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Das Uhrenstellinstitut

Ich begann mit Wörtern wie »Veränderung«, »Koordination«, »Arbeitseinteilung«, »Mentalitätswandel«, »höhere Logik« und »wissenschaftliche Herangehensweise« um mich zu werfen, […] stellte zwischen Orient und Okzident die maßlosesten Vergleiche an und fällte Urteile, über deren Bestimmtheit ich selber erschrak.

Hayri İrdal in Das Uhrenstellinstitut, S. 20

Hayri İrdal aus ärmlichen Verhältnissen ist in den letzten Jahren des Osmanischen Reichs Lehrling des nachträglich als „Zeitphilosoph“ gerühmten Uhrmachers Nuri Efendi. Infolge einer Kette von Zufällen gerät der verelendete Mann Jahre später in die Fänge des Unternehmers und Schwindlers Halit Ayarcı, der ihm Wohlstand, Ansehen und Sinn als stellvertretender Direktor einer bedeutsamen Einrichtung verspricht. Halit vermag es nämlich, ausgehend von den Weisheiten des Lehrmeisters Nuri Efendi über Uhren und die Zeit, die Hayri bei ihrer ersten Begegnung zum Besten gibt, ein modernes Uhrenstellinstitut zu konzeptualisieren, das „ein Bewusstsein für die Zeit vermitteln und dazu eine Menge neuer Begriffe und Gedanken in die Welt setzen“ soll. Das Institut, das für den landesweiten Gleichlauf aller Uhren und damit für Produktivität und Fortschritt sorgen soll, wird zu einer stetig wachsenden, international beachteten offiziellen Einrichtung – bis es aufgrund seiner offensichtlichen Überflüssigkeit schließlich aufgelöst wird.

Der Roman des Schriftstellers und Literaturhistorikers Ahmet Hamdi Tanpınar (1901-1962) gilt als eines der bedeutendsten Werke der modernen türkischen Literatur und bietet einen satirischen Blick auf Modernisierungsprozesse im Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei.

Dabei wirft er auf humorvolle Art Fragen nach der Bedeutung von Sprache, Konzepten und Ideen in diesen sozialen Transformationsprozessen auf. Etwa, wenn beschrieben wird, wie der in Wien ausgebildete Psychoanalytiker und Halits Freund, Doktor Ramiz, Hayri als geeignetes Forschungsobjekt betrachtet. Das Überstülpen psychoanalytischer Theorien auf Hayris Leben und Träume zieht Tanpınar ebenso ins Lächerliche wie den entfremdeten Blick der Figuren auf die eigene Vergangenheit: Als Hayri beiläufig die traditionellen Traumdeutungsbücher erwähnt, mit denen er aufgewachsen ist, macht sich der faszinierte Psychoanalytiker augenblicklich daran, für einen internationalen Kongress einen Bericht darüber zu verfassen. Der Blick ist also von Exotisierung und (Selbst-)Orientalisierung geprägt und mündet in eine groteske Verzerrung von Nuri Efendis Lehren, die überall als Slogans des Instituts dargeboten werden. Als Verfechter eines modernen Zeitverständnisses stilisierte fiktive Figuren der osmanischen Geschichte werden als vermeintlich wissenschaftliche Publikationen aufbereitet und von europäischen Orientalisten rezipiert, deren Suche nach authentischem Wissen über den „Orientalen“ Tanpınar ebenfalls verspottet.

Der von Ironie durchzogene und unglaublich witzige Roman bietet neben einer subtilen kritischen Auseinandersetzung mit Aspekten der Moderne wie konkurrierenden Zeitkonzepten – linear und starr, repräsentiert vom Uhrenstellinstitut, bzw. zyklisch und mit der Natur im Einklang, repräsentiert von Nuri Efendi – auch einen eindrücklichen Einblick in Hayris Innenleben, der als Ich-Erzähler durch die Niederschrift seiner Erinnerungen ein Stück Autonomie zurückgewinnt. Schwierig zu überblicken ist die ausufernde, allerdings ebenfalls humorvolle und nicht unbedeutende Beschreibung der komplexen Familien- und Bekanntschaftsbeziehungen. Hayris Entwicklung und der von Absurditäten durchsetzte Ausbau des Instituts entpuppen sich dann auch als deren logische Fortschreibung. Lohnend ist die Lektüre auch, weil sie zeigt, dass Fiktion, auch solche, die in den Kanon einging, oft ein Ort ist, an dem Fragen nach der Macht von Sprache, Ideen und Repräsentation viel früher aufgeworfen werden als in wissenschaftlichen Debatten.

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