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So kannst du ohne viel Aufwand sensibler übersetzen.

macht.sprache.: Eine Diskussion mit Mirjam Nuenning und Dr. Michaela Dudley (Teil 2)

Am 19. Mai 2021 durften wir von Dr. Michaela Dudley und Mirjam Nuenning hören, was sie über das Übersetzen von politisch sensiblen Begriffen denken. Das Video der Veranstaltung gibt es hier.

Dies ist der zweite Teil der Verschriftlichung der Veranstaltung.

Mirjam Nuenning ist freiberufliche Übersetzerin für englischsprachige afrodiasporische Literatur, sowie Gründerin des afrodiasporischen Kindergartens Sankofa in Berlin. Nach einem längeren Aufenthalt in Washington D.C., wo sie erfolgreich ein Studium an der renommierten Howard University absolvierte, lebt und arbeitet sie inzwischen in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ und „Synchronicity“ von Sharon Dodua Otoo (zuletzt im Fischer Verlag erschienen, 2017), sowie „Kindred-Verbunden“ von Octavia Butler (w_orten und meer, 2016).

Dr. Michaela Dudley ist eine Berliner trans*Frau mit afro-amerikanischen Wurzeln, sie ist mehrsprachige Kolumnistin, Kabarettistin, Keynote Speakerin und Juristin. Wenn sie strukturelle Probleme wie Rassismus, Mysogynie, Homo- und Transphobie thematisiert, liegt ihr Fokus auf Sprache und Vielfalt.

Aufgrund der Thematik tauchen in diesem Text einige sensible Begriffe auf.

Lucy von poco.lit. (LG): Michaela, ich habe dich sehr wortgewandt über die Wichtigkeit von Intersektionalität sprechen hören, und dass diese ein wesentlicher Teil deiner Sicht auf die Welt und deines Aktivismus ist. Könntest du uns vielleicht erzählen, was ein intersektionaler Ansatz für politisch sensibles Übersetzen deiner Meinung nach berücksichtigen muss?

Michaela Dudley (MD): Intersektionalität lässt mich so viele Dinge verstehen. Ich bin nicht intersektional denkend auf die Welt gekommen – in der Hinsicht ist diese Denkweise wie mein Coming-out. Es war ein Bewusstseinswandel, der sich in Folge vieler verschiedener Ereignisse in unterschiedlichen Phasen meines Lebens vollzog. An dieser Stelle lohnt sich eine historische Perspektive: Ich wurde 1961 geboren, im selben Jahr, in dem hier in Berlin die Mauer gebaut wurde. Zwar liegt mein Geburtsort in den USA, aber es scheint, dass ich in den sechs Jahrzehnten meines Lebens stets versucht habe, Mauern zu durchbrechen – manchmal mit dem Kopf zu erst. So etwas geht nur mit Ehrgeiz (und manchmal brauche ich Aspirin). Einige der Barrieren, die ich durchbrach, waren sprachliche. Ich fing sehr früh an, Deutsch zu lernen, weil mein Vater – als Kind in den Staaten, Jahrgang 1917 – als er eingeschult wurde, Deutsch als erste Fremdsprache gelernt hatte.

Ich verbrachte einen Teil meiner Jugend in Deutschland; verschiedene Familienmitglieder leisteten ihren Militärdienst in Deutschland. Ich hörte in den USA deutsches Radio, ebenso wie die BBC. Mein Kontakt mit der deutschen Sprache begann also ziemlich früh.

Ich wurde 1961 geboren und auf meiner Geburtsurkunde steht der Name, der mir bei der Geburt zugewiesen wurde, inklusive der Bezeichnung römisch-katholisch, und danach steht da: N***o. Der Begriff N***o hat damals niemanden gestört. Es handelte sich um ein normales Wort, mit dem Schwarze Menschen sich auch selbst bezeichneten. Der Begriff war nicht beleidigend. Im Gegenteil, verschiedene Organisationen, Institutionen und Vereine benutzten ihn sogar für ihre Namen: z.B. N***o-Baseball-Liga oder N***o-Spirituals. Der Begriff war angemessen, um sich auf Schwarze Menschen zu beziehen – und er steht immer noch auf meiner Geburtsurkunde.

Dann passierte der Aktivismus der 1960er und 1970er Jahre, den ich miterlebte, und der Begriff „Schwarz“ entstand. In den 1950er Jahren, also kurz bevor ich auf die Welt kam, galt es als überhaupt nicht fein, Menschen als Schwarze zu bezeichnen. „Sie sind coloured“ war eher angebracht – weil sie nicht weiß sind. N***o war wie gesagt ebenfalls eine akzeptable Bezeichnung. Ironischerweise basiert das deutsche N-Wort mit 5 Buchstaben eigentlich auf dem englischen N***o. Wenn Deutsche – aus welchem Grund auch immer – eine Schwarze Person beleidigen wollten, würden sie das englische N-Wort mit 6 Buchstaben verwenden – was definitiv eine Beleidigung ist, wenn es von einer weißen Person kommt. Es ist eine Beleidigung, es sei denn, du bist ein multimillionenschwerer Schwarzer Rap-Musiker, der das Recht hat, diesen Begriff in jeder Zeile zu verwenden.

Das deutsche 5-Buchstaben-Wort für N***o war durchaus akzeptabel. Leute benutzten dieses Wort in den 1990er und 2000er Jahren routinemäßig. Wie wir wissen, kommt es auch in den 2020er Jahren wieder ins Spiel. Aber es wird inzwischen sehr scharf kritisiert. Wer heute in den USA N***o sagt, wird komisch angeguckt. Die Menschen verstehen, was die intendierte Aussage hinter N***o ist, aber der Begriff verletzt ihre Seele nicht so wie das N-Wort mit 6 Buchstaben.

In Deutschland wird Rücksicht auf politisch sensible Sprache genommen, etwa wenn Leute sagen: „Lasst uns das N-Wort mit 5 Buchstaben nicht mehr benutzen.“ Es gibt eine Bewegung in diese Richtung, aber wo es eine Bewegung gibt, gibt es auch eine Gegenbewegung. Diejenigen auf der rechten Seite, die wirklich rassistisch sind, genießen es, dieses N-Wort zu benutzen, weil sie im Wesentlichen das N-Wort mit 6 Buchstaben kommunizieren können – denn jetzt ist das N-Wort mit 5 Buchstaben im Deutschen tabu.

Ich schreibe gerade einen englischsprachigen Roman über Südafrika, und natürlich waren Begriffe wie coloured in Südafrika sehr etabliert, um sie von Schwarzen Menschen zu unterscheiden. Coloured galt als etwas besser als die aller niedrigste Stufe. Dann ist da noch das Thema Afrikaans, die Sprache der weißen holländischen Siedler:innen. Das Afrikaans-Äquivalent für das N-Wort ist das K-Wort. Dieses Wort kommt in meinem Roman vor. Es ist ein historischer Roman; er hat einen historischen Kontext, aber auch einen zeitgenössischen. Ich habe mich kurz gefragt, ob ich das Wort verwenden darf. Ich bin die Autorin, es ist meine Geschichte, ich kann sagen, was immer ich will. Habe ich als Schwarze Person das Recht, dieses Wort zu benutzen? Sollte ich mich noch mehr damit beschäftigen, was dieser Begriff in Lesenden auslösen kann? Oder sollte ich sagen: „Es ist ein Wort, das existiert, es kommt aus dem Mund einer erkennbar rassistischen Person – und ich erzähle von einer Situation, die so hätte passieren können.“

In Deutschland schreibe ich für mehrere Zeitungen. Ich weiß, dass meine weißen Brüder und Schwestern sehr vorsichtig sind. Es gab eine Situation, in der ich das N-Wort mit 6 Buchstaben in einem Artikel über Rassismus verwenden wollte. Der Begriff war ‚Haus-N-Wort‘, um Leute anzugreifen, die Onkel Toms sind. Sie sagten, ich könne das nicht verwenden; ich sagte: „Ich bin Schwarz. Ich versuche hier Rassismus zu kritisieren. Ich versuche, das Wort zurückzufordern und es umzudrehen.“ Und sie sagten, dass die Verwendung dieses Wortes Schwierigkeiten bereiten würde, weil es Leute so stark bewegt. Wir einigten uns auf ein anderes Wort: Token. Es hat nicht die gleiche Kraft. Es ist nicht so hässlich. Es zerreißt einem nicht die Seele.

Aber ich akzeptierte es, weil ich wusste, dass es einen Aufruhr gegeben hätte. Manchmal möchte ich als Schwarze Person dieses Wort benutzen, weil ich weiß, wie sehr es weh tut, und genau das möchte ich manchmal vermitteln. Das ist ein Dilemma.

LG: Mirjam, in deinem Vorwort für den Roman Kindred – Verbunden erklärst du einige der Überlegungen, die zu deinen Übersetzungsentscheidungen geführt haben. Du beschreibst, dass du dir Input zur Benutzung des N-Worts von über 50 Personen geholt hast, die selbst von Rassismus betroffen sind. Könntest du uns mehr über deine Vorgehensweise erzählen, was du von den Gesprächen mitgenommen hast und wie sie deine Übersetzung letztendlich beeinflusst haben?

Mirjam Nuenning (MN): Bei der Übersetzung von Kindred war das ein großes Problem, denn das N-Wort wurde im gesamten Buch sehr oft verwendet, und das Buch wurde von einem Verlag veröffentlicht, der ausdrücklich keine Stereotypen, Rassismus und Diskriminierung reproduzieren wollte. Und dann war die Situation die Folgende: Ein Buch, das von einer Schwarzen Frau geschrieben wurde, die dieses Wort ausdrücklich benutzte, nicht nur um Schwarze zu beschreiben – das wäre einfach gewesen, wir hätten es einfach durch Schwarz ersetzen können -, sondern sie benutzte dieses Wort ausdrücklich, weil sie den Horror und das Trauma zeigen wollte, das durch Rassismus verursacht wird: den körperlichen Missbrauch, den sprachlichen Missbrauch, den emotionalen Missbrauch, den sexuellen Missbrauch. Butler benutzt dieses Wort als ein Beispiel für die vielen Schrecken, die versklavte Schwarze Menschen durchmachen mussten.

Ich wollte das N-Wort benutzen. Es ist interessant, dass du zwischen dem N-Wort mit 5 Buchstaben und dem mit 6 unterscheidest, Michaela, denn das ist genau das Problem, auf das wir gestoßen sind. Wir sprachen immer wieder über das N-Wort und ich wandte immer wieder ein: „Aber es gibt zwei.“  Wir haben das nie wirklich geklärt.

Wir beschlossen, einige andere Schwarze Menschen, die im deutschsprachigen Kontext lebten, einzuladen und sie zu fragen: „Wie würdet ihr euch fühlen, wenn wir dieses Wort ausschreiben würden, was sind eure Gedanken dazu?“ Wir erhielten sehr unterschiedliche Antworten. Einige Leute sagten: „Bitte schreibt es nicht aus, das würde mich nur retraumatisieren.“ Andere sagten, wir sollten es ausschreiben, weil es einen Grund gäbe, warum die Autorin dieses Wort benutzt. Sie verwendet es nicht nur, um Schwarze Personen zu beschreiben, sie benutzt es, um ein Beispiel zu geben. Wir haben sehr unterschiedliche Antworten bekommen und das hing teilweise davon ab, ob die Leute in Deutschland, in den USA oder in Frankreich aufgewachsen sind.

Für mich selbst kann ich sagen, dass ich auch eine ganz andere Beziehung zum N-Wort habe. Ich habe viel Zeit in den USA verbracht und in Washington D.C. gelebt, in einer mehrheitlich Schwarzen Stadt. Dort bin ich auf eine Schwarze Universität gegangen. Ich habe völlig andere Erfahrungen in Bezug auf das N-Wort gemacht – sogar das N-Wort mit 6 Buchstaben – als Leute, die nur im deutschen Kontext gelebt haben und die ihr ganzes Leben lang gegen beide N-Wörter kämpfen mussten.

Wir bekamen all diese Antworten; wir hatten lange Diskussionen innerhalb des Verlags und wir entschieden uns, das N-Wort mit 6 Buchstaben auszuschreiben, aber die englische Variante beizubehalten. D.h. wir nutzten das kleine n und wir fügten die weibliche Endung nicht hinzu, wenn sich Sprechende auf eine Frau bezogen. Die englische Variante war unsere Lösung für das N-Wort mit 6 Buchstaben. N***o und coloured habe ich in der deutschen Übersetzung ebenfalls auf Englisch verwendet, weil es keine deutschen Entsprechungen für diese Begriffe gibt, die okay sind. Denn N***o und coloured wurden, wie Michaela schon sagte, irgendwann in der Geschichte tatsächlich von Schwarzen Menschen in den USA benutzt, um sich selbst zu beschreiben. Aber in Deutschland ist das nie passiert. Kein Schwarzer Mensch hat sich jemals als „farbig“ oder mit dem anderen N-Wort selbstbezeichnet – letzteres kann ich auf Deutsch nicht einmal aussprechen.

Wir mussten kreativ werden und darüber nachdenken, warum die Autorin welche Begriffe benutzt, welche Geschichte hier und in den USA mit bestimmten Begrifflichkeiten zur Beschreibung von Schwarzen Menschen verbunden ist.

LG: Angesichts der extrem unterschiedlichen diskursiven Kontexte, die sich um viele politisch sensible Begriffe bilden, scheint es relativ oft so zu sein, dass die Beibehaltung des englischen Begriffs in deutschsprachigen Texten die beste Lösung ist. Aber ist das nicht auch in gewisser Weise problematisch?

MD: Ich bevorzuge es auf jeden Fall, bestimmte Begriffe, wie z. B. woke, auf Englisch zu verwenden. Mir gefällt es am besten, sie dann kursiv zu setzen und zu versuchen, die ungefähre deutsche Übersetzung auch noch zu erwähnen. Ich möchte nicht überheblich wirken, sondern inklusiv sein. Wenn man anfängt, mit diesen Begriffen um sich zu werfen, kann es sein, dass einem Leute begegnen, die inhaltlich zustimmen würden, aber vielleicht nicht die genauen Definitionen der Begriffe kennen.

Gleichzeitig gibt es, wie Mirjam schon gesagt hat, Einschränkungen, es gibt Grenzen. Wörter können nicht einfach importiert werden. Sie können nicht einfach in eine andere Sprache eingeführt und dann genau so dort gelassen werden. Alle sollten sich überlegen – so wie ich es auch immer tue – für wen spezifische literarische Werke in erster Linie gedacht sind oder was z.B. journalistische Texte bewirken.

MN: Bestimmte Begriffe auf Englisch beizubehalten birgt das Risiko, Menschen auszuschließen. Es kann auch dazu führen, dass Englisch als eine kolonisierende Sprache betrachtet wird – dem stimme ich zu, und gleichzeitig ist der Grund, warum ich mich manchmal dabei ertappe, englische Wörter in deutschen Übersetzungen zu verwenden oder diese Lösung sogar vorzuziehen, der, dass es im Deutschen oft keine besser geeigneten Begrifflichkeiten gibt. Der Diskurs im deutschsprachigen Raum zu Themen wie Race, Gender, Intersektionalität und Diversität ist relativ neu. Es gibt ein bisschen mehr Geschichte und ein bisschen mehr Diskurs hinter all diesen Debatten im Englischen, weshalb es manchmal einfacher ist, die englischen Begriffe zu verwenden.

Bis wir passender Begrifflichkeiten finden, also besser geeignete deutsche Wörter, würde ich es vorziehen, die englische Terminologie zu verwenden. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass die Verwendung einer gemeinsamen Sprache auch als einende Kraft in den Widerstandsbewegungen auf der ganzen Welt dienen kann, also z.B. in den Kämpfen gegen das Patriarchat und den Rassismus.

Das Event war Teil unseres Projekts macht.sprache., das vom Berliner Senat gefördert wird. (Weitere Informationen hier.)