt und Unterdrückung. Die BBC berichtete, dass Zeug*innen dies als einen „empowering moment“ beschrieben, der dazu führte, dass sie sich endlich „validated“ fühlten und ihre Identität „reclaimed“ haben. Im Jahr 2015 wurde die Kampagne „Countering Colston“ ins Leben gerufen, die unter anderem Institutionen wie die Colston Hall oder die Colston Girls‘ School dazu veranlasste, ihren Namen zu ändern und sich vom Namen
Colston zu distanzieren. Kritiker*innen, die Colston als Wohltäter sahen, verurteilten die Aktion als Vandalismus. Die Reaktion der Institutionen erfolgte jedoch schnell: Das Denkmal wurde geborgen und später in einem Museum ausgestellt, wo es mit von Aktivist*innen angefertigten Bannern in einem neuen Kontext präsentiert wurde. Mit der Gründung der „We are Bristol History Commission“ fördert der Stadtrat von Bristol den Dialog über historische Verantwortung und Rassengerechtigkeit. Er zielt darauf, einen repräsentativeren öffentlichen Raum zu schaffen, Entscheidungen über umstrittenes Kulturerbe transparent zu machen und sich mit der Beteiligung Bristols am transatlantischen Versklavungshandel und dessen Einfluss auf aktuelle Probleme zu befassen, wie es im Bericht der Kommission heißt. In diesem Fall hat die öffentliche Empörung erfolgreich die Bereitschaft und das Handeln der Institutionen vorangetrieben, sich mit dem kolonialen Erbe der Stadt auseinanderzusetzen.
Oxford zögert – Rhodes bleibt
Der Bergbau-Magnat und britische Imperialist Cecil Rhodes ist nach wie vor eine der umstrittensten Figuren der britischen Kolonialgeschichte. Er war maßgeblich an der Ausweitung der britischen Herrschaft in Südafrika und damit an der Ausbeutung von Arbeitskräften und Land beteiligt. Seine Handlungen waren geprägt von der Segregation und Marginalisierung der afrikanischen Bevölkerung, die er als „children […] just emerging from Barbarism“ bezeichnete, wie sein Biograf Frederick Henry Verschoyle berichtet. Laut Alexander Massie gründete er gleichzeitig das Rhodes-Stipendium und spendete der Universität Oxford beträchtliche Summen. Die Architektur und die Identität des Oriel College tragen noch immer seinen Namen und sein Bild an der Spitze eines ihrer Gebäude, wie auf ihrer Website zu lesen ist.
Im Jahr 2015 entstand in Südafrika die Bewegung „Rhodes Must Fall“, die die Entfernung einer Rhodes-Statue an der Universität Kapstadt verlangte. Sie gewann schnell an Popularität im Vereinigten Königreich, insbesondere in Oxford und am Oriel College. Wie die BBC berichtete, kritisierten die Aktivist*innen in Oxford Rhodes als Symbol für rassistische Unterdrückung und imperiale Gewalt und argumentierten, dass seine öffentliche Ehrung die Stimmen Schwarzer Studierenden unterdrücke, imperialistische Ideen perpetuiere und damit die koloniale Vergangenheit Großbritanniens legitimiere. Es folgten Demonstrationen, Petitionen und öffentliche Debatten, in denen eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte gefordert wurde. Laut einem Bericht der Kommission des Oriel College erkannte diese zunächst die Kontroverse an und sprach sich für die Entfernung der Statue aus, entschied sich aber letztendlich aus historischen und finanziellen Gründen dafür, sie an ihrem Platz zu belassen. Dies spiegelt die Zurückhaltung der Institution wider, die eher auf der Angst vor einer Auslöschung der Geschichte als auf dem Willen beruht, sich mit dem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen und strukturelle Veränderungen anzustreben.
Ein Erbe, zwei Wege
Der Vergleich dieser beiden Fälle zeigt, dass Großbritannien keine einheitliche Antwort auf seine koloniale Vergangenheit hat. Obwohl beide Statuen heftiger Kritik ausgesetzt waren, unterschied sich die Bereitschaft der Institutionen, tatsächliche Veränderungen vorzunehmen, erheblich: Der Sturz von Colston, der durch Massenmobilisierung ausgelöst wurde, führte zu sofortigen und konkreten institutionellen Maßnahmen. Die Statue wurde entfernt, neu kontextualisiert und in einem Museum ausgestellt. Im Gegensatz dazu zeigt der Fall Rhodes, wie institutionelle Trägheit und fest verankerte Privilegien solche Veränderungen verhindern können. Das Zögern von Oxford deutet auf eine anhaltende Auseinandersetzung zwischen symbolischen Gesten und tatsächlicher Transformation hin.
Dieser Kontrast verdeutlicht, dass es vielfältige Wege, Grade und Abstufungen gibt, um die Erinnerungskultur und das kollektive Gedächtnis zu verändern. Erinnerungspolitik wird dabei von institutionellen Interessen, lokaler Geschichte und öffentlichen Druck geprägt. Während einige Institutionen beginnen, ihre kolonialen Verbindungen anzuerkennen, zögern andere weiterhin aus Sorge um Reputationsschäden oder mögliche öffentliche Unruhen.
Die Fälle veranschaulichen die Komplexität der Dekolonialisierung britischer öffentlicher Räume sowie des institutionellen Gedächtnisses. Sie machen deutlich, wie unterschiedlich ausgeprägt die gesellschaftliche Bereitschaft ist, sich mit dem kollektiven Gedächtnis auseinanderzusetzen und es zu verändern. Eine echte Neubewertung kolonialer Symbole kann nur unter der Voraussetzung gemeinsamer öffentlicher Druckausübung in Verbindung mit institutioneller Bereitschaft möglich werden.
Was wir erinnern, formt, wer wir werden
Großbritannien steht an einem Scheideweg zwischen der Bewahrung imperialer Nostalgie und dem Aufbau eines inklusiveren öffentlichen Gedächtnisses. Statuen wie jene von Colston und Rhodes sind zu Brennpunkten kultureller Konflikte geworden, an denen nationaler Stolz und Identität mit Forderungen nach Gerechtigkeit und Gleichheit kollidieren. Der ungleiche, umstrittene und kontinuierliche Charakter des Wandels spiegelt die zugrunde liegenden Konflikte in der britischen Auseinandersetzung mit seiner imperialen Vergangenheit wider. Die Statuen zeigen, dass Erinnerung ein Ort des Kampfes ist, der Neuinterpretationen und Transformationen unterworfen ist und somit keine statische Größe darstellt. Daher geht es in der Debatte nicht allein um die Vergangenheit oder um die Auslöschung historischer Narrative, sondern vielmehr um die Auswahl dessen, was als erinnerungswürdig gilt: welche Ereignisse, Leistungen und Personen eine Gesellschaft ehrt. Diese Entscheidungen prägen das kollektive Gedächtnis und bestimmen die Werte, die in die Zukunft getragen werden.
Literatur:
Assmann, J. (2005). Das kollektive Gedächtnis zwischen Körper und Schrift. Zur Gedächtnistheorie von Maurice Halbwachs. In Erinnerung und Gesellschaft. Mémoire et Société. Hommage à Maurice Halbwachs. Jahrbuch für Soziologiegeschichte, 65–83. https://doi.org/10.11588/propylaeumdok.00002338
Cole, T. & Burch-Brown, J. et al. (2022). The Colston Statue: What Next? ‘We are Bristol’ History Commission Full Report. Bristol. https://bridginghistories.com/resources/History-Commission–Full–Report–Final.pdf
Halbwachs, M. (1925). Les cadres sociaux de la mémoire. Classiques des Sciences Sociales. Félix Alcan. https://doi.org/10.1522/cla.ham.cad.
Massie, S. M. (2016). The Imperialism of Cecil John Rhodes: Metropolitan Perceptions of a Colonial Reputation. Oxford Brookes University. https://radar.brookes.ac.uk/radar/file/7906c353–817c–43b6–ac15–a2d21c8ca8e4/1/fulltext.pdf
Morgan, K. (1999). Edward Colston and Bristol. The Bristol Branch of the Historical Association. https://bristolha.wordpress.com/wp–content/uploads/2020/01/bha096.pdf Verschoyle, F. (1894) Introduction to the Second Reading of the Glen Grey Act. Cecil Rhodes, His Political Life and Speeches, 379-383. Chapman and Hall.