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30. Dezember 2020

Online-Ausstellung: Three Missing Letters

Im Jahr 1934 unternahm der Zahnarzt und Erfinder Stephen H. Smith einen Raketenstart im Meer vor Saugor Island in Indien. Die Rakete beinhaltete ein Bündel von 143 Briefen und sollte eine neue Ära der Luftpost einläuten – eine schnelle und direkte Kommunikationstechnologie, die auf langsame, landgestützte Infrastrukturen des Straßentransports verzichtete. Für Smith bestand das Potenzial darin, Katastrophenhilfe für Menschen in Bergregionen wie dem Himalaya zu leisten und ein neues Zeitalter interplanetarer Vernetzung einzuläuten. Der Start verlief jedoch nicht nach Plan. Die Rakete explodierte in der Luft und zerstreute ihre Ladung. 140 Briefe konnten geborgen werden, die restlichen drei gingen verloren.  

Die Landschaft historischer und zeitgenössischer Medien durchquerend –  einschließlich digitalisierter Karten, Archivdokumente, Stop-Motion-Animationen und nachgestellter Bilder – spekulieren Lin+Lam in ihrem neuen Film Three Missing Letters (dt. drei fehlende Briefe) über den Inhalt dieser drei verlorenen Briefe.

Der Film zeichnet die ökologischen und politischen Konturen nach, die eine ungehinderte Kommunikation auch über umstrittene Grenzen hinweg beeinflussen. Three Missing Letters verschränkt komplexe Geschichten mit dem Vermächtnis von Smith’ gescheitertem Experiment: Feindselige militärische Beziehungen, sich verändernde ökologische Bedingungen und die Gewinnung natürlicher Ressourcen als Teil der sich erweiternden Adern von Im- und Export. Eingebettet in diese Erzählung ist die fortwährende Arbeit indischer und chinesischer Postboten, die noch immer Briefe in das schwer zugängliche „Niemandsland“ Nathu La, den „Pass des hörenden Ohres“ im Himalaya auf 14.000m Höhe, ausliefern. Lin+Lam bemerkten hierzu: „Dieser Austausch hat alle Gezeiten diplomatischer Beziehungen überstanden und es den tibetischen Geflüchteten ermöglicht, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben, als kein anderer Kontakt erlaubt war.“

Der Film hinterfragt nicht nur Formen der Kommunikationstechnologien zwischen Nationalstaaten, sondern auch, wie Konzept und Anerkennung einer „Nation“ vom Zugang zur Kommunikation abhängig sind. Three Missing Letters wurde auf dem langen und verschlungenen Weg zu den US-Präsidentschaftswahlen 2020 entwickelt; Lin+Lam greifen bewusst die Worte des kaschmirischen Dichters Agha Shahid Ali in ihrem dritten Brief auf: „Ein Land ohne Postamt ist ein Land, dessen Zukunft eingeschränkt ist.“

Lin+Lam (Lana Lin und H. Lan Thao Lam) kollaborieren seit 2001. Gemeinsam produzieren sie forschungsbasierte Projekte, die die Begriffe der Geschichte, der Evidenz und der Subjektivität erweitern. Ihre Arbeit dient grundsätzlich einer pädagogischen und ästhetischen Funktion, indem sie die Rezipient*innen auffordern, Informationen nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern jene Motive hinter den Entscheidungen über Repräsentationen sowie die Methoden, durch die sie strukturiert werden, zu hinterfragen. Als Künstler*innen und Wissenschaftler*innen haben sich Lin+Lam intensiv mit der Psychoanalyse, Anthropologie und postkolonialen Studien beschäftigt. Ihr neues Video setzt sich mit sozialen Hierarchien und Machtverhältnissen auseinander und bewertet das Potential von Geschichte, Kunst und Medien als Instrument der Erzählung von Wahrheiten und Manipulation. Lin+Lams Arbeiten wurden international ausgestellt, darunter im Museum of Modern Art, New York;New Museum, New York; The Kitchen und das Queens Museum, New York; Yerba Buena Center for the Arts, San Francisco (US); Arko Arts Center, Korean Arts Council Seoul; bei Internationale Kurzfilmtage Oberhausen (DE); sowie auf der 3. Guangzhou Triennale (CN)Bisherige Arbeiten wurde u.a. vom Canada Council for the Arts, der Jerome Foundation, der Fulbright Foundation und dem New York State Council on the Arts unterstützt.

In Zusammenarbeit mit der Julia Stoschek Collection und OUTSET Germany_Switzerland widmen sich die KW Production Series anhand zweier Neuproduktionen pro Jahr dem künstlerischen Bewegtbild. Das Projekt ist inspiriert von den Gründungsprinzipien der KW als einem Ort für Produktion, Reflexion und kritischen Austausch. Die KW Production Series setzen sich zum Ziel, ausgewählte Künstler*innen zu unterstützen, deren Arbeit und Karriere sich vor einem wegweisenden Durchbruch befinden und die nicht nur von der finanziellen Unterstützung und dem institutionellen Renommee profitieren, sondern dieses Format auch nutzen, um den Tiefe- und Schärfegrad ihrer künstlerischen Arbeit maßgeblich und nachhaltig zu modifizieren.