Europa und der Postkolonialismus: Ein Besuch im Afrika Museum in Tervuren

Im März 2019 besuchte ich das Afrika Museum in Tervuren außerhalb von Brüssel. Ungefähr eine halbe Stunde Fahrtzeit vom Stadtzentrum entfernt, führte mich die Route mit der Straßenbahn durch eine offensichtlich relativ wohlhabende Gegend mit kleinen Häusern und gepflegten Vorgärten. Ich wurde gegenüber vom Museum, direkt vor seinem unscheinbaren Eingang, abgesetzt. Es schien sich im Bau zu befinden, denn auf beiden Seiten des Eingangs standen zwei große, in Planen eingewickelte Gerüstpoller, doch ich sah niemanden bei der Arbeit. Das Museum wurde angekündigt, wobei „Afrika“ in einer Schriftart geschrieben war, die vermutlich „ethnisch“ aussehen sollte. Zusätzlich gab es Werbung für das Museumsrestaurant mit einem entsprechend „afrikanisch“ anmutenden Namen: Bistro Tembo.

Ich betrat das Anwesen, ein weitläufiges Stück Land, das einst Leopold II. gehörte, dem König von Belgien, dessen große Leidenschaft die Kolonisierung war. Zunächst wirkte alles recht bescheiden: Das Gebäude direkt vor mir war nämlich nicht das Museum; unauffällige A4-Schilder wiesen die Besucher*innen darauf hin, dass sie links abbiegen sollten. Das erste Gebäude war irreführend; es schien fast so, als sollten Besucher*innen das Museum nicht finden.

Nehmen Sie den Weg nach links, er ist wirklich schön, von Bäumen gesäumt und von alten Statuen flankiert. Entlang der Hauptroute, den Hang hinab, wird zunächst ein moderner Platz auf Stelzen sichtbar, und dann auf einmal: Ein Anblick, der direkt einem Jane Austen Roman entspringen könnte. Eine manikürter Rasenfläche führt wie ein ausgerollter Teppich zu einem See hinunter, der von einem Schloss überragt wird.

Auf diesem Gelände fand 1897 eine Weltausstellung statt, die von Belgien und Leopold II. ausgerichtet wurde. Der König erhoffte sich davon, für die Kolonisation und kolonialen Handel werben zu können. Von 1885 bis 1908 herrschte Leopold II. über den damaligen Freistaat Kongo. Für die Ausstellung ließ Leopold Kongoles*innen nach Belgien bringen und eine Nachbildung eines kongolesischen Dorfes bauen, damit die Gäste der Messe diese Menschen in ihrem „natürlichen Lebensraum“ anschauen konnten. Sieben von ihnen starben daraufhin auf dem Gelände.

Der Eingang des Museums befand sich nicht in dem prachtvollen Gebäude, sondern in dem stumpfen, modernen Block auf der linken Seite. Eine Eintrittskarte kostete mich die nicht unerhebliche Summe von 12 Euro. Es war mir mehr als unangenehm, dieser Institution Geld zu geben. Ich betrat das Museum durch einen unterirdischen Tunnel, der zu dem größeren Gebäude führte. Als ich die steile Treppe nach unten nahm, hatte ich das Gefühl, in eine Unterwelt hinabzusteigen, und ich fragte mich kurz, ob dies eine bewusste architektonische oder kuratorische Entscheidung gewesen war. Am Ende des Tunnels nahm ich die Treppe nach oben und betrat das eigentliche Museum. Der erste Abschnitt war eine Art Meta-Kommentar über das Museum selbst. An der Seite befand sich ein Alkovenzimmer, in das die Gegenstände aus der Sammlung gestellt worden waren, die „nicht mehr hierhergehören“. Es schien der Ort zu sein, der die Dinge beherbergte, die ihnen unangenehm waren, von denen sie sich aber nicht trennen wollten. Hier waren vor allem Skulpturen afrikanischer Menschen zu sehen. Ich zweifle nicht daran, dass sie an ihren früheren Schauplätzen noch beleidigender und aufwühlender gewesen sind, aber dieses neue Alkovenzimmer war wirklich unheimlich. Die Figuren standen gedrängt zusammen, erstarrt in bizarren Konstellationen, wie schamhaft versteckt, aber immer noch ausgestellt.

Durchweg schien das Museum bestrebt, sich als Ort der Wissensproduktion zu etablieren, der für unterschiedliche Disziplinen wertvolle Einblicke in die Wissenschaft gibt und gegeben hat. Dies zeigt sich besonders in dem Anspruch, eine „wissenschaftliche Institution zu sein, die sich der Forschung und der Verbreitung von Wissen verpflichtet fühlt“, wie Direktor Bruno Verbergt es im Besucher*innenführer formuliert. Die Sprache, die beschreibt mit welchen Mitteln das Museum „Wissenschaft und Forschung“ betrieben hat, bleibt seltsamerweise neutral.

Nach dieser Vorraumausstellung beginnt der Hauptteil des Museums. Hier steht alles im Zeichen des großen Stils: hohe Decken, kunstvoller Stuck, weite Flächen aus Marmor und so weiter. Es gibt Räume mit Steinen aus Afrika; Räume mit ausgestopften Tieren aus Afrika; unzählige Kunst- und Alltagsgegenstände aus Afrika; rassistische Darstellungen von Afrikaner*innen. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf den ehemaligen Kolonien Belgiens, auf Gebieten in der heutigen Demokratischen Republik Kongo, Ruanda und Burundi, gelegentlich aber auch auf anderen Gebieten Afrikas südlich der Sahara. Auf der Infotafel eines Ausstellungsstücks steht, es sei das älteste Kunstwerk der Welt: Es handelt sich um ein Stück geschnitztes Holz, das möglicherweise wie ein Erdferkel aussieht. Warum sind diese Dinge hier?

Das Museum wurde von 2013 bis 2018 umfassend renoviert, was nur wenige Monate vor meinem Besuch abgeschlossen wurden. Das Ziel dieser Renovierung bestand laut der Website des Museums darin, „ein entkolonisiertes, zeitgenössisches Bild von Afrika zu bieten“. Wenn dies die entkolonialisierte Version ist, schaudert es mich bei dem Gedanken daran, wie alles vorher ausgesehen haben muss. So wertvoll der Einbezug von einigen kongolesischen Stimmen und (nicht gestohlenen) Werken wie Thérèse Izay Kirongozis Verkehrsroboter auch ist, die Änderungen erscheinen mir völlig unzureichend. Eine genauere Beschreibung der Exponate nach der Renovierung können Sie hier lesen.

Matthias De Groof produzierte in Zusammenarbeit mit Mona Mpembele einen Dokumentarfilm über den Renovierungsprozess, das Palimpsest des Afrikamuseums. Der Film dokumentiert Diskussionen zwischen Museumsmitarbeiter*innen und einem Ausschuss von sechs Experte*innen, die als Repräsentant*innen von verschiedenen afrikanischen Vereinen in Belgien ausgewählt wurden. Dr. Bambi Ceuppens beschreibt darin, dass in der Ausstellung von 1897 „exotischer Tanz“ und körperliche Untersuchungen zum Zwecke des biologischen Rassismus gezeigt wurden, sowie ein Schild, das die Besucher*innen anweist, die ausgestellten Menschen nicht zu füttern.

In der Diskussion der les 6, wie sie genannt werden, entsteht eine Debatte über den wesentlichen Charakter des Museums: Es ist ein Naturkundemuseum, ein historisches, ethnographisches und anthropologisches Museum und so weiter. Je nachdem wie das Museum verstanden wird, wird sein Weg in die Zukunft festlegt werden. Letztendlich ist es im Grunde eine schlichtweg koloniale Institution: Geboren aus dem Willen, die koloniale Gewalt zu verherrlichen, versucht es nun seine fortdauernde Existenz zu legitimieren, indem es sich auf seinen Anspruch der „Wissensproduktion“ beruft, die natürlich nach wie vor in der Kolonialzeit verankert ist. Wie viele andere europäische Institutionen, ist das Museum das Ergebnis von Ausbeutung. Kann diese Geschichte wieder gut gemacht werden? Ich war erleichtert, aus Tervuren abzureisen.

Das Museum befindet sich in einem Vorort von Brüssel, einer Stadt, in der so einiges nach Leopold II. benannt wurde. Es ist auch die Hauptstadt der EU, die oft als Abkürzung verwendet wird, um Europa als normatives Ideal darzustellen. Die Proteste nach der Ermordung von George Floyd und Rayshard Brooks im Mai und Juni 2020 in den Vereinigten Staaten haben dem Kampf gegen die Aufrechterhaltung von Denkmälern für den Kolonialherrenkönig neue Energie verliehen, da die Forderungen nach der Entfernung der Statuen Leopolds II. eskaliert sind. Dies sind ermutigende und hart erarbeitete Errungenschaften der jahrelangen Arbeit vieler Aktivist*innen – wie MRAX und die Gruppe Réparons l’Histoire, die eine von Zehntausenden von Menschen unterzeichnete Petition zur Entfernung der Statuen des Kolonisten aus dem öffentlichen Raum gestartet haben. Die Dynamik überträgt sich, wie das wachsende Bewusstsein für die kolonialen Spuren des Rassismus, die noch immer auf vielen europäischen Straßen zu finden sind, zeigt. Beispiele auf dem gesamten europäischen Kontinent stehen endlich im Blickpunkt der Öffentlichkeit, von Bristol, wo Black Lives Matter Protestierende eine Statue des Sklavenhändlers Edward Colston stürzten, bis hin zur Markierung von Winston Churchill in Prag und António Vieira in Lissabon. In Deutschland wird die Beseitigung von Gedenkstätten für deutsche Kolonialisten gefordert und damit die Arbeit, die von Organisationen wie Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Berlin Postkolonial und Postcolonial Potsdam seit langem verfolgt wird, in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Das Wachsen der antirassistischen Bewegungen und das Bewusstsein für die anhaltenden kolonialen Verstrickungen Europas, die sie motivieren, mögen hoffnungsfroh sein. Gleichzeitig erinnert die enorme Fülle an Beispielen kolonialer Erinnerungsorte auch daran, wie viel Arbeit wir in Europa noch zu leisten haben – wenn sich das Afrika Museum in seiner gegenwärtigen Inkarnation „entkolonialisiert“ nennen darf und das Niederreißen der Statuen Leopolds II. noch zur Debatte steht.